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5. November 2015 - von Claudia Posca

Zollverein + Kunst + Messe = C.A.R.

Essen

C.A.R. liest sich wie car = Auto. Ist aber eine private Kunstmesse mit zwei Ausgaben pro Jahr, „eigens fürs Ruhrgebiet konzipiert“. Sagen die Veranstalter zu ihrer Contemporary Art Ruhr auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen.

Mich interessiert: Hat die C.A.R. Identifikationspotential? Ist sie besonders?

Es ist der 30. Oktober 2015. Um 20 Uhr beginnt die C.A.R. offiziell, die Preview für VIPs ist zwei Stunden früher gewesen. 7000 Quadratmeter in 5 Hallen auf 7 Ebenen sowie der auf Zollverein beheimatete SANAA-Hingucker-Bau offerieren internationale Gegenwartskunst. Rund 300 Teilnehmer sind mit im Boot. Sieben Sonderausstellungen gibt’s zu sehen, Länder-Specials, wie „Korean Blue Waves“, Artists Talks, Coworking spaces, wie „planbar4“ aus Essen oder „work inn“ aus Bochum, das Künstlerprogramm Ruhr. Außerdem: „C.A.R. CAMP“, ein Projekt, das „unterschiedliche Disziplinen zusammenbringt, um marktfähige Produkte zu entwickeln. Viele Kunstproduzenten machen tolle Arbeiten, können davon aber nicht leben. Die Kunstlandschaft des Ruhrgebiets ist eher zersplittert. Es ist hier nicht so, wie in Berlin, wo sich die Szene kennt, die Netzwerke stark sind. Dass sich das im Revier verbessert, wollen wir durch „C.A.R. CAMP befördern“ heißt es beim Presserundgang.

Parallel zur C.A.R. läuft zudem „Folkwang*inside“, eine Studien-Informationsveranstaltung  der Folkwang Universität der Künste von Studis für Studis in spe im SANAA-Gebäude, der Ausbildungsstätte für angehende Kunstproduzenten. „Die Leute gehen der Kunst wegen zur C.A.R. und besuchen uns, um zu sehen, was in der Ausbildung im Bereich Gestaltung, Design, Fotografie, Neue Medien passiert. Die Verknüpfung von Lehre und Profession funktioniert sehr gut. Unser Ansatz: Vor allem Studierende stehen Rede und Antwort, was die Hemmschwelle für Schüler, zum Teil auch für Eltern abbaut nachzufragen“ sagt Prof. Lazzeroni von der Folkwang-Universität, zuständig für Grundlagen-Gestaltung im medialen Kontext. Die Atmosphäre im experimentellen Info-Atelier in der zweiten Etage des SANAA-Gebäudes mit den großen Fenstern ist easy, man informiert sich gern.

Es ist ein Rundum-Paket, das die C.A.R. offeriert, ein Cross-Over von Marktplatz, Kunstverkauf,  Basisarbeit, Vernetzung, Information, Kreativwirtschaft, Talentförderung. „Fair: mit gleichen Einstiegsbedingungen für die Teilnehmer. Minimalistisch: mit einem offenen und puristischen Erscheinungsbild. Pulsierend: mit immer wieder neuen Einblicken in aktuelle Strömungen der zeitgenössischen Kunst“ werben die Veranstalter. Nur einen Messe-Preis oder einen Publikums-Preis gibt es (noch) nicht.

Bis zur Jahrtausendwende hatte das Revier keine eigene Kunstmesse. Allenfalls die sehr viel kleinere, auf gegenständliche Exponate konzentrierte KUBOSHOW in den Herner Flottmann-Hallen als älteste Kunstmesse an der Ruhr mit diesjährig 20jährigem Jubiläum könnte genannt werden. Ist aber nicht vergleichbar. Und so preschten Silvia Sonnenschmidt und Thomas Volkmann von der Essener „galerie/agentur 162“ vor und riefen vier Jahre vor „Kulturhauptstadtjahr 2010“ und drei Jahre nach der 2003 erstmals gestarteten Kölner „Art Fair“ für moderne und aktuelle Kunst ihre „Contemporary Art Ruhr“ ins Leben. Nicht irgendwo, sondern da, wo es besonderer nicht geht: auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein im Essener Drei-Stadtteil-Eck Katernberg, Schonnebeck, Stoppenberg.

Ich spreche mit Thomas Volkmann, der mir, routiniert und auch ein bisschen stolz, von der diesjährig „schon recht großen Ausbaustufe der C.A.R.“ erzählt. „Angefangen haben wir mit nur einer Halle. Heute bespielen wir fünf, sechs. Und im nächsten Jahr werden wir mit dem auf Zollverein ansässigen Casino zusammen arbeiten. Das sind 650 Quadratmeter Veranstaltungsraum zusätzlich. Darauf sind wir sehr stolz, weil das Casino hier in der Region ein Renommee hat.“

Neun Jahre nach Start ist aus der kleinen Kunstmesse ein fester Termin im Kalender geworden. In der Statistik liest sich das so: „Über 2500 Aussteller haben seit 2006 an den Veranstaltungen teilgenommen. 10.000 Besucher kommen jährlich zu den beiden Veranstaltungen der C.A.R. nach Essen.“

Zum Vergleich: Auf der ältesten Kunstmesse der Welt, der Art Cologne, wurden 2015 rund 56000 Besucher vom 16. bis zum 19. April gezählt, auf der Art Fair im September dieses Jahres rund 35000.

Doch ob Zahlen als Identifikationsindiz reichen? Ich hake noch einmal nach: Was macht die C.A.R. besonders?

„Zunächst einmal natürlich der Veranstaltungsort selbst. Eine Kunstmesse auf  einem Weltkulturerbe ist etwas sehr spezielles. Zudem nutzen wir hier unterschiedliche Architekturen.“

…mit unterschiedlicher Atmosphäre…

„…ja, es gibt große Unterschiede in der Raumwirkung zwischen einem historischen Bauwerk und einem modernen, wie dem SANAA-Gebäude.“

Was vor Ort ins Auge springt: Während vor den Toren pinkfarbene C.A.R.-Flaggen im Sonnenlicht leuchten, imponiert im Hintergrund das Wahrzeichen des ehemaligen Steinkohlebergwerks (1851-1986), das berühmte Doppelbock-Fördergerüst, Schacht XII der „schönsten Zeche der Welt. Heute ist das Industriedenkmal Zollverein erste und bislang einzige Welterbe-Stätte im Ruhrgebiet und zieht jährlich rund 1.5 Millionen Besucher an. Zeche und Kokerei gelten als einzigartige Ikone moderner Industriearchitektur.“

In der Tat ist Zollverein ein außergewöhnlicher Ort, dieser 100 Hektar große Erlebnisparcours, Gelsenkirchener Straße, im Essener Norden. Das Messegelände in Köln hat Vergleichbares nicht zu bieten, die C.A.R. kann sich glücklich schätzen. Gut vorstellbar, dass allein schon der exklusive genius loci Aussteller zum Ausstellen auf Zollverein motiviert. Denn hoch ist das Identifikationspotential eines Weltkulturerbes und seiner Messe.

„Das ist ein Punkt. Mindestens genauso wichtig aber ist das Konzept. Es basiert auf dem Gedanken eines open space, es gibt keine Kojen. Das heißt, wir sind nahbar, der Besucher steht sofort mitten in der Kunst. Das mindert Schwellenängste, die wollen wir abbauen.“

Eine Messe, die pädagogische Absichten hat?

„Eine Art Cologne würde vermutlich in Essen nicht funktionieren. Wir haben bei Null angefangen und uns sozusagen weiter entwickelt in Verknüpfung mit dem Bedarf. Man leistet hier irgendwo auch Pionierarbeit.“

Pionierarbeit? Thomas Volkmann bemerkt meine Fragezeichen.

„Auf der C.A.R. kostet ein Basisstand, also der kleinste Stand, den man mieten kann, 1200 Euro. Bei der Art Cologne würden Sie ganz andere Zahlen hören. Bei diesen Zahlen ist dann schnell klar, dass die Galeristen gezwungen sind, Arbeiten mitzubringen, die sich verkaufen lassen, um überhaupt wirtschaftlich auf die Kosten zu kommen. Das spiegelt sich in der Auswahl der gezeigten Kunst wieder.“

Heißt das, dass es in Essen frechere, bissigere Kunst zu kaufen gibt als auf der Art Cologne?

„Unser leichtes Konzept ermöglicht es, dass Künstler und Galerien avantgardistische Kunst zeigen, auch mal ein Risiko eingehen beim Nicht-kommerziell-sein-müssen. Es ist ein Konzept, das wir in einer entwicklungsbedürftigen Region für das einzig funktionale halten. Die C.A.R. ist davon nicht ausgenommen. Auch wir entwickeln uns mit dem Publikum weiter.“

Dann ist die C.A.R. besonders interessant für New-Comer, für kleinere Galerien?

„Nein, wie haben zum Beispiel auch Belgier hier, die haben zwei renommierte Galerien in Antwerpen und Knokke. Die könnten an jeder Kunstmesse der Welt teilnehmen. Dass sie in Essen dabei sind, hat mit einer Einstellung zu tun, mit einer Haltung. Bildlich gesprochen: Ob man immer einen Mercedes braucht oder auch mal mit einem Smart Elektro fährt.“

Eine Kunstmesse mit Haltung? Ein Identifikationsangebot? Darüber lohnt es nachzudenken.

Zollverein + Kunst + Messe = C.A.R.