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12. September 2018 - von Claudia Posca

Wo Kunst Ingenieurskunst ist

Bottrop

Unverhofft kommt oft. „Ich hab` ne Überraschung für Dich.“ Thomas Hensolt ist dran. Der Anruf kommt vom Netzwerkmanagement der RuhrKunstMuseen. „Was gibbet?“ Man kennt sich, ich bin erstaunt. Info-Mails zum „Kunst & Kohle“-Projekt anlässlich des deutschen Steinkohlebergbauendes erreichen mich doch regelmäßig? „Du darfst einfahren. 3. September, 13.30 Uhr, Prosper Haniel in Bottrop, Schacht X.“ „Waaaas? Echt jetzt?“

Es ist wie ein Sechser in Lotto. Seilfahrten auf Zeche sind kostbar geworden. Alle wollen noch mal runter. Da steckt Wehmut drin. Von rund 4000 Besucher-Grubenfahrten auf Prosper jährlich hat sich das Kontingent verdoppelt. Weil das sowas wie, sowas von Ehrensache ist, dem Revier „sein heilig“ Tschüss zu sagen. 

Und tatsächlich ja geht es um denkwürdig Historisches, unwiederholbar in der Zukunft, wo Fördertürme Ikonen sein werden, erinnernd daran, dass „Kumpel“, „schwattes Gold“, „Glück auf“ und Steigerlied das Leben vieler Millionen Ruhris prägten, Wohlstand bescherten. Aber na klar, auch daran erinnern werden, was das Revier zum Schweizer Käse macht. Unsichtbar, in bis zu 1,5 Kilometern Tiefe. Sichtbar nur über Tage, wenn die Erde sich auftun, Hauswände reißen. Eine Ewigkeitsaufgabe, das zu kitten. Genauso wie aufsteigendes Salzwasser abzupumpen. Zum Schutz des Grundwassers. Permanent, auf Dauer, bis in alle Ewigkeit.

„Was ist? Soll ich dich auf die Teilnehmerliste setzen?“

„Klaro. Was `ne Frage.“ Fünf Monate „Kunst & Kohle“-Ausstellungen haben mich angefixt. Das Ticket fürs ´Einmal-im-Leben-musst-du-dagewesen-sein` ist die Chance zu allem Anfang und Ursprung des Mammutprojektes und meiner Berichterstattung zu reisen. Am 16. September ist Finissage in den RuhrKunstMuseen, Anfang Oktober wird der letzte Kohlebrocken das Licht von über Tage erblicken.

„Einmal im Leben“ -, das ist von Gravität. In Rom bin ich ja schon gewesen. In Bottrop, auf Prosper Haniel noch nicht. Da schließt sich der Kreis. Zwanzig Meter Tiefe im Schaubergwerk des Bergbaumuseums Bochum können nicht mithalten.

Und jetzt noch diese Info von Reviersteiger Holger Stellmacher, seit 34 Jahren Mitarbeiter auf Prosper: „Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel wird keinen aktiven Bergbau mehr erleben.“

Wir sind auf Sohle Sieben, gucken verdutzt. Und erfahren, dass der Merkel-Besuch auf Prosper noch aussteht, Hobel und Schrämlader aber kaum mehr länger als ein Dutzend Tage in die Kohle beißen. Was fürn Gefühl, so privilegiert zu sein. Ein bisschen fühlt sich jeder in diesem Moment geehrt. „Jaaaah“, Holger Stellmacherhält kurz inne. Dem, was kommt, sieht er schon leicht melancholisch entgegen: „In ein, zwei Wochen ist Schicht im Schacht, dann ist es aus und vorbei, - endgültig.“ 

Der Mann war 26 Jahre unter Tage, macht jetzt Öffentlichkeitsarbeit aufm Pütt. „Ich war nicht immer son Laberkopp“ frötzelt er sympathisch klein was Riesenfachwissen ist. Genau das brauchen wir. So viel Zahlen, Daten, Fakten hat er auf dem Schirm, wir nicht. Bei der Einweisung nimmt er uns intensiv unter die Fittiche.

Was später in der Besucherkaue bedeutet, dass ich das erste Mal in meinem Leben in Männerunterhose, taubenblau, Marke Feinripp mit Rechtseingriff, Größe Viel-zu-Groß, schlüpfe. Ein Riesengaudi. Gut, dass keiner Fotos macht. Wir sind neun Frauen, zwei Männer. Das sprengt die übliche, die männliche Statistik der Profession.

Die Komplett-Montur gehört zum Sicherheitsprogramm. Baumwoll- statt Synthetik-Klamotten. Um Funkenflug zu vermeiden. Heißt auch: Sämtliche Technik vom Handy bis zur Kamera bleibt oben. Trotzdem sind wir am Ende rund zehn Kilo schwerer, - Geleucht auf dem Schutzhelm, CO-Atemschutz-Selbstretter am Gurt, die schweren Sicherheitsschuhe, erstaunlich bequem, am Fuß. Fast eine Kunst-Performance.

„Schutzbrillen auf!“ Die Sicherungsgitter am Förderkorb poltern hoch, das Gestänge zittert.

1250 Meter tief, so hoch wie der Tafelberg, fahren wir ein. 2 x 40 Personen in 2 Stapelkabinen übereinander kann der Förderkorb transportieren. 

Auf Sohle angekommen, geht`s vorbei an der Heiligen Barbara, eine der vielen Nothelferinnen im Katholischen Glauben, Schutzpatronin der Bergleute. Man hat ihr eine illuminierte Bergnische in den Fels gehauen.

Der Stollen als Kathedrale? Sorry ich bin Kunsthistorikerin.                   

„Auf Teufe“, was in der Bergmannssprache, die übrigens eine der letzten lebendigen Berufssprachen überhaupt ist, Tiefe heißt, ist es erstaunlich hell und hoch und gar nicht stickig. Hier jedenfalls nicht. Überall unter Tage auf Prosper Haniel ist das nicht so. „Andere Besuchergruppen mussten schon mal kriechen.“

Weil`s ziemlich zugig ist, frage ich nach. „Ja, die Bewetterung funktioniert bestens. An einem Ende kommt Frischwetter rein, am anderen Ende geht Abwetter raus. Schlagende Wetter wären eine Katastrophe“. Ich zurre mein Halstuch fest. Und während wir über die Eisenrundbögen unter dem First des Stollens staunen, wundert sich Helga Griffith darüber , - sie ist die Künstlerin, die im Mülheimer Kunstmuseum der „Essenz der Kohle“ nachspürt -, dass es „hier unten erstaunlicherweise kaum riecht. Wenn überhaupt, dann nach Keller, nach Kartoffel.“

Ob es im Streb Spinnen gibt?

Holger Stellmacher lacht: „Nee, die nicht. Aber Ratten.“

Und die Plastikwannen unter der Decke? Wofür sind die? 

„Das sind Explosionssperren, mit Wasser befüllt. Um im Ernstfall Kohlenstaubexplosionen zu stoppen.“ 

„Was heißt ´Gezähe`?“ Wir haben viele Fragen. „Mit zäher Farbe hat es vermutlich nichts zu tun?“

„Richtig. Gezähe steht für Werkzeug und Arbeitsgerät des Bergmannes.“ 

Holger Stellmacher ist Laienfragen gewohnt. Geduldig, mit Herz fürs Revier, hat er uns informiert, dass wir soeben mit dem schnellsten Fahrstuhl Europas in die Unterwelt gesaust sind: „Über 42 Stundenkilometer flink, ein Meter pro Sekunde.“ Und dass wir jetzt eine Weile „Dieselkatze“ fahren werden, um zum „vorrückenden Schildausbau“ zu kommen. Das ist dort, wo der 2017 erst eingekaufte, in Bochum bei der Firma Eickhoff produzierte Hightech-Walzenschrämlader Kohle schürft. Ein gigantisches Erlebnis. Staunenswerte Ingenieurskunst. 

Noch beeindruckender aber ist der Schildausbau. Wie nur kann so etwas Starres, Tonnenschweres federleicht vorrücken, fast wie von Zauberhand bewegt? Mit Riesenstempeln wie Elefantenfüßen, mit Saurierköpfen drauf als Stützgerüst. Später zu Hause werde ich googeln: „Schildausbau wird ein hydraulisches System zum Strebausbau im untertägigen Steinkohlenbergbau bezeichnet. Der Schildausbau schützt im Strebbau die Abbaustelle gegen den Druck des andernfalls einbrechenden Hangenden und bewegt einen integrierten Kettenförderer mit einem darauf arbeitenden Kohlenhobel oder Walzenschrämlader im schreitenden Abbau durch geeignete Kohlenflöze.“

Aha. Beruhigend, dass nicht nur Kunsthistoriker Fachjargon sprechen.

Bleibt noch die Frage: Dieselkatzen am Set? Surrealismus unter Tage? 

Das seltsame Tier ist ein Lindwurm im Wuppertaler Schwebebahn-Format, nur kleiner, eine Einschienenhängebahn. Wie Hühner auf der Leiter, allerdings hintereinander in Reih und Glied, sitzen wir zusammengefaltet in den Gondeln. Rund 20 Minuten Schwebefahrt steht an durchs Eingeweide des Bergs: Dunkelheit, Kunstlicht, Förderbänder, mal oben, mal unten, mal mit Kohle, mal mit liegenden Bergleuten drauf. Eine Orientierung habe ich schon lange nicht mehr. Für mich sind wir irgendwo unter der Kirchhellener Heide unterwegs, dem großen Naherholungsgebiet des nördlichen Reviers. Rund 110 Kilometer lang ist das untertägige Streckennetz von Prosper Haniel. Eingefleischte Prosperaner wissen natürlich immer genau, wo genau man sich im Tunnelsystem befindet.

Ich dagegen male mir aus, welches Bild heraus käme, würde das Streckennetz künstlerisch erfasst. Weitverzweigt, abstrakt ziseliert, liefe es wohl auf ein grafisches Informel, weiß auf schwarzem Grund, hinaus. 

In Wirklichkeit aber herrscht im schwarzen Kosmos alles andere als informelle Struktur. Kunst unter Tage ist Ingenieurskunst. Bis ins kleinste Detail funktioniert sie überwacht, gesteuert, abgestimmt. Der deutsche Bergbau ist der „sicherste Bergbau weltweit“ klärt Holger Stellmacher auf. „Man ist besonders stolz drauf.“ 

Spätestens jetzt wird klar: „Kunst & Kohle“ ist das eine, der Bergbau, als einer der härtesten Jobs der Welt, das andere.

Danke, Kumpel!


Abbildung unten: (c) RAG Archiv

Wo Kunst Ingenieurskunst ist