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23. Juni 2016 - von Claudia Posca

Wirklich jetzt!

Essen

Das ist das Schöne an Kunst: Ich gucke, fühle, denke, also bin ich. Was mit Bild, Emotion und Sprache zu tun hat. Die Nahtstelle dazwischen? Ist das eindeutig Vieldeutige. Kein einfaches Hip, Hop und Hurra. Dafür das, was zwischen den Zeilen flüstert, bildlich meistens, superfaszinierend immer.

Wie ich drauf komme? Hat mit einem extrem elastischen Ausstellungstitel des Essener Kunsthauses, Rübezahlstraße 33, zu tun. „Wirklich jetzt!“ schillert in unterschiedlichen Bedeutungsdimensionen.

Die ungewöhnliche Wort-Melange reizt, sie genüsslich zu drehen, dehnen, wenden, die Behauptung mal vorne, mal hinten zu betonen. Und je nachdem, wie man es wo akzentuiert, hebt der Ausstellungstitel das historisch Augenblickliche hervor, ist also zeitlich gemeint. Oder er unterstreicht die Tatsache, dass man etwas wirklich tut, also dazu auch verantwortlich steht. „Wirklich jetzt!“ ist Gehirn-Jogging pur, vieldeutig durchs Nadelöhr von Sprache und Bild.

Was zeigt: Unter welchem Motto eine Ausstellung in den Parcours geschickt wird, hat Gewicht. Weil das Motto Marker setzt, weil es seismographisch ist. Und ein Konzept verrät, das Gedanken fliegen lässt. Philosophischer Hirnsport mit Wohlfühl-Effekt. Friedrich Nietzsche hat das trefflich formuliert: „Das absolute Wissen führt zum Pessimismus: Die Kunst ist das Heilmittel dagegen.“ Ich vermute, weil die schönen Künste so eindeutig mehrdeutig sind.

Und „Wirklich jetzt!“vermittelt uns zwischen Zeithorizont und Tatbehauptung was noch? Mit irritierender Überschrift zunächst einmal fünf Positionen zeitgenössische Kunst. Stoff genug, nachzuhaken. Ich liebe Rätsel.

Bei diesem in Essen hat sich einer was gedacht. Und sich zudem noch mit einem Zweiten zusammengetan. Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt mit dem niederrheinischen Museum Goch. Beide Häuser zeigen Arbeiten, „die sich, medial unterschiedlich ausgerichtet, mit den uns umgebenden Lebenswirklichkeiten beschäftigen“, sagen Uwe Schramm vom Kunsthaus Essen und Stephan Mann vom Museum Goch. Klar, es geht schließlich in ihrer Koproduktion um das jetzt Wirkliche in der Kunst. Und im Leben. Oder ist es das wirkliche Jetzt, um das es geht? Ich habe da einige Fragen.

Auch, ob das Thema dieser Ausstellung, neben dem, was da präsentiert und zu sehen ist, die ausgestellte Ausstellung selbst ist? „Wirklich jetzt!“ lädt dazu ein, konzeptuelle Winkel und Nischen bis ins letzte Eckchen auszukundschaften. Schließlich zeigt uns eine Ausstellung „wie sie zeigt, was sie zeigt“. Hat es mal ein schlauer Kurator formuliert. Was mir jetzt besonders im Kopf rum schwirrt.

Davor aber gilt es zu gucken: digitale Collagen, Fotografien, Videos, Internet-gestützte Installationen, Interviews. Das Panorama an Ruhr und Niederrhein kreist um Gegenwart und Gegenwärtiges, um Shopping-Exzess, Twitter-Gewitter, Spray- und Street Art, um Stadtraum-Feeling, um Social Analysis, um Undercover-Kunst.

Ich finde: „Wirklich jetzt“ spürt wirklich dem Puls der Zeit nach. Das Ausgestellte stellt klischeefreies Gucken scharf. Mit Feelgood hat das nichts zu tun. Oft sind es gnadenlos präzise Milieustudien, die sezieren, um den Alltag zu entlarven: (digitaler) Konsum- und Massenzwang, Einsamkeit, Geltungswahn, Ängste. Ziemlich verantwortungsbewusst das Ganze. Gut so!

Die Ausstellungs-Macher aber fragen sich, ob ihr Ausstellungs-Setting greift, ob es tatsächlich was mit dem Besucher macht: „Welche Trends, Sichtbarkeiten und Phänomene unserer Lebenswirklichkeit sind Kunst- und Ausstellungswürdig?“

Eine grundsätzliche Frage. Das iggelige Thema steht mit jeder neuen Schau erneut im Raum. Und birgt ein jedem Kurator bekanntes Risiko: auch mal daneben zu liegen. Selbst Trend-Scouts, oder gerade sie, können irren. Ob „Wirklich jetzt!“ den Nerv der Zeit trifft?

„Genau. Es geht um Verantwortung. Es geht um das stete sich Bewusstmachen, was man da tut, wenn man Ausstellungen unter bestimmten thematischen Aspekten zusammenstellt, die Künstlerauswahl entscheidet, sich darüber austauscht, was wie wo in welcher Nachbarschaft zueinander im Forum gezeigt werden soll, um Inhaltliches, im besten Fall. um akut Relevantes vorzustellen. Denn Ausstellungsinstitutionen heute sollen mehr denn je die Rolle von Kraftwerken spielen. Was aber für uns die Frage aufwirft: Sollen wir Trends, Modeerscheinungen etc. ungefiltert zeigen? Was möglicherweise dazu führt, dass Ausstellungshäuser diese noch verstärken.“

So kompliziert hatte ich mir Ausstellungsmache nicht vorgestellt. Uwe Schramm und Stephan Mann aber kennen das Grundgrummeln im Bauch nur zu gut. Zahlreiche Ausstellungen präsentieren sie Jahr für Jahr, verstehen ihre Häuser als offene Räume, die gezeigte Kunst als Einladung, hier, jetzt und heute am Status des vornehm Etablierten zu kratzen. Ich bin, was ich darf?

„Wir fragen uns permanent, ob das kollektive Wollen und Denken ausgestellt werden soll? Oder ob es nicht vielmehr ums Querdenken geht? Wie aktuell müssen Ausstellungen sein?“

Irgendjemand  hat das mal in anderen Zusammenhängen „eine Art Diskurs-Glutamat“ genannt. Was gut passt, auf das, was Stephan Mann und Uwe Schramm in die Szene schleusen: Fragen Diskussionen, Provokationen, „keine fertigen Antworten jedenfalls“.

„Klar, bei allen Zweifeln, ob das angemessen ist, was wir da zeigen - ohne ja überhaupt tatsächlich zu wissen, welche Erwartungen das Publikum hat - haben wir auch die Vorstellung, etwas neu zu entdecken, was noch nicht abgesichert ist. Wir holen also Kunst auf die Bühne, die unverbraucht intensiv ist, die wirklich jetzt entstanden ist. Und wir tun das jetzt, um nah dran zu sein an Kunst und Leben.“

Ohne Garantie, dass das beim Publikum ankommt. Deshalb das Ausrufezeichen im Ausstellungstitel? Für Nachdrücklichkeit?

„Der Besucher selbst ist aufgefordert, seine individuelle Haltung zu den Kunstwerken zu finden, ihre Kunstwürdigkeit und -wertigkeit kritisch zu deuten.“

Was wieder so ein Setting ist, die Absicht, dass Ausstellungen modellieren: Themen, Zeiten, Räume, mich.

Eine große Herausforderung. Ob das auch mit mir gelingt?

Was Essen und Goch dazu meinen, kann ich mir denken: Ausprobieren, wirklich jetzt!

Wirklich jetzt!