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9. Juli 2015 - von Claudia Posca

Wo Kunst nach Pferd riecht

Dinslaken

Hip ist die Kunst, sexy auch, man gewöhnt sich dran. Künstler als Reiseleiter allerdings fallen auf. Raus aus dem Atelier, rein in den Alltag zurück in die Kunst - ob ich da mit gehe? Kennengelernt habe ich einen Kunst-Guide vergangenen Sonntag in Dinslaken. „Lass uns eine Runde drehen“ hatte der Bildhauer Lutz Fritsch ins „Miss Sugar“ eingeladen, ehemals Boutique, jetzt nach Umbau noch bis zum 18. August Kunst-Reisebüro.

Die Einladung ist Teil des UrbaneKünsteRuhr-Projektes „Reisen im Kreis“, gestaltet von sieben Künstlern, die unterschiedliche Kunst-Touren anbieten. Zwecks künstlerischer Erforschung der Schnittstellen-Region zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein im Kreis Wesel.

Anfangs wenig griffig, finde ich „Runden-Drehen“ zunehmend spannend. Statt Kunst im Museum, Reisen als Kunst. Im Draußen-Raum als Expedition.  

In Dinslaken geht‘s auf die Trab-Rennbahn. Lutz Fritsch fordert eine ästhetische Diskussion in konzentrischen Kreisen von außen nach innen.

Allerdings: Will ich, wenn ich reise, reisen im Kreis? Nur im Rund auf einer Bahn wie im Zirkus? Und was eigentlich hat Kreis-Reisen tatsächlich mit Kunst zu tun?

Dabei weiß ich: Einkreisen bedeutet fokussieren bedeutet pointieren. Kunst hat Laser-Pointer-Qualität. Ohne „Reisen im Kreis“ wär ich nie bis Dinslaken gekommen.

Die Tour, das Projekt, der Künstler - das Paket macht neugierig. 1955 in Köln geboren, hat Lutz Fritsch Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert, in Münster gelehrt. „Rheinorange“, seine stählerne Großskulptur an der Mündung von Rhein und Ruhr ist reviermarkant - eine weithin sichtbar montierte Landmarke. Von seiner in der Antarktis eröffneten Container-„Bibliothek im Eis“ bin ich begeistert. Nur als Reiseführer zur Kunst war mir Lutz Fritsch nie im Kopf.    

Ich stelle mir den Bildhauer in Dinslaken vor: unterwegs mit Regenschirm, vorweg im öffentlichen Raum auf Sight-Seeing-Tour. Mit mir und Publikum im Schlepptau. Kunst zum Anfassen, das Angebot ist kostenlos.

Tatsächlich aber ist alles ganz anders. „Reisen im Kreis“ verheizt keine Künstler als Reiseleiter.

Stattdessen sind wir Teilnehmer aktiv: Später steigen wir in eine Pony-Kutsche, von Biene und Junior, den beiden Welsh-Schimmeln übers Schotterboden-Geläuf gezogen. Der 1. Vorsitzende des Trab-Rennvereins, Theo Lettgen, kutschiert uns eine Runde übers Gelände. Wie weitläufig „seine“ Bahn ist, erleben wir hautnah, ahnen etwas vom Gefühl auf dem Sulky, spüren Freiraum, Leere, Stille, bewundern den Ziel-Einlauf-Turm, die imposante Wetthalle. „180 Pferde standen hier mal in den Stallungen“. Heute sind die Boxen nur noch an Renntagen gefragt.

Kunst als Erlebnis. Sieben Künstler haben das dramaturgisch inszeniert. Und „damit auch für ihre Mitreisenden erlebbar“ gemacht. „Reisen im Kreis“-Kurator Kay von Keitz ist Fachmann dafür, was die „Entwicklung urbaner Lebensräume jenseits von Masterplan“ betrifft. „Architektur im Kontext“ heißt sein neuestes Buch, erschienen ist es im Juni 2014.

Und weil UrbaneKünsteRuhr Identität und neue Perspektiven im Revier aufspürt, wurde Kay von Keitz geholt, die besondere Wesel-Region an den Rändern des Ruhrgebiets durch ein besonderes Kunst-Projekt auszuloten: „Reisen im Kreis“, das sind „Phänomene von Widersprüchlichkeit, das Unbekannte im Bekannten, das Ungewöhnliche im Alltäglichen.“

Schaun wir mal. Es ist Sonntag, der 5. Juli, 14 Uhr. Lutz Fritsch stellt sich, sein Projekt vor: Die Trabrennbahn Dinslaken, ihre prekäre Lage zwischen Tradition und städtischen Immobilien-Investment-Begehrlichkeiten. „Ich erforsche Befindlichkeiten im Raum. Was macht den Ort aus?“ Der Künstler empfiehlt: „Sehen, Empfinden, Antennen ausfahren.“ Ihm geht es nahe, dass eine Pferdeland-Tradition weggebaut werden soll.

„Runden-Drehen“ also für einen guten Zweck, dabei Perspektiven fürs Leben entwickeln im Rahmen von Kunst. Ich bin dabei.

Wer will, bekommt jetzt Digi-Cam oder Kamera an die Hand. Ein Tagebuch ebenfalls. Für Ideen, Skizzen, Auffälligkeiten. „Soll später digital archiviert werden.“ Rund 5 Stunden wird`s dauern, die Fritsch-Tour ist eine Fuß-Tour. Und es ist heiß. Minerale gibt’s gratis.

„Lasst uns eine Runde drehen.“ Wir tauchen ein in die Wesel-Land-Kreis-Vernetzung - mit dem Künstler, der Bevölkerung, untereinander, mit Orten und Räumen, sind kooperativ mit  Kontext, Erlebnis, Entdeckung, Aufdeckung.

„Schon mal was vom Circus Maximus gehört?“ Römische Wagenrennen waren rasant in der größten Arena der Antike, hatten enge Kurven. Dass es auf dortiger „Spina“, dem Inneren der Rennbahn, skulpturale Eier und Delfine als antikes Runden-Zählwerk gab? Nie gehört. In Dinslaken wird digital gezählt. Kulturhistorie ist spannend, Tradition und Moderne sind es auch. Wir marschieren durch die City, Dinslaken hat eine Altstadt.

Spätestens bei Ankunft am verwaisten Rennbahn-Terminal ist klar: Die Beuys‘sche Vision einer sozialen Plastik - hier hat sie Hand und Fuß. Tatsächlich fühle ich mich als Material, bin Werkstoff im Kunst-Konzept.

Und das kommt an Politik nicht vorbei. Lutz Fritschs Kunst mischt sich ein. In der großen Wetthalle unter grandiosem Dachbalkengestühl gibt`s Ausblicke aufs Bahnen-Rund. „Dieser Ort steht auf der Kippe.“ Die Stadt als Eigentümerin meldet Visionen an. Hat schon bebildert, was passieren soll: Luxus-Wohnen rund um einen See. Das grüne Herz der Rennbahn soll weichen. Frankfurt lässt grüßen. Auch da geht‘s ums Ganze. Trotz Doppel-Nutzung mit Golfplatz in der Mitte.

Unser  Kunst-Reise-Trupp wird kreativ: Ob in Dinslaken Künstler-Residenzen im Pferdestall helfen? Ausstellungen im Wettbüro? Ein Parallel-Betrieb sportiver Art auf der Rennbahn wäre denkbar. „Aber muss denn jeder Raum einen Sinn haben?“  Ästhetische Gedanken ticken anders.

Dabei kommen zu den Dinslakener Rennen „noch immer über 1500 Besucher“ sagt Theo Lettgen. Und erzählt, dass Internet-Wetten Einnahmen schmälern. „Das fehlt im Topf. Hat früher den Bahn-Unterhalt mitfinanziert.“

Wir sind betroffen. „Reisen im Kreis“ bezieht Position: Als Raum-Forscher, Reiseleiter, Stadtplaner sammelt Lutz Fritsch weiter Ideen, wie`s gehen könnte mit der 1954 eröffneten Trabrennbahn Dinslaken im einstigen Pferdezuchtland Wesel am Rande des Ruhrgebiets. Vielleicht öffnet das Sinne, urbane Existenz-Räume sind es wert.

Und dann sagt Lutz Fritsch noch: „Ich stell‘ Kunst doch nicht einfach ab!“ Weshalb seine Dinslakener Runde so sympathisch nach Pferd riecht, Skulpturen von ihm ganz anders als andere sind und man sich „Reisen im Kreis“ nicht entgehen lassen sollte!

Die nächste Fritsch-Tour startet am 12. Juli um 14 Uhr in Dinslaken. Treffpunkt: Neustr. 54 am Kunst-Reisebüro.

Das Komplett-Programm, Infos und Anmeldung auch für die anderen Künstler-Touren: 0209/60503701.

 

 

Bildnachweise:

© Magdalena Spinn/Urbane Künste Ruhr (oben/mitte), © Claudia Posca/Kunstgebiet Ruhr (unten/Titelbild)

Wo Kunst nach Pferd riecht