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1. Juni 2017 - von Claudia Posca

Womit rechnest du?

Dortmund

Tja, womit rechne ich? Oder Sie? Oder wir alle zusammen? Werden wir durchleuchtet, mit einer netten Frage aufs Glatteis geführt? Oder steckt in der empathischen Nachfrage die ernsthafte Absicht Wünsche, Sorgen, Sehnsüchte kennen lernen zu wollen?

Sorry, ich werd` kurzfristig metaphysisch. Aus aktuellem Anlass. Denn im Dortmunder Zentrum für Kunst und Kreativität heißt es derzeit und noch bis zum 3. September: „Damit war zu rechnen: Im Dortmunder U potenzieren sich die Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Ein erstes Ergebnis der neuen Leitung von Edwin Jacobs ist das Festival „Womit rechnest Du?“

Nur damit Sie wissen, woher meine Flausen kommen.

So oder so, die Frage schillert. „Womit rechnest Du?“ fordert Unausgesprochen-Geheimes zur Klarheit heraus. Die Rechenaufgabe zielt auf Konkretion.

Ergebnis? Summe? Fazit?

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mir geschworen ergebnisoffen durchs Leben zu wandern: weniger erwarten, offen für Neues sein. Statt suchen, finden. Und vor allem: mit nichts rechnen. Weil die Erfahrung lehrt, dass böse Überraschungen so weniger hart ausfallen. So kitschig, so lebensnah schien mir mein neues Motto: Wer mit wenig rechnet, wird wenig enttäuscht. Eine einfache Gleichung.

Aber denkste, dass die aufgeht? Ich verrat`s Ihnen: Tut sie nicht! Nichts bzw. fast nichts zu erwarten, ist so ziemlich das Letzte, was praktikabel ist. Denn irgendwie sind Erwartungen immer schon da, bevor man überhaupt dort ist, wo es etwas zu erwarten gibt. Sozusagen rennt ´Das-damit-Rechnen` einem weit voraus. Das hat die perspektivische Frage übrigens mit dem Vorurteil gemein.

Sprich: Vorurteile lenken uns durchs Leben. Positiv wie negativ können sie sein. So wie Erwartungen.

Womit man rechnet ist also recht betrachtet eine Art hoffnungsvolles Vorurteil. Zumindest, wenn man das Vorurteil wertfrei denkt. Tatsächlich sind Vorurteile dann zunächst einmal nichts anderes als individuell geprägtes Vorwissen.

Klar ist: Ohne Erwartung, ohne Vorurteil gäbe es in Kunst und Leben weder Statement noch Urteil noch Meinungsbild. Ganz so schlimm also ist das hässlich klingende Vorurteil nicht. Jedenfalls nicht in diesem Verständnis einer sich selbst bewussten, einer sich bewusst gemachten Erwartungshaltung.

Also ran an die Frage „womit rechnest Du?“, um den eigenen Vorurteilen auf die Schliche zu kommen.

Ehrlich gesagt, was das Dortmunder „U“ unter der neuen Leitung von Edwin Jacobs seit Januar 2017 angeht, rechne ich mit viel. Weil der Mann Spezialist ist für kommunikativen Austausch, für dialogische Kooperationen. Zwischen Kunstinstitutionen, Menschen und Urbanität. Immerhin hat er es in Utrecht geschafft, das dortige Central Museum von jährlichen 90.000 auf 350.000 Besucher hoch zu katapultieren. Acht Jahre war er dort Generaldirektor, ist bestens vernetzt in der internationalen Kunst-, Kultur- und Stiftungsszene, hat Erfahrung in der kaufmännischen und künstlerischen Leitung von Museen. Den Dortmundern hat er Anfang des Jahres sein Engagement versprochen, dass das „U“ zukünftig verstärkt in der Stadt und Gesellschaft vor Ort ankern wird.

„Es geht um  Begriffe wie ´weicher machen`, ´schöner machen`. Und man sollte, wenn man hierher kommt, unmittelbar in Kunst eintreten können. Das alles kostet Zeit. Es ist nichts, was morgen schon anders sein wird“, hat es Edwin Jacobs in einem Gespräch vor drei Monaten in seiner sympathisch-optimistischen, visionär-realistischen Art gesagt. 

Und wenn er jetzt mit seiner Antritts-Ausstellung fragt, „womit rechnest Du“, dann darf man dem Mann glauben, dass er das Publikum seines Riesendampfers „U“ ernst nimmt. Die Frage ist wegweisend gemeint und programmatisch für die Zukunft.

„Unser Haus soll mehr sein als nur ein Ort der Präsentation von Kunst und Kultur. Das Dortmunder U versteht sich stattdessen als eine große Werkstatt und als ein offenes Gebäude, für alle diejenigen, die sich selbst einbringen und mitarbeiten möchten. Für alle, die nicht nur zuschauen wollen. Zuschauen ist gut - mitmachen ist besser. So auch bei unserem neuen Festival. In den drei Ausstellungen „Matheliebe“, „Match Maker“ von Geert Mul und „Fulldome“ braucht man kein Wissenschaftler, nicht einmal mathematisch begabt zu sein, um mitzumischen und selbst kreativ zu werden… Zwei Welten verschmelzen in diesen Ausstellungen: Die Welt des Faktischen, der Zahlen und der Mathematik - und die Welt der Fantasie. Wie nahe sich diese Welten sind, wie grenzenlos sie ineinander übergehen, das können Sie bei uns erleben… Entdecken Sie das Dortmunder U als Haus der Möglichkeiten. Es ist ihr Ort! … Wir rechnen mit Ihnen!“, steht es im handlich informativen Besucherguide einladend notiert.

Dass mit Ihnen und mit mir als teilnehmendem Publikum gerechnet wird, damit wiederum hatte ich gerechnet. Aber mit einer Mathe-Kunst-Ausstellung? Ausgerechnet. Wie nur kann man Mathe lieben?

Womit also rechne ich?

Nicht ganz vorurteilsfrei fuhr ich nach Dortmund. Wissend, dass neben dem Kümmern um Publikumserwartung und -Wunschvorstellung das „Womit rechnest Du?“-Festival ein kompaktes Paket dreier, voneinander unabhängiger Ausstellungen rund ums Mathematische präsentiert. Das Ganze unter einem Dach, side by side, Mathe hoch drei sozusagen. Hoffentlich halte ich so viel davon aus.

Zu sehen gibt es auf Ebene 6 in Galerie und Oberlichtsaal, linker Hand, einen vom Schweizer Kurator Georg Schierscher erstellten „Matheliebe“-Parcours mit didaktisch-inspirierenden Do-it-yourself-Angeboten. Bitte anfassen, bitte ausprobieren: Mathe als sinnliches Experiment.

Dem gegenüber, zur Rechten, hat der niederländische Medienkunst-Pionier Geert Mul mit seinen in der „Match Maker“ -Ausstellung versammelten Videos, Fotografien, interaktiven Installationen und audiovisuellen Erfahrungsräumen alles für die Vernetzung von Kunst und Computer gegeben. Seine Bits & Bytes-gestützten Bildgenerierungen auf der Grundlage digitaler Bildanalyse-Software, zum Teil in Abhängigkeit zum aktiv beteiligten Betrachter, sind Spezialitäten der jüngeren Kunstgeschichte. Es ist bunt und laut in diesem Kosmos, manches auch ist leise und still. Die Sparten mischen sich. Eine kolossale Synästhesie flimmernder Bilder, changierender Farben, heftig tönender Klänge beschert ein heißes Bad für Auge und Verstand.

Last but not least hat das seit 2016 von Harald Opel aufgebaute Medienlabor kiU der Fachhochschule Dortmund mit seinem Planetarium-artigen „Fulldome“ eine beeindruckende 360-Grad-Bild-Klang-Projektion entwickelt. Visuell umgesetzt, mathematisch berechnet stecken Kreisteilung, Wellen- und Sinusfunktion neben unendlichen, irrationalen und transzendentalen Zahlen vom Pi bis zur Eulerschen Zahl drin. Viel Abstraktes für viel Poesie. Vor Ort unterm „Fulldome“-Kuppelzelt auf dem Softkissen liegend, ist es der reinste Genuss. Chapeau dafür! Wenn Mathe so sinnlich kann, ja, dann…

Ja, dann rechne selbst ich gern mit Zahlen. So ist das mit Vorurteil und Erwartung. Sie haben das Zeug zum Kurswechsel.

Und während ich mich über mich selbst wundere, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Warum, wieso, wozu bloß zeigt der neue Chef vom U ausgerechnet Mathe-Kunst? Ganz klar, dass ist `ne Message: Ohne Mathe kein Algorithmus keine digitalen Medien keine zukunftsorientierte Kreativität.

Die Ansage sitzt. Es wird spannend, womit wir rechnen dürfen.

Womit rechnest du?