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von Dr. Uwe Rüth

Der Strukturwandel in Detroit

Historische Situation

Größte Stadt im US-Bundesstaat Michigan und Mittelpunkt des drittgrößten Ballungsraums an den Großen Seen mit ca. 5,2 Millionen Einwohnern (2010). Durch die Ansiedlung von großen Autofabriken (Chrysler, Ford, General Motors) im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Detroit zum Zentrum der amerikanischen Automobilindustrie (= „Motor City“) und durch sie zu einer der wichtigsten Industriezentren der USA.

Niedergang

Seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ging die Bevölkerung der Stadt hauptsächlich wegen des Niedergangs der Autoindustrie merklich zurück: von ca. 1 850 000 Einwohnern (1950) auf 715 000 (2010), von denen ca. 83% Afroamerikaner sind (höchster Anteil Schwarzer in einer US-amerikanischen Stadt). Die Kriminalitätsrate stieg extrem. Mit dem weiteren Rückgang der Autoindustrie vollzog sich der soziale Abstieg weiter: 35% des Stadtgebietes sind inzwischen nicht mehr bewohnbar. Detroit gilt als eine der gefährlichsten Städte der USA. Zu Beginn des Jahres 2013 wurde Detroit wegen Überschuldung unter Zwangsverwaltung des Bundesstaates gestellt und am 18. Juli 2013 wurde Insolvenz angemeldet. 30% der Bevölkerung lebt in Armut und 80 000 Häuser stehen in der Stadt leer.

Kulturelle Situation

Obwohl heute die Schulsituation in Detroit mangelhaft ist, gehören einige der öffentlichen und privaten Universitäten zu den angesehenen. Schulen der USA Sowohl das Musikleben als auch die Anzahl wichtiger Museen zeigen bis heute die einstmals hervorstechende Stellung der Stadt. Das ‚Detroit Institute of Arts‘ gehört zu den wichtigen US-amerikanischen Museen. Neben wichtigen Werken der klassischen Moderne ist vor allem der „Detroit-Industrie-Zyklus“des mexikanischen Künstlers Diego Rivera zu erwähnen, den dieser im Gartenhof des Museums auf 27 Teilflächen im Auftrag des Museumsdirektors W.R. Valentiner und finanziert durch Edsel Ford 1932/33 auf der Basis von hunderten Fotografien aus den Ford-Produktionsstätten als industrie-kapitalistischen Wandmalerei-Zyklus anlegte.

Nach dem Niedergang Detroits in der „großen Depression“ gelten die Fresken als ein impulsgebendes Element zur wirtschaftlichen Erneuerung. Dem kommunistische Künstler gelang es, inhaltlich zwischen der Perspektive des amerikanischen kapitalistischen Unternehmertums und der sozialistischen Auffassung von „Maschinerie und Große Industrie“ (Karl Marx) einen heterogenen Mittelweg zu gehen. So blieb dieser bedeutende Zyklus im Gegensatz zu den wegen der kommunistischen Inhalte zerstörten Malereien Riveras im New Yorker Rockefeller Center (1934) bis heute erhalten. Zeugt doch dieser Zyklus trotz der teilweise aggressiv geführten Diskussionen im damaligen Detroit von einem sensiblen sozialen Bewusstsein der damals hier bestimmenden Menschen. Rivera schreibt in seiner Autobiographie, dass die Wandmalereien „ausschließlich zum Wohlgefallen der Arbeiter der Stadt geschaffen worden sind“.

 

Kunst und Kultur als strukturwandelnde Kraft heute

Heute gilt Detroit als wirtschaftlich tot, aber künstlerisch im Aufwind. Viele Künstler haben sich dorthin aufgemacht, weil die Stadt zur neuen Kreativität einlädt.

Es ist nicht die offizielle städtische Kulturpolitik, die hier die neuen Akzente zum Aufbau eines originären Selbstbewusstseins der Menschen liefert, sondern es sind die Künstler selbst, die, angezogen von einer Atmosphäre der grundsätzlichen Erneuerung sozialer Strukturen, die Marken setzen.

Als ältestes und Richtung gebendes Projekt muss wohl das ‚Heidelberg Project‘ gelten, dass schon 1986 durch den Detroiter farbigen Künstler Tyree Guyton erdacht wurde, um eine „kreative Antwort zu geben auf die voranschreitende Enttäuschung und den Zerfall der sozialen Strukturen der Nachbarschaften, in denen er aufwuchs“.

Es war der Großvater(„Grandpa Sam“), der Tyree Guyton dazu animierte, seine künstlerischen Ideen in eine neue Richtung zu lenken. Schnell fand sich eine breiter werdende Schar von Künstlern und Nicht-Künstlern, die Guyton unterstützten und es entwickelte sich bis heute eine breite Bewegung: In der Detroiter East Side (McDougall-Hunt neighbourhood) werden leerstehende Häuser zu Kunsthäusern. Im Inneren werden sie mit Kunst ausgeschmückt und das Äußere wird mit auf den Straßen gefundenen Objekten in eine Großcollage fast surrealer Anmutung verwandelt.

So gibt es ein großes Holzhaus, das mit Stoffpuppen und –tieren von oben bis unten bestückt ist und so zu einem farbig-buntem Leben erweckt wurde. Andere Häuser wurden mit großen bunten Kreisen bemalt oder als pseudo-religiöse Orte ausgeschmückt. Darüber hinaus entstanden in den Häusern Orte, wo Kunst Kindern und Erwachsenen unterrichtet wurde und wo über die neue bunte und aufrüttelnde Idee diskutiert wird. Obwohl inzwischen von vielen bestaunt und weit über die Grenzen Detroits hinaus anerkannt, gab es auch große Widerstände, die sich vor allem im Abbrennen künstlerisch gestalteter Häuser hervortaten. So wurde z.B. als letztes am 7. März 2014 das „Party Animal House“ angezündet und zerstört. Eine Bürgerwehr soll nun die „Nachbarschaft“ schützen.

Die weitere Entwicklung

Seit 1986 sind viele Projekte hinzugekommen, namhafte Künstler widmen sich der Situation und beeinflussen mit Aktionen und Konzepten die Entwicklung positiv, so dass im Mai 2011 in ZEIT-ONLINE zu lesen war: „Seit Hunderte Künstler in die verlassenen Werkshallen ziehen, lebt die einstige Autostadt auf – mit Galerien, Performances und wilden Experimenten.“

In leerstehenden Fabrikanlagen, so im ehrwürdigen Russel Industrial Center, entworfen von dem bekannten Industriearchitekten Albert Kahn, sind ganze Hallen von ‚Kreativen‘ in Beschlag genommen und angemietet: „Drucker, Grafiker, Künstler, Architekten und Mode Designer arbeiten hier.

Im Hof findet mit dem ‚Russel Bazaar‘ regelmäßig ein Wochenende mit Schmuck und Mode statt.“ Die Frankfurter Allgemeine vom 25. Oktober 2010 berichtet: „In der Geisterstadt Detroit lenken Künstler Matthew Barney und Jonathan Bepler mit einer sensationellen Performance die Blicke auf die neue Kunstmetropole.“ Besonders scheint die Ästhetik der verfallenden und leerstehenden Gebäude zu animieren: Es sind Dokumente eines Verfalls, die einen neuen Aufbruch fordern, und die Künstler ziehen aus diesen Bildern ihre Kraft.

So tourt seit 2010 die Ausstellung „The Ruins of Detroit“ mit Fotografien aus dem Buch „The Ruins of Detroit City“ von Yves Marchand und Romain Meffre durch die Welt (Stockholm, Strasburg, Paris, Berlin, London, Amsterdam, Zürich), die den Zerfall und das Chaos im Inneren von einst wichtigen Gebäuden der Stadt dokumentieren.

Ein weiteres spektakuläres Projekt, das in ähnlicher Weise fortgesetzt wurde, war das 2009/10 durchgeführte „Ice House Detroit“ von Gregory Holm und Matthew Radune. Es handelt sich um eine zeitlich begrenzte architektonische Installation, indem ein typisch im Verfall befindliches Haus Detroits bei einer Temperatur weit unter 0 Grad C mit Wasser bespritzt wurde, das sofort einfror und das Gebäude in unterschiedlichen Schichten überzog.

Auch diese Aktion war nur mit Hilfe vieler dort wohnender Menschen möglich. Später wurde das Haus abgebaut, in Teile zerlegt und das Grundstück zum Anbau von Gemüse freigegeben.

Viele weitere teilweise bizarre künstlerische Aktionen und Werke sind entstanden, wie z.B. die Bemalung eines 10-stöckigen Parkhauses durch 27 internationale Künstler (Titel: „The Z“ und organisiert durch das ‚Library Street Collective‘), die aus Detroit eine Stadt der neuen Kreativität machen.

 

Zusammenfassung

Nicht die offizielle städtische Politik und Kulturverwaltung geben der Entwicklung der neuen breiten Kunstentwicklung in Detroit ihren Schwung, sondern es sind Künstler, die in dem in Auflösung begriffenen inneren Zustand von Detroit neue Akzente setzen, Aktivitäten starten und neue Formen der künstlerischen Auseinandersetzung finden.

Die städtische Notverwaltung trat z.B. im Jahr 2014 mit der Idee an die Öffentlichkeit, die wertvolle Sammlung des Detroiter Institute of Art zu verkaufen, um die Schulden und damit den Haushalt der Stadt u.U. wieder in den Griff zu bekommen.

Das mit der Schätzung der Sammlung beauftragte Versteigerungshaus Christie ermittelte einen Wert zwischen 454 und 867 Millionen Dollar. Das Vorhaben scheint im Moment jedoch durch den Vorschlag eines ‚Grand Bargain‘ durch den Notverwalter der Stadt abgewendet zu sein. Es zeigt jedoch, dass Detroit allein durch die Schaffenskraft und die Phantasie der Künstler neue Kraft zu der notwendigen Neustrukturierung ihres kommunalen und nachbarschaftlichen Lebens erlangen kann.

Wird es so kommen, wie so oft: Erst die Künstler, dann die Reglementierung durch die Verwaltung, dann die Geschäftsleute und zum Schluss die Wohlhabenden, die die Preise in den Himmel und die Künstler vertreiben?