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12. Oktober 2017 - von Claudia Posca

Wo steht die Skulptur?

Ruhrgebiet

Andere haben es gut. Können ´einfach so` Kunst gucken. Zum eigenen Vergnügen. Weil sie weder drüber reden noch schreiben brauchen. Bloß schauen, staunen, sinnieren. Es ist das interesselose Wohlgefallen an und für sich mit Interesse für Kunst.

Aber ehrlich, bin ich auf so einen Minimalismus scharf? Pah! Ich doch nicht! Viel zu einsilbig. Buchstäblich.

Stellen Sie sich das mal vor: Alle gucken hin und drauf. Und gehen weiter. Stumm wie die Fische. Kein emotionaler Laut, kein Lob, keine Aufregung, kein Wortstolpern übers Bildliche zur eigenen Relativierung. Wie soll man da kommunikativ Gründeln?

Nee, ehrlich. Wort und Rede sind erotisch. „Der, die, das, - wer, wie, was, - wieso, weshalb, warum“ - Sie wissen schon, „wer nicht fragt, bleibt dumm.“ Ja, die gute alte „Sesamstraße“-Philosophie war nicht dumm. „Tausend tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen, manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen.“

Hab` ich mir gemerkt. Kommt noch immer gut, auch in der Kunst.

Vor ein paar Wochen stellte der Kunstverein Bochum Fragen: zur Skulptur heute. Wie und wohin sie sich entwickelt, welche Perspektiven sie favorisiert?

Man hatte sich gedacht, dass die auf Burg Kemnade bei Hattingen mit vier Positionen bestückte, installative Skulpturen-Ausstellung zum Thema „immaterial“ zu gucken wichtig ist, darüber zu talken aber auch nicht schaden kann: reden, fachsimpeln, quatschen beim Nachdenken in die Zukunft. Eine Podiumsdiskussion.

Dabei liegt es nicht an mir, dass das Immateriale oft schwer, nicht leicht ist. Wie sollte das auch gehen, geht es  um das Verhältnis von werkstofflicher Präsenz und gleichzeitiger Transzendenz des Werkstofflichen. Verflixt vertrackt ist diese Liason auf dem Feld der skulpturalen Künste. Noch einmal mehr, wenn darüber hinaus auch noch an der Schnittstelle zwischen Kunst, Naturwissenschaften, Bio- und Geo-Engineering, zum Teil unterwegs im weltumspannenden Datennetz, operiert wird.

Recht hat der Kunstvereinsparcours mit seiner Analyse. Die Skulptur der Gegenwart experimentiert die Auflösung fester Strukturen, betreibt eine Fluidisierung, setzt auf Teilhabe und Partizipation.

Mit einem Wort: die aktuelle Kunst der drei Dimensionen - oder sind`s inzwischen noch einige mehr? - tendiert gen „intermediären Aktionismus“. Den Begriff hatte der Multimedia- und Happeningkünstler Jürgen Klauke als eine scharfsichtige Zeitdiagnose der mittigen 1970er Jahre geprägt. Wobei sich ´intermediär` ableitet vom lateinischen intermedius - der Dazwischenliegende. Ganz schön zukunftsträchtig.

Oder sieht man auf dem Kunstparkett etwa nicht immer öfter immer weniger Werke, die ein So-ist-Es behaupten? Um stattdessen das nur vermeintlich genüssliche Sowohl-als-Auch zu pflegen?

Genau dafür klingt „intermediärer Aktionismus“ passend, ein begriffliches Kommunikationsvehikel. Auf seiner Ladefläche ist verzurrt, dass die Bildhauerei an ihren ausfransenden Rändern in irre viele Richtungen rund ums Ephemere explodiert. Vielleicht sogar gepuscht von der Absicht, dadurch die „grotesken Unzulänglichkeiten des Seins“ (Jürgen Klauke) wenigstens halbwegs aushalten zu können, wenn man sie schon nicht in den Griff kriegt.

Wie gesagt: „Der, die, das, - wer, wie, was, - wieso, weshalb, warum“, wer nicht fragt, bleibt dumm.“

Tatsache ist: Vieles in heutiger Skulptur schert sich wenig um Werkstoff, Form und Ewigkeit. Dafür aber zaubert, gefühlt zumindest, die halbe Welt zeitgenössischer Plastik am irritierend schönen, mobilen Transzendentalen.

Löst sie sich auf, die ursprünglich mal werkstoff-angedockteste Sparte der bildenden Kunst? Wo steht die Bildhauerei heute?

Als ich das vor ein paar Tagen in die Runde warf, war prompt `ne schnelle Antwort gefunden: „Ja, wo denn wohl soll die Skulptur stehen? Ist doch klar: drinnen oder draußen.“

Herrlich. Und ein Knockout für Denkkapriole und Meta-Denke. Ach, das interesselose Wohlgefallen mit Interesse für Kunst hat was. So easy, so sweet. Manchmal flirtet man gern mit der Unbefangenheit.

Die Realität sieht konfrontativer aus. Im Info-Flyer zu den Arbeiten von A/A (Andreas Greiner und Armin Keplinger), Aram Bartholl, Reiner Maria Matysik und Katrin Wegemann heißt es: „Das Ausstellungsprojekt immaterial untersucht gegenwärtige Optionen von Skulptur unter der Prämisse eines wechselseitigen Verhältnisses von Präsenz und Transzendenz. Mehr als andere Kunstformen erscheint die Skulptur bestimmt von einer spezifischen Dialektik, von einem essentiellen Bezug zur Welt der Dinge und einer zugleich über das Dingliche hinausweisenden Dimension. Grundsätzlich bewegt sich Skulptur in einem Spannungsfeld zwischen dinghaftem Objekt und ikonischem Zeichen, zwischen materieller Gestalt und immateriellem Gehalt.“

Aha. Sein oder Schein? Möglicherweise geht es um beides zugleich. Und darüber hinaus um Aggregatswechsel, prozesshafte Entwicklung, Mobilität, Variabilität, zunehmende Digitalisierung? Was ist des Pudels Kern?

Auf jeden Fall hat man den Eindruck, sich vom klassischen Künstler- und Werkbegriff verabschieden zu müssen. Futsch sind Handschriftlichkeit und Stil, anonym kommt das Intermediär-Fluidale daher, ist ein „post-heroisches Management“ im Rahmen eines „post-genialen Künstlertums“.

Zu diesem hat der Lehrstuhlinhaber für Kulturtheorie und -management, Professor Dr. Dirk Baecker an der Universität Witten/Herdecke, Folgendes im Gepäck: „Der post-geniale Künstler ist derjenige Künstler, der nicht mehr an die Kraft der einzigartigen Expression - von innen heraus – glaubt, sondern an findige Irritationen der Wirklichkeit, die in der Wirklichkeit selber stecken und nur darauf warten, herausgearbeitet zu werden. Man könnte fast sagen, der post-geniale Künstler ist ein Diener der Verhältnisse, allerdings ein Diener dieser Verhältnisse gegen die Verhältnisse. Es geht nicht mehr um die Mimesis des Schönen oder die Affirmation des Guten, sondern um den Wirbel, die minimale Störung, die fast unmerkliche Verrückung. Genial ist die Wirklichkeit, nicht der Künstler.“

So viel zum Stand der Skulptur: „Tausend tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen, manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen.“

Wo steht die Skulptur?