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30. Juni 2016 - von Claudia Posca

Wo in der Kunst die Sonne scheint

Essen

Was für ein Erlebnis! Einzutreten in ein Haus, darin zuvor ausschließlich Luft, Licht, Leere hausten. Mit sonst nichts weiter mehr darin. Oder jedenfalls mit fast nichts mehr darüber hinaus. Was dann aber doch ein Etwas ist, weil Schummer und Schatten, Stille, Geräusch, Puls und Herzgewummer in allen Nischen wispern.

Bedeutet? In Kunst zu baden. In diesem Fall in einer Kunst, die radikal Ästhetisches zelebriert. Als Elementar-Architektur mit Teilhabe-Offerte: Kunst im Bauklotzformat. Die vertrackt intensiv bei der Inszenierung eines öffentlichen Ortes ist, den wir, wenn wir mögen, bespielen können: tätige Kunst. Hier und jetzt. Und mitten im Revier, wo es bis heute und immer wieder um Licht und Luft geht.

Wo zu erleben? Auf dem Gelände der „Situation Kunst (für Max Imdahl)“ in Bochum, Nevelstr 29, im Park von Haus Weitmar, am Ort des Kubus` und des „Museum unter Tage“ (MuT).

Von wem geschaffen? Die große Urban-Land-Art-Konzeptkunst-Künstlerin Maria Nordman steckt vor Ort im kleinsten Detail.

Der Anlass, dass ich im leeren Haus vorbeischaute? Liegt in Essen. Das Folkwang-Museum hatte zum Künstlergespräch mit der viermaligen documenta-Teilnehmerin Maria Nordman anlässlich der Restaurierung ihrer Zwei-Bogen-Tor-Skulptur „Insel Werden 1984 - heute“ auf der Essen-Werdener Brehm-Insel eingeladen.

Was für eine Gelegenheit! Eine Welt-Künstlerin, beheimatet in vielen Renommee-Museen dieser Welt, besucht für Art-of-Talk den Kohlenpott. Wer und wie die Grande Dame konzeptueller Projektkunst wohl ist? Passt sie zu ihrer Kunst, die Kunst zu ihr? Man macht sich ja nicht nur kunsthistorische Gedanken, oder?

Im Revier jedenfalls hat Maria Nordman markante Spuren geprägt. Drei Orte, drei Werke zieren die Metropole Ruhr: der Bochumer „Raum mit zwei Türen“, der weiße „Primavera“-Raum auf dem Welterbe Zollverein in Essen und die beiden Naturstein-Tore aus Basalt und Sandstein auf der Brehm-Insel in Essen-Werden. Allesamt holen sie Natur ins Urbane, machen aus Kunstguckern Mittäter. Was in Zeiten von Emscherkunst und TruckTracksRuhr hochaktuell punktet, wo allenthalben diskutiert wird, wie wir unterm Sonnenball leben wollen, wie wir leben werden.

Maria Nordmann stellt dem Ruhrland Fragen. Wie können, müssen, sollen Mensch, Natur und Stadt funktionieren? Ihr liebstes Werkzeug beim Lösungsmodulieren: Licht, Luft, Wasser, Erde, Raum, der Sonnenstand und wir. Pünktlich um 12:22 am 21. Juni dieses Jahres, dem Zeitpunkt, an dem die Sonne am Sonnensommerwende-Tag im Zenit steht, sollte auf Wunsch der Künstlerin ein Kinder-Orchester zur Neuenthüllung ihrer Arbeit auf der Brehm-Insel spielen. Das Gestirn allerdings hatte keine Lust zu scheinen. Und verzog sich ganz ins Wolkenbett.

Was aber blieb: ein Nordman-Tor-Ensemble, frisch restauriert. Essen hat sein Stonehenge wieder. Kultverdächtig!

Weshalb es mich nach Essen zog. Magische Interventionen, Naturpassion gehen mir nahe. Schon der Bochumer „Room with two doors“ hat sich ins Seelentief gefräst: Drei Meter Höhenraum auf einer Länge von dreizehn Metern bei einer Breite von sechs Metern. Wenn die Sonne scheint, kriecht Licht ins Dunkel.

Eröffnet wurde das Bochumer Raum-Licht-Haus 1989, ein Jahr nachdem der unvergessene Max Imdahl, Gründungsordinarius des Kunsthistorischen Instituts an der Ruhr-Universität Bochum, dem die „Situation Kunst“ gewidmet ist, verstorben war. Wie beabsichtigt, rankt inzwischen Ewig-Efeu Pavillonwände hoch. Ein Urwaldmammutbaum daneben macht den Haus-Baum dazu.

Der Grundriss? Setzt sich aus zwei einander umarmenden Längsrechtecken zusammen, deren offene Seiten, einander gegenüberliegend, ineinander greifen. So, dass sich links und rechts wie automatisch zwei Korridore ergeben: je einer für Eintritt und Abgang. Was wiederum als Klammer fürs Vakuum dazwischen erscheint: Alles oder Nichts? Das ist hier die Frage.

Ich hab`s als Bild uns zum Bilde begriffen: den Bochumer Raum zwischen Nirwana und Potential, zwischen lichtem Alpha und Omega. Denn durch Zu- und Ausgang strömt Lichtendes ins Fensterlose Raumvolumen. Signalisiert: Achtung auf und vor sich und dem Drumherum haben! Man selbst steht gebannt mitten drin.

Nur strahlender Sonnenschein, der ist Mangelware im Bochumer Nordman-Bau. Dabei brauche ich Sonne. Und Wärme. Beides möglichst täglich. Dagegen ist es hier drinnen schummrig kühl. Obwohl doch die Künstlerin als große Sonnen-Konzeptualistin bekannt ist. Ihre documenta 8-Arbeit etwa spiegelte Sonnenstrahlen. Möglich allerdings, dass ich Bochums Sonnenschein in ihrem Haus nur verpasste. Kunst und Natur im Verbund, sie haben halt Tücken: Independant-Kunst.

Wer leistet sich solch meditativen Luxus? Und wozu? Nichts davon wusste ich einst zu fassen. Weshalb die beherzte Museumsbesucherin Bekanntes aussprach: „Ich stand da drin, wie` n Ochs vorm Berge!“ Künstlertreffs brechen Dämme. Und outen jene, die denken, wie man sich bloß so unbedarft outen kann?

Maria Nordman aber findet Ehrlich-Emotionen angebracht: „Schön, dass es Sie so irritierte, dass Sie es genauer wissen wollten. Und jetzt hierher kamen. Und jetzt sagen, dass Sie, nachdem wir drüber reden, es besser verstehen!“ Könnte auch Max Imdahl gesagt haben. Erschütterungen nimmt Maria Nordman ernst.

Noch heute finde ich ihren Pavillon aufwühlend. Irgendwann packt einen das radikal Kühle. Und fasziniert. Nordman-Kunst hat Initiationstendenz. Für Achtsamkeit. Fürs Wenige, das viel sein kann. Für Licht und Schatten auch. Und fürs Sonnenlicht und dessen Abwesenheit.

Die 1943 in Görlitz geborene, seit Jahrzehnten im kalifornischen Santa Monica und unterwegs in der Welt lebende Künstlerin zaubert die Sinne scharf: „Attention fields“- Aufmerksamkeitsbereiche nennt sie das. Ortsspezifisch, existentiell. Oft magisch. Immer kontemplativ. Die Brehm-Insel gefiel ihr wegen des „vielen offenen Lichts“. „GEOAESTHETICS“ heißt ihr jüngstes Buch. Zur Kunst zwischen Wissenschaft und Empathie. Maria Nordman achtet auf Menschheitsförderliches.

„Die ganze Diskussion ist wie das Chaos der Photonen der Sonne!“ Dazu fuchtelt die Frau mit dem herzhaften Lachen so tatkräftig durch den Raum, dass Milliarden Elementarteilchen nur so flitzen im elektromagnetischen Umfeld des künstlerischen Esprits. Ein gewinnendes Wesen wohl nennt man das. Sympathisch!

Dazu noch ist die Frau sensationell engagiert. Das Publikum lädt sie ein, es auch zu sein. Wie`s geht? Klasse Kunst und Humor sind auf ihrer Seite.Tatsächlich aber ist Maria Nordman davon überzeugt, dass es zu ihrer Kunst den Menschen braucht: „Die Arbeit existiert nicht. Sie tendiert da zu sein…Die Lebensgeschichte und Erinnerung jedes Besuchers und die gewählte Zeit der Raumbenutzung bestimmen die Qualitäten der Arbeit.“

Anderes, was man an diesem Nachmittag von ihr erfährt, ist weitaus erratischer. Die Sache mit den Schwänen etwa. Zwei Fotos zeigt sie uns im Folkwang-Gartensaal. Sagt: „Die Hüter des Süßwassers - man isst sie nicht!“ Und lacht so laut, dass ich finde, da hat Jemand die Sonne im Herzen.

Wo in der Kunst die Sonne scheint