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24. September 2019 - von Claudia Posca

Zimmer mit Aussicht

Dortmund

Nein, wirklich nicht: Keineswegs möchte ich dazu überreden, sich diesem traumschönen Liebesfilm, in dem es um eine traumschöne Aussicht geht, auf dem heimischen Sofa hinzugeben. Obwohl, sollten Sie im nahenden Herbst von der Sehnsucht nach Italien und Amore, nach Natur und Kultur gepackt werden, - das 1985 erschienene Bravourstück Zimmer mit Aussichtist kein schlechter Tipp. In Reclams Filmführer von 2003 wird es als „Meisterwerk behutsamer Präzision“ vorgestellt, ist Oscar-preisgekrönt und schrieb als blendend unterhaltendes Kostümdrama des Erfolgsduos Ismael Merchant (1936 -2005) und James Ivory (*1928) Filmgeschichte.

Wie dem auch sei: Das eindrückliche Kunststück hat Eindruck hinterlassen. Und kroch beim Lesen des Ausstellungstitels ROOM WITH A VIEW, also Zimmer oder Raum mit Aussicht oder Ausblick, als sympathische Erinnerung ums Eck. Erinnernd daran, dass geöffnete Räume Raum für alles Mögliche, ein Potential bedeuten. 

Nicht anders ist das in der aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus Dortmund. Bis zum 13. Oktober geht es um Ein- und Ausblicke in die zeitgenössische Fotografie, ein 5-Positionen-Parcours. Mit dabei: Chris Engman (*1978), Emma Hart (*1974), Katharina Kiebacher (*1974), Alexandra Leykauf (*1976) und Susa Templin (*1965). Wüsste man nicht, dass sich die Fünf keineswegs abgesprochen haben, man wäre überzeugt, dass sie gemeinsame Sache machen beim Verwirbeln der Sparten zum Spannungsfeld einer fotografischen Vielsprachigkeit, die das Medium seziert, Motive, Zeit und Raum vermisst.

Mit welchem Befund? Ganz klar:Die zeitgenössische Fotografie gibt es nicht. Und eine rein abbildliche schon mal gar nicht. Was uns im aktuellen Fall Fotografiertes beschert, das die allgemeinen Grundlagen des analogen und/oder des digitalen Verfahrens umbaut und aushebelt, dabei selbstreflexiv und analytisch ist und nicht zuletzt selbstbewusst rüber kommt. Wie gesagt: ROOM WITH A VIEW ist als Zimmer mit Aussicht voller Perspektiven. Unvordenklicher. Zukunftsweisender. Traditionssprengender. Von wegen also Limit. ROOM WITH A VIEW nimmt sich die Freiheit. Und das nicht zu knapp. Jaahaa, - recht besehen ist die Ausstellung eine Liebeserklärung ans Experimentieren zwischen fotografischem Abbild und großzügig denkender Konzeptualität.

„Klingt ganz so, als sollte man es nicht verpassen, gucken zu gehen?“

In der Tat. Nicht alle Tage gibt es so seltsame Hybrid-Objekte aus Laserprints fotografierter Spiegeleier und glasierter Keramik zu sehen, die vonKatharina Kiebacher mal mitten im Raum, mal an einer Säule installiert, trefflich über das Konstruieren medialer Dekonstruktion philosophieren lassen. Oder wo schon hast Du eine über eine Raumecke projizierte Video-Ton-Arbeit namens „Geographics of  the Table“ von Alexandra Leykauf studiert, die mit überraschenden Bildebenen überblendeter, sequenzieller Fotografien aufwartet? Wodurch der tatsächliche Raum des Ausstellungsraumes mit jener im Foto-Film-Mix aufgezeichneten Topographie eines, mal als Esstisch, mal als Schreibtisch mal als Ateliertisch genutzten Glastisches verschränkt wird. Auf dass Augen und Hirn ob nahezu surrealer Eindrücke geradezu abenteuerlicher Auf-, Drauf- und Ansichten übergehen. Übrigens ganz ähnlich wie bei den von selbiger Künstlerin stammenden, großformatigen Wandreliefs, in denen sie sich mit Papiermaché, Jute, Holz und Leim daran gemacht hat, historische Fotografien längst nicht mehr existenter Kinos erinnernd ins Räumliche zu übersetzen. 

Zimmer mit Aussicht Also, ganz sicher: ROOM WITH A VIEW beherrscht die Klaviatur dramaturgischer Schlenker, knackt Schnellsichtung und Sicherheit, setzt atmosphärische Kontrapunkte. Eilig ausgedacht geht anders, konzeptuell durchdacht dafür ist vieles. 

„Geht`s auch weniger theoretisch?“

Aber ja doch: Die „Folded Spaces“ von Susa Templin etwa sind komplex vorbereitete, eigenwillige und zudem noch plastisch-installativ in den Realraum eingreifende Architekturfotografien, die sich durch die lichthaltige Unschärfe von vorgelagerten, semi-transparenten, weil fotobedruckten Acrylscheiben verrätseln. Und glaub` mir, als sei unser optisch erzeugter Schwindel nicht schon verwirrend genug, basieren diese vertrackten Foto-Raum-Arbeiten auf zuvor konstruierten Raummodellen, die, angereichert durch analog aufgenommene Fotos von Raumfragmenten, sodann abfotografiert wurden, um jetzt im Umgebungsraum imaginäre Räume zu erzeugen: ein Sein-Schein-Spiel zwischen Realität und Brechung, das die Physik von Raum, Gegenstand und Körper untergräbt.

„Schräge Geschichte. Nicht uninteressant.“

Sag` ich doch. Was auf wiederum ganz andere Weise auch das Inkjet-Print „Containment“ vonChris Engman inszeniert, wo eine Gebirgsschlucht samt Fluss mittels großformatiger Panoramafotografie nach dem Prinzip der Fototapete, kurzerhand in eine Garage verlegt wurde. Uns zur Irritation, die wir dem fotografischen Trompe-l´oeil nur auf die Schliche kommen, lassen wir das Sehen tiefst rein kriechen ins Bild: Achtung. Fertig. Wahrnehmung. Eine archäologische Reise auf den Spuren der Transformation von (Landschafts-)Raum in (Foto-)Bildfläche beginnt. Und versprochen, es bleibt rätselhaft.

Selbst die als klassischste Position herausragende, digitale Bilderfolge der „Family Portraits“ von Emma Hart mit aus dem Bild herausschauenden Menschen und dem dadurch zum Voyeur mutierenden, ins Bild hinein blickenden Zuschauer, präsentiert in Form einer immateriellen Projektion auf der Wand zum Thema der Familie als Begriff für Beziehungen eher eine analytisch-sezierende denn eine bloß dokumentarische Fotografie. Tatsächlich befasst sich die Künstlerin, die auch keramisch arbeitet, in diesen gebeamten Fotos mit sich wiederholenden Mustern menschlichen Verhaltens. 

Naaa, jetzt sagen Sie mal selbst, - nach so viel widersetzlicher Fotografie, gemessen an traditioneller Lichtbildnerei, erscheint es doch nicht falsch, das Ganze eine elastische Fotokunst zu nennen? Filmisch bewegt, imaginär inszeniert, manchmal überkopfhoch, dann wieder sockellos präsentiert, mit erstaunlichen Verschränkungen von Fläche und Raum, von Foto, Film und Skulptur.

Im Ausstellungsflyer übrigens steht das so beschrieben: „Die Ausstellung ROOM WITH A VIEW thematisiert die Transformationsprozesse, die innerhalb des Mediums Fotografie auftauchen, und wie dabei der dreidimensionale Raum vor der Kameralinse auf ein zweidimensionales Bild reduziert wird. Welche Möglichkeiten und Wahrnehmungen von Raum gehen verloren, oder welche kommen durch eine bildhauerische, skulpturale Übersetzung in den Raum dazu?“ Es sind Fragen, zu denen das Kuratoren-Team aus Künstlerhaus-Leiter Pit Schmieder und Medienkünstlerin Adriane Wachholz einladen. Verraten und verguckt, wer`s zu eindeutig beantwortet, wer von Nur-Fotografie, -Film, -Relief oder -Skulptur spricht. 

Wie denn dann das Widerspenstige ins Wort kommt? Allenfalls ein Hilfskonstrukt kann helfen. In diesem Fall finde ich das Kunstwort Fototektur(zusammengezogen aus Fotografie, Architektur und Skulptur) nicht ganz schlecht. Als ein roter Faden der Ausstellung, als kleinster gemeinsamer Nenner der 5 Positionen. 

Am besten aber selbst gucken gehen. Auf dass ROOM WITH A VIEW zum höchst persönlichen Zimmer mit Aussicht wird.

 

zimmer mit Aussicht

Fotos: Claudia Posca

Zimmer mit Aussicht