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4. Juli 2018 - von Claudia Posca

Wissenschaft trifft…

Essen

Kennen Sie den Rat: Bloß keine halben Sachen machen? Die halbe Welt empfiehlt das. Vermutlich aus archaischen Gründen. Etwa weil der von Platon erfundene Mythos vom Kugelmenschen auf der Suche nach seiner verlorenen Hälfte tief in uns steckt. Was eine schön melancholische Geschichte ist. Aber ich schweife ab.

Tatsächlich geht`s um einen halben Satz mit drei Pünktchen im Schlepptau, der mich als Einladungs-Mail des Essener Museum Folkwang erreichte: „Wissenschaft trifft…“ Im Handumdrehen hatte ich den Satz-Torso ergänzt: „Wissenschaft trifft…“ - Marsmenschen, Mütter, Mystiker, Musen? Nun ja, zugegeben: Ich finde das Leben mit Fabel, Fantasie und Vision attraktiver als ohne.

Jetzt sind Sie am Zug. Und versprochen: das freie Fabulieren befreit. Mutmaßlich wäre da sogar Friedrich Schiller drauf angesprungen: „Denn, um es endlich auf einmal heraus zu sagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ hat der große Ethiker mit dem feinsinnigen Nerv in seinen berühmten Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen 1795 gesagt.

Also sind wir beim Puzzeln mit dem halben Satz aus Essen in bester Gesellschaft. Und tun dabei so ganz nebenbei das, was dem neuen Format „Wissenschaft trifft…“ der Gemeinschaftsinitiative „Wissenschaftsstadt Essen“ wichtig ist: Querdenken rund um Kopf und Leben. Ich war gespannt auf einen Nachmittag Netzwerk-Philosophieren auf musealem Parkett.

Dazu steht auf www.wissenschaftsstadt-essen.de/ueber-uns notiert: „In der Initiative „Wissenschaftsstadt Essen“ gestalten Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Politik und Stadtverwaltung gemeinsam einen vernetzten Innovations- und Wissenschaftsstandort.“ Und in einer Pressenotiz von vor zwei Jahren hatte es geheißen: „Wissenschaft ist ein ganz besonderes Abenteuer.“ 

Das kann ich bestätigen. Vor allem, wenn die Muse die Wissenschaft küsst. Der interdisziplinäre Workshop im Museum Folkwang war anlässlich der noch bis zum 22. Juli laufenden Foto-Ausstellung „Luigi Ghirri. Karte und Gebiet“ organisiert worden.

Vorn auf dem Podium saßen PD Dr.Michael Anacker vom Institut für Philosophie der Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Birgit Mersmann vom Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln und Dr. Alma-Elisa Kittner vom Institut für Kunst und Kunstwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Sie alle wollten wissen, was eine „Fotografie als Begehren“ ausmacht. Zumal der Foto-Künstler selbst so Einiges in dieser Richtung schrieb, 1977 einen Verlag für Publikationen in Wort und Bild gegründet hatte.

Luigi Ghirri, Orbetello, 1974 © Eredi Luigi Ghirri

„Mich interessieren flüchtige Architekturen, die Welt der Provinzen, Objekte, die erfüllt sind von Wünschen, Träumen, kollektiven Erinnerungen… Fenster, Spiegel, Sterne, Palmen, Atlanten, Globen, Bücher, Museen“ hat Luigi Ghirri den Fokus scharf gestellt.

Die kleine Welt als begehrenswert großer Kosmos?

Die kostbare Frage gab`s zum Nulltarif. „Der Eintritt ist frei.“ Schön, dass es solche Angebote gibt. 

Rund fünfzig Interessierte waren darauf begehrlich. Ob künstlerische Fotografie eine Wissenschaft ist, Forschung betreibt? Und was die wissenschaftliche von einer kreativen Forschung abgucken könnte? Was eine ästhetische Einstellung bedeutet? Und wie der Fotograf Luigi Ghirri eine „Weltaneignung durch das Bild wider die Betäubung des Blickes“ betreibt, was zu einem „irritierenden Oszillieren der Wahrnehmung“ führe, werden wir im Laufe von drei Stunden Workshop diskutieren. Heiße Ohren, explodierende Hirnzellen hat`s beschert.

„Wissenschaft trifft…“, - das Angebot an diesem Donnerstag ist die Gelegenheit, gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Hören, was aktuelle Kunstgeschichte und Philosophie zu einer wichtigen Position der Fotografie des 20. Jahrhunderts zu sagen haben. Und gucken, wie der italienische Fotograf dem Alltag Erhabenes entlockt, weshalb man ihn auch einen „Ästhet des Unscheinbaren“ nennt.

Tatsächlich treffe ich in der Ausstellung auf einen analytisch in Serien, in Tage- und Logbüchern arbeitenden Foto-Poeten, der bedauerlicherweise nicht mehr lebt, 1992 mit nur 49 Jahren starb. Geboren wurde Luigi Ghirri 1943 in der norditalienischen Emilia Romagna, jener Region, von der die Süddeutsche Zeitung schwärmt:„Die Emilia-Romagna zählt zu den am meisten unterschätzten Ferienregionen Italiens. Dabei gibt es hier die besten Schinken, den aromatischsten Käse, den edelsten Essig. Mit der ältesten Universität Europas ist Bologna heute noch unter jungen Leuten die angesagte Stadt Italiens. Hier werden Traumautos gebaut wie Ferrari und Lamborghini. Städte wie Parma und Modena, Ferrara mit seinen Renaissancepalazzi und Ravenna mit seiner Mosaikpracht zählen zu den Highlights ganz Italiens. Hinzu kommt eine lebendige Kultur auf hochkarätigen Festivals. Und zum Sun-Downer geht es an den Strand von Rimini & Co.“ Ich kann das nur bestätigen, auch wenn mein Herz fürs apulische Süditalien schlägt. 

Luigi Ghirri Modena, 1973, Abzug 1979 C-Print, 18,6 x 28,3 cm © Eredi Luigi Ghirri

Was den Fotokünstler Ghirri allerdings interessierte, hat so überhaupt nichts mit dem emphatischen Reisetipp aus der Zeitung zu tun. Der hierzulande kaum bekannte, international hoch geschätzte Fotograf bevorzugte das Einfache, flirtete mit dem Unspektakulären. Wie er dabei surreale Impressionen einfing, hat ein Geheimnis, das nur die kleine Canon kennt, mit der er mal ein verwaistes Spielgerät ablichtete, mal Menschen von hinten fotografierte, mal Plakate auf den Kodachrome-Film bannte, die aussehen als wären sie Landschaften. Eine Wissenschaft für sich ist das, phantastisch aufgeräumt, poetisch beseelt, meditativ packend noch dazu.

Dabei war Luigi Ghirri gelernter Landvermesser, kein Fotograf. Erst 1973 hat er sich fürs Fotografieren entschieden. Ab da entstehen zweihundertachtzigtausend Negative, die sich in seinem privaten Archiv befinden. Und weil Luigi Ghirri meinte, dass mit dem ersten Bild der Erde, aus dem Weltall heraus geschossen, eigentlich alle Fotos dieser Welt fotografiert seien, zoomte er sich tief rein in Atlanten und Globen, so dass nur mehr ein Bildrauschen vom Weltengeflüster übrig blieb - ohne Details, weder Reportage noch Lokalnachricht. Dafür aber sind die entstanden Fotos mit herrlichem Sfumato ausgestattet, pastellig in der Farbigkeit, sehr esonders im Flair: kleine Fotos ganz groß. 

Die hat Luigi Ghirri übrigens als einer der ersten in Europa schon in den 1970er Jahre vorbehaltlos mit der Farbfotografie eingefangen, darin seinen Kollegen in den USA, vom Fotogiganten Stephan Shore bis zu William Eggleston, nahe.

„Am Ende warten die Orte, Dinge und Gesichter, die rein zufällig auftauchen, nur darauf, dass jemand sie erkennt, ohne jene Herablassung, die das bloße Einordnen in den endlosen Supermarkt der Außenwelt bedeutet“ war Luigi Ghirri vom unbefangenen Blick überzeugt.

Da war sie wieder, die Muse, die die Vernunft küsst und keine halben Sachen macht. 


Abbildungen: 

Teaser: Luigi Ghirri, Brest, 1972, C-Print, 24,5 x 16,8 cm © Eredi Luigi Ghirri

Abb. 1: Luigi Ghirri, Orbetello, 1974 C-Print, 12,5 x 20,2 cm © Eredi Luigi Ghirri

Abb. 2: Luigi Ghirri, Modena, 1973, Abzug 1979 C-Print, 18,6 x 28,3 cm © Eredi Luigi Ghirri

Wissenschaft trifft…