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2. April 2015 - von Claudia Posca

Zwischen den Häusern, zwischen den Städten: Leben? Oder Theater? - Charlotte Salomon

Über dieses Projekt muss man schreiben. Weil es eine gelungene Kooperation zwischen dem Kunstmuseum Bochum und dem Musiktheater im Revier ist (MiR); weil dieser Schulterschluss die wenig bekannte, hochtalentierte jüdische Malerin Charlotte Salomon entdeckt; weil das Projekt die Frage aufwirft, wie ein Kunsthaus, wie ein Theaterhaus mit dem Holocaust umgehen.

Keine leichte Kost, denn was beide Institutionen zu sehen geben, geht unter die Haut, weil es sehen macht. Heiter sei die Kunst? Schön, wenn es so ist, ist aber nicht so. Und ist schon gar nicht immer so. Selbst wenn man genau das - insgeheim - von Kunst erwartet, sei sie gemalt, sei sie getanzt.

Das Kunstmuseum Bochum und das MiR Gelsenkirchen halten dagegen. Jeder auf seine Art - spartenübergreifend. Nicht viele Kunst- und Kultur-Stätten wagen ein solches Experiment: Aus unterschiedlicher Blickrichtung auf ein gemeinsames Thema gucken, Bedeutungsperspektiven erschließen.

Hier wirkt das Kulturhauptstadtjahr 2010 nach. „Leben? Oder Theater?“ Worum geht es?

Die Vorlage für beide Ruhr-Kunst-Häuser: Ein Mappen-Werk, Bilder-erzählt in Gouache-Technik auf Hunderten von etwa DIN 4-großen Blättern. Der Titel: „Leben? Oder Theater?“Gemalt wurden sie von einer jungen Frau, die nur 26 Jahre alt, im fünften Monat schwanger und gerade glücklich verheiratet, in Auschwitz umgebracht wurde, während ihr in nur knapp zwei Jahren zwischen 1940 und 1942 entstandenes „Singespiel“, wie sie es nennt, bei ihrem Vertrauensarzt versteckt, überlebte. Heute befindet sich der Nachlass Charlotte Salomons im Jüdischen Museum Amsterdam, von woher auch die in Bochum zu sehenden Leihgaben stammen. Die Kunstmuseums-Präsentation sowohl als auch die Ballett-Oper stehen im Kontext des 50jährigen Bestehens der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen.

Kunst? Oder Geschichte? Wie geht man auf der Bühne, im Museum mit dem Holocaust um? „Mit einer Reihe von Künstlerinnen und Künstlern, die wegen ihrer jüdischen Abstammung von den Nationalsozialisten umgebracht wurden, unterliegt auch das Werk von Charlotte Salomon (1917 in Berlin geboren und 1943 im KZ Auschwitz ermordet) der Gefahr, eher als besonderes historisches Dokument denn als beispielloses Kunstwerk betrachtet zu werden“ heißt es im Klappentext der Einladungskarte zur Bochumer Ausstellung. Darf man das so sehen?

Es sind wichtige Darbietungen an den Rändern etablierter Kunst- und Ballettgeschichte, die Museumschef Hans Günter Golinski und Ballettdirektorin Bridget Breiner uns zumuten, ästhetische Statements zur Deutschen Geschichte. Hier Theater-Requisiten, Kostümentwürfe und ein Info-Kabinett nebst Bühnenbild-Modell in den Bochumer Bilder-Parcours integriert, dort eine digitale Ausstellung zu Charlotte Salomons Leben im Foyer des Großen Hauses in Gelsenkirchen installiert. Beides eingepasst in die Arbeit des eigenen Hauses - der Brückenschlag funktioniert: Ballett-Enthusiasten kommen aufgrund der MiR-Inszenierung ins Museum gucken, Museumsgänger fahren - so es denn noch Karten gibt - ins benachbarte Gelsenkirchen.

Ich schaue mich im Rund des großen Oberlichtsaales in Bochum um. Eine außergewöhnliche Präsentationsform wurde für die Papierarbeiten gewählt: Ein Wand-umlaufender Fries, auf Augenhöhe gehängt, die Szenenfolge einer Familiengeschichte wie im Drehbuch, ein Leben  hinter Glas. Sequenz für Sequenz ist es mal realistisch gemalt, mal expressionistisch, mal surreal, ein kühnes Cross-Over zwischen van Gogh, Munch und Chagall, mit Zitaten und Gedankensplittern gespickt, oft nah dran an Comic, Groteske und Karikatur, verfremdet, wie durch fremde Augen geguckt. Doch ist es die Künstlerin, die sich selbst, ihre Geschichte betrachtet: reflektiert, empathisch, unglaublich reif. Ihre Bilder sezieren scharf: Trauer, Verfolgung, Politik, eigene Ängste, Lebenswille, Freundschaft, Liebe. Charlotte Salomon malt gegen Resignation an.

Daraus hat Bridget Breiner in Gelsenkirchen gemeinsam mit der amerikanischen Komponistin Michelle DiBucci eine spartenübergreifende Ballettoper mit Bild, Tanz und Musik konzipiert. „Das Ergebnis ist eine hochkomplexe, aber auch äußerst metaphorisch-sinnliche Arbeit“ notiert „Die Deutsche Bühne“.

Kunst? Oder Geschichte?

Beide Häuser sind davon überzeugt, was Hans Günter Golinski auf den Punkt bringt: „Wir wollten Charlotte Salomon keinen zweiten Tod sterben lassen, stellen deshalb die künstlerische, die kunsthistorische und die gegenwärtige Bedeutung ihrer Kunst in den Vordergrund - ohne das schreckliche Schicksal der Künstlerin zu verschweigen.“

Standing Ovations für dieses tolle Kooperationsprojekt, das eine wunderbare Künstlerin entdeckt.

Kunstmuseum Bochum: Noch bis zum 25. Mai, jeden ersten Mittwoch im Monat ist der Eintritt ins Museum frei.

MiR Gelsenkirchen: 29. März, 23.April, 10. Oktober, 18. Oktober, 19. oder 20. November (Kartentelefon: 0209 – 4097-200)

Zwischen den Häusern, zwischen den Städten: Leben? Oder Theater? - Charlotte Salomon