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2. Oktober 2018 - von Claudia Posca

Wo Geschichte zuschlägt

Duisburg

„Was ist das denn?“ Wir staunen: Schon wieder ´ne Baustelle im Lehmbruck Museum? Wo doch gerade erst die Glashalle renoviert und das Duisburger Zentrum für Internationale Skulptur als „BBB“, als Big Beautiful Building ausgezeichnet wurde? Und dann das: Da kommt Kunst daher, die nimmt den lichten Bau in die Zange, baut ein Gerüst davor und drum rum, schickt das Publikum statt ins Museum an dessen Peripherie und nennt das Ganze einen Spaziergang: The WALK.

In der Tat: Was ist das denn?

Guckt man genau hin, steht`s selbsterklärend mit roten Druckbuchstaben auf 100 Metern Glasfassade auf einer Höhe von 7 Metern vom Boden bis zur Decke geschrieben, lesbar in Augenhöhe auf zwei Etagen: unten stehend, oben auf dem Laufsteg laufend. Die enormen Textflächen sind ein gewaltiges Tagebuch, das in jedem der acht Fenster eine Dekade Zeitgeschichte erzählt. Aus Sicht des Künstlers, der persönliche Begegnungen und historische Begebenheiten in mäandernder Schilderung verwirbelt. Eine Herkulesaufgabe fürs Publikum, kein Ponyhof. 

„Ohah. Klingt nach Kopf. Ist wenig sinnlich, oder?“

Wie man`s nimmt. In Sinnlichkeit steckt Sinn - buchstäblich. Warum also sollte kluge Kunst, die Analyse und Aufklärung betreibt, keine sinnliche Vernunft, keine reflektierte Sinnlichkeit sein? 

So oder so: In Duisburg kommt keiner ums Konzept der konzeptuellen Kunst drum rum. Schlicht und ergreifend schon deshalb nicht, weil`s öffentlich ist, weil es, auch das wieder buchstäblich, zudem transparente Kunst ist. Allerdings sollte man das ruhig symbolisch verstehen. Da kannste Dir vorstellen, dass das nichts mit Kunst auf dem Sockel, mit gerahmten Bildern an der Wand in klassischer In-door-Ausstellung zu tun hat, sondern Du und ich, samt und sonders dessen, was wir auf dem „WALK“ tun, Teil des Ganzen sind. Übrigens heißt die Arbeit, das Werk, die Installation, das Environment, - oder nenn` es schlicht das Projekt -, im Untertitel „Keine Retrospektive“. Und das, obwohl doch acht Dekaden Zeitgeschichte auf dem Programm, pardon auf den Fenstern stehen und uns beim Lesen Geschichte im Sekundentakt aufs Auge drücken.

„Apropos Historie, wer eigentlich steckt hinter dieser, ja wohl eher Gegen-Ausstellung zu nennenden Schau?“

Du wirst schon mal was von ihm gehört haben, im Ruhrgebiet hat der Mann 2006 die Aktion „Tausch der Tabus“ mit den acht größten Glaubensgemeinschaften in Duisburg gemacht, zwei Jahre später das drei Jahre dauernde Projekt „2-3 Straßen“, das die Grundlagen legte für die bis heute aktive „Borsig11“- Nachbarschaftinitiative in der Dortmunder Nordstadt. Naaah, haste `ne Idee?

Jochen Gerz im Lehmbruck Museum: Claudia Poscas Blog „Echt jetzt? „The WALK“ stammt von Jochen Gerz? Der in Hamburg-Harburg auch das „Mahnmal gegen Faschismus“ errichtet hat, die „2146 Steine – Mahnmal gegen Rassismus“ in Saarbrücken und hier ums Eck in Bochum den genialen „Platz des europäischen Versprechens“ vor der Christuskirche verlegte?“

Jepp, genau von dem stammt auch der Duisburger „WALK“.

Der Mann wurde 1940 in Berlin geboren, zählt zu den international renommiertesten Vertretern zeitkritischer Gegenwartskunst. Seine Arbeiten gelten als Beitrag zur res publica (wörtlich: öffentliche Sache) und zur Demokratie. Bekannt ist er fürs Initiieren kollektiver Kreativität, für „öffentliche Autorschaft“, für die Ermöglichung von Teilhabe an oft über lange Zeiträume hinweg wachsenden, dialogischen Projekten. Die Öffentlichkeit, der öffentliche Raum, das Imaginäre Museum, Selbstreflektion und Erinnerungskultur bedeuten ihm mehr als Museum und Monument. Deshalb sein Rückblenden-Puzzle am, nicht im Museum. Deshalb Grundlegendes zur kulturellen Diversität auf seinem symbolstarken Laufsteg der Geschichte, wo Menschen gemeinsam gehen, wo Menschen einem entgegenkommen: „The WALK“.

Jochen Gerz ist überzeugt: Wenn man nicht aufpasst, schlägt die Geschichte zu. „Wir sind auf unseren Privilegien eingeschlafen“ sagt er. Und dass die Demokratie neuerdings wieder Schutz brauche, längst nicht mehr selbstverständlich ist. Sein „WALK“ bringt das -  wieder einmal buchstäblich - vor Augen: faktenreiche Geschichts-Tattoos auf der Museumsfassade, die uns grundlegend mit dem konfrontieren, was sie beim Lesen oder bei der Ablehnung sie zu lesen mit uns machen: Wie erleben wir Historie? Hat die Gegenwart eine Perspektive? Was lehrt die Vergangenheit? Was soll das denn? Flüssiges Denken ist angesagt. Sorgfalt beim Betrachten der Dinge auch und unbedingt. Die Devise lautet: sich an der Kunst kennen lernen, die eigene Position im Fortgang der Geschichte, im gesellschaftlichen Alltag, im Woher-Wohin auf der Bühne des Lebens reflektieren. Wo stehe ich? Was ist meine Verantwortung? Wie kann ich kritisch nachhaken? Was kann ich tun? 

Wie gesagt: Kunst ist kein Ponyhof. Jochen Gerz im Lehmbruck Museum: Claudia Poscas Blog

Die von Jochen Gerz allerdings ist nicht nur unbequem, provokant und herausfordernd, sondern sucht den öffentlichen Dialog. Nachfrage, auch solche im Nachhinein, vielleicht sogar besonders diese, ist ein kluges Kapital für die Zukunft. Fünfzehn Jahre lang hat Jochen Gerz, der ein konsequenter Kritiker einer Museumskultur zwischen Abschottung und Nobilitierung ist, Ausstellungen in Museen gemieden. Warum dann jetzt der Flirt mit dem schönen „BBB“?

„Ich habe Angst um dieses Land“ hat er mir am Rande der Ausstellungseröffnung vor knapp zwei Wochen gesagt. Und: „Es kommt was auf die Gesellschaft zu: Nicht der Immigrant, sondern sie selbst.“

Deswegen, oder besser dagegen hat er seinen monumentalen Spickzettel der Duisburger Museumsfront aufgedruckt, mit Notizen aus Weltgeschehen und Tagespolitik, darin sich sein eigener Werdegang, auch seine Vision von der Mission Kunst eingebettet findet. 185 Fußnoten hat der außergewöhnliche Geschichtsatlas. Die zwicken und zwacken, fordern Einlassung statt Erlösung. Viel lässt sich über Gefahren erfahren, denen die Demokratie ausgesetzt ist. Das spiegelt sich im Fußnoten-Booklet, das am 11. September (!) in einer 300.000der-Auflage der Rheinischen Post (RP) beilag, um auch über diesen Weg - typisch für Jochen Gerz - Öffentlichkeit zu mobilisieren. 

Vor Ort aber, in der Installation, mit Booklet in der Hand, sind es vor allem Sequenzen wie diese, die unter die Haut gehen: „Papa, wann ist die Gegenwart gestorben?“ Das hängt noch auf dem Nachhauseweg nach. 

 

Jochen Gerz im Lehmbruck Museum: Claudia Poscas Blog

Anderes auf dem „WALK“ thematisiert versteckten Rassismus, der Migranten zunehmend zum Sündenbock macht. Es ist ein Thema, das Jochen Gerz umtreibt. Von wegen konzeptuelle Kunst, die bloß kopflastig ist. Die von Jochen Gerz packt an: Zum „WALK“ zählt ein Kooperationsprojekt mit der regionalen Kreishandwerkerschaft Duisburg zur Aus- und Weiterbildung von jungen Flüchtlingen. Zwölf Migranten werden bis Mai 2019 im Museum handwerklich qualifiziert, sprachlich gefördert und als Guides den „WALK“ fürs Publikum begleiten. Als ermutigenden Rat hörten sie von Jochen Gerz: „Macht den ersten Schritt auf die Deutschen zu, selbst wenn ihr nur drei Wörter kennt. Es geht nicht darum die Migranten zu integrieren, sondern es geht darum, die Deutschen zu integrieren.“

„Kluger Kopf, dieser Jochen Gerz.“ 

Da sagst Du was. Ich bin gespannt, wie die Geschichte des „WALK“ in den kommenden Monaten zuschlägt.


Teaser-Foto: Sonja Rothweiler

Abb. 1. + 2: Frank Vinken 

Abb. 3:  Sabitha Saul

Wo Geschichte zuschlägt