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4. Februar 2016 - von Claudia Posca

ZOO muss leuchten: für Kunst auf dem Markt

Essen

Ich liebe Märkte. Weshalb der Samstagmorgen für Essen-Rüttenscheid reserviert ist: für Frischgemüse und Duftrose, für Fisch oder Huhn vom Feinsten, für Glattpetersilie. Und auch für Rosmarin im Bund. Aber Kunst? Was hat die auf dem Wochenmarkt verloren?

Bis man mich eines Tages eines Besseren belehrte. Der Rüttenscheider Markt hat Kunst. Und zwar schon seit über einem Vierteljahrhundert. Von einem Künstler, den auch andere im Revier gern hätten: Albert Hien, 1956 in München geboren, ist ein Großer auf dem Kunstmarkt. Zwei Mal schon war der Mann documenta-Teilnehmer, seit 2001 ist er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München, zuständig für Bildhauerei und Kunstpädagogik. Seine Spezialität: „Mit seinen Installationen und Skulpturen ironisiert er den Fortschritt der Moderne“ skizziert es Walter Storms. Und Lothar Romain schreibt im Kritischen Lexikon der Gegenwartskunst, dass es ein zentrales Hien-Thema sei „die Janusköpfigkeit des Fortschritts“ zu sezieren genauso wie die „konkreten Erlebnisse vor Ort…, die Geschichte, die sich dort aufdrängt.“

„Rüttenscheider Markt? Samstag? Man sieht sich!“ Der Ort ist eine Institution: die Menschen, das Gewusel, der Duft, die besondere Atmosphäre, das Büdchen „umme Ecke“ am Platz. Irgendwen trifft man hier immer: Stadtgeflüster, Rendezvous, Urbanität. „Der Markt hat was“, ist Stadt- und Kulturgeschichte. Albert Hien fand‘s großartig.

1987 installierte er seinen ZOO als lichtleuchtenden Schriftzug aus Neonröhren-Buchstaben und -Pfeilen im Rahmen eines vom damaligen Folkwang-Museumsdirektor Ulrich Krempel vorangetriebenen Art-Public-Projekts. Seither thront Hien-Kunst auf einem Sockel, der keiner ist, weil das Fundament in Wahrheit das Kiosk-Klo-Häuschen vor Ort ist: Kunst auf dem Dach der Welt.

Und wo ist der Zoo? Nahezu jeder liest den Zoro-Schmiss des Pfeilverlaufs mit den beiden Neonröhren-Nullen zusammen. OO+Z = ZOO.

Ja, gab‘s denn einen solchen hier? „Jetzt schon, früher nein.“ Das Ganze ist Kunst durch und durch, zwischen Grafik und bildsprachlicher Kippfigur, zwischen Irrung, Wirrung und Spiegelung: 00 oben symbolisiert Klo unten, die klassische Uhr findet sich durch eine aufgesetzte, abstrakte Sanduhr verdoppelt,  „die Skulptur hat eine gewisse Redundanz. Sie ist plakativ, hat aber Witz.“ Und vielleicht etwas vom Comic? „Ja, eigentlich ist das Ganze eine riesengroße Sprechblase.“

Ich spreche mit Volker Troche, der mit weiteren fünf Kunstenthusiasten die Essener Initiative „ZOO muss leuchten“  vergangenen Oktober gestartet hat: ehrenamtlich, für das verwahrloste Wahrzeichen des Rüttenscheider Marktes, gegen den Worst Case eines geschliffenen Kunstwerkes. Wie andere Kommunen im Revier, hat auch Essen kein Geld für Restaurierungsmaßnahmen. Tote Kunst in den Städten?

Ach könnten die Künste doch Marktschreien, das Abseits bliebe im Aus!

Leider aber ist und bleibt der ZOO stumm. Dabei könnte er leuchten, was er einst auch tat, aus Mangel an Wartung aber einstellte. Die rhythmische Leuchtsequenz früherer Tage hat der Künstler beschrieben: „Diese Doppelnull kommt drei Mal. Und dann kommt der Pfeil hier. Und dann hüpft diese Folge hier so rüber: dap, dap, dap - und dann kommt ZOO in dreifacher Länge oder in fünffacher Länge.“ Schon lange aber leuchtet ZOO nicht mehr. Obwohl das Ensemble, außer der Lichttechnik und einer verblassten Rotfarbigkeit, ansonsten bestens in Schuss ist.

Restaurierung oder Abriss?

„Ich halte die Installation für nahezu perfekt. Auch weil sie nicht nur irgendwie im Raum steht, sondern auffällig wird durch die Beleuchtung. Und weil sie sich nicht anbiedert, weil sie sich nicht aufdrängt. Und weil sie als Installation auf einem Dach ungewöhnlich ist. Es ist eine intelligente Installation.“ 

So sehr ist der ZOO Bürgern und Markt ans Herz gewachsen, dass mancher die Ortsspezifik fast übersieht, weil sie „immer schon da war, weil sie dazu gehört.“ Sagt das Publikum. Und spricht über Identität und Heimatgefühle. „Da, wo ZOO auf der Bude steht, ist Markt“. Der Navigationstipp hat psychologisches Analysepotential: Mensch, Markt, Zoo, Sehen und Gesehen-werden. Ganz schön clever, die pfiffige Landmarken-Kunst in der City. Das muss einfach klappen, mit dem Lichtmagie-Update!

Doch noch droht, wie anderen in den 1970er und 80er Jahren euphorisch als „Kultur für alle“ zur „Demokratisierung von Kunst“ in den Stadtraum implantierten Kunststücken auch, ein schleichender Tod. Bloße Listenverwaltung im Rathaus erstickt Freiluftkunst. Bundesweit modern zig öffentliche Kunstwerke umsonst und draußen vor sich hin. Rettung naht bestenfalls, wenn uns die Kunst droht, auf den Kopf zu fallen. Restaurierung oder Abriss?

„Ganz klar, der ZOO muss leuchten! Dafür müssen die Lichtanlage repariert, die Neonröhren erneuert und die Buchstaben abgenommen, neu lackiert und montiert werden.“ Am 17. Juli 2015 fand die Zustandserfassung auf dem Pavillondach statt. Mit dabei: die leitende Restauratorin des Museum Folkwang Silke Zeich sowie Dipl.-Restaurator Jacob Wedemeyer von Ars Servandi.

„Wir trommeln für die Kunst. Und stellen uns dafür auch auf den Markt.“ Volker Troche ist passioniert. Die griechische Agora als pulsierender Ort urbanen Lebens ist ihm wichtig. Kunst gehört dazu. Bürgerwille auch. Hobby-Urbanistik sieht anders aus.

Ich finde, das Ganze hat mächtig Herz und Verstand. Professionalität sowieso. Volker Troche ist überzeugt: „Der Ort ist sexy, der ZOO hat Charme. Vor allem, wenn er wieder lichtleuchtet.“ Von den geschätzten 25.000 Euro, die die Restaurierung kosten wird, sind jetzt schon knapp 10.000 Euro eingesammelt. Die Basis macht mobil, was auch wäre der Rüttenscheider Markt ohne seinen ZOO?

Ab sofort hat mein samstäglicher Markttag eine zweite Adresse: post@zoo-muss-leuchten.de für Anfrage und Kontakt zur Rettung eines schillernden Leuchtturm-Projektes im Revier.

ZOO muss leuchten: für Kunst auf dem Markt