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12. August 2019 - von Claudia Posca

Wir alle brauchen Schönheit

Wie Sie das sehen, weiß ich natürlich nicht. Aber ich finde, dass Bella Italia in diesem hochsommerlichen Sommer quasi vor der Tür liegt. Auch, wenn das keine ungetrübte Freude ist, weil der Klimawandel ja das Klima gewandelt hat.

ABER: Noch hat uns eine drohende Eiszeit nicht ereilt. Heißt also: Trotz der richtig wichtigen Fridays-for-Future -Bewegung  genieße ich den traumschönen Sommer 2019, das mehr als sonst Draußen-Leben, das Licht-Schatten-Baden, das Aalen im warmen Morgenwind, in lauer Abendbrise, die Mittags-Hitze-Siesta (so es die Arbeit erlaubt) und das Grillenzirpen punkt 21 Uhr (achten Sie mal drauf, es stimmt wirklich) bei einem Glas Primitivo. Ach ja, nicht zu vergessen das Glühwürmer-Glühen nächtens und der außergewöhnlich mediterrane Duft. Das ist doch ein Stück vom Himmel, oder?

Jetzt dreht sie ab, denken Sie? Und was das mit Kunst zu tun hat? Nichts für ungut: Das hat im Allgemeinen und Besonderen mit Schönheit bzw. mit dem Feeling fürs Schöne zu tun. Wovon Kunst so oder so, selbst wenn sie hässlich ist, handelt. Zumindest lässt sich damit die These aufstellen, dass, wer Schönes genießt auch dem Kunstschönen nahe ist bzw. ihm ein Stück näher kommt. Wobei ich natürlich weiß, dass mancher es anders herum sieht: also überzeugt ist, dass vornehmlich die Kunst das Schöne entdecken lehrt. Auszuschließen ist auch das nicht. Ich persönlich gehe davon aus: beides in eins wirkt, sich gegenseitig steigernd, prägend.

Allerdings scheint mit Schnelligkeit, Verflüssigung und Wandel im Digitalzeitalter das Wahre, Schöne, Gute ins Hintertreffen zu geraten. Und auch so eine Frage ist es, ob sich das Schöne ganz allgemein mehr und mehr verabschiedet, ja sich selbst in der Kunst und im Museum nicht mehr glücklich fühlt, weil auf genau diesem Parkett eher die Avantgardetechnik des konfrontativ Dissonanten kritisches Denken und Aufklärung einfordert.

Und dann das: Mit Verlängerung läuft die Eyecatcher-Schau „Schönheit – Lehmbruck & Rodin – Meister der Moderne“ anlässlich des 100. Todestages von Wilhelm Lehmbruck im Duisburger Lehmbruck-Museum noch bis zum 1. September. Nicht mehr lange also, bis es das war mit einer der ganz raren Ausstellungen, die nicht nur Belle Époque und Kunstschönes auf den Laufsteg schicken, sondern auch noch die Traute zu expliziter Inszenierung haben: schwarz getünchte Wände, elegante Lichtführung, nobilitierende Spots auf Einzelwerken, gemäß dem Motto: Schönes schön zeigen.

Herrlich altbacken? Einfach schön? Wer da war jedenfalls, kommt anders zurück. Und wie sieht es die Museumschefin des Lehmbruck, Söke Dinkla? Ich habe mit ihr über den Zauber in entzauberter Welt gesprochen.

„Schönheit ist ein Thema, das uns alle berührt. Es ist ein Thema, das die Jetztzeit mit der Geschichte der Kunst verbindet. Ausschlaggebend war, dass viele Lehmbruck-Museumsbesucher oft sehr spontan sagen: ´Ist das schön!‘ Als Kriterium in der aktuellen Kunstwissenschaft spiegelt sich das aber nicht wieder. Der Begriff des Schönen scheint aus der Zeit gefallen zu sein.“

... ja mehr noch: Fast scheint der Begriff des Schönen verpönt.

„Ganz genau. Etwas schön zu finden, klingt banal, ist subjektiv. Das Schöne ist nicht objektivierbar. Die Kunstgeschichte aber versucht Phänomene auf den Begriff zu bringen. Ich finde das Thema hochinteressant, weil es emotional ist, und weil jeder dazu eine ganz persönliche Idee hat. Historisch betrachtet, bringt es uns neue Erkenntnisse: In der Zeit, in der Rodin und Lehmbruck ihre wichtigsten Werke schufen, hat sich der Schönheitsbegriff rasant verändert. Es war die „Belle Époque“ – die „schöne Epoche“, und zugleich wurde „Schönheit“ neu definiert. Das Klassizistische wurde obsolet. Es gab heftige Debatten darüber, was die Aufgabe der Kunst zu sein hatte, was Schönheit ist. Und genau in dieser Umbruchphase ist Lehmbruck groß geworden und hat einen wichtigen Beitrag zum Entstehen des Neuen geleistet.“

Inwiefern?

„Wenn man das Thema des Schönen im frühen 20. Jahrhundert betrachtet, hat es viel mit dem Menschenbild, mit dem Menschlichen, mit dem Humanen zu tun. Was für uns heute als oberflächlicher Begriff gilt, war seinerzeit verknüpft mit einer inneren Schönheit, mit einer seelischen Stärke, mit Wahrhaftigkeit. Sich das in Erinnerung zu rufen, kann das Werk Lehmbrucks heute in einem Licht erscheinen lassen.“

Sie wollen den Begriff des Schönen für die Gegenwart reaktualisieren?

„Genau darum geht es. Es ist eine wichtige Qualität der Kunst, für die wir wieder geeignete Worte finden sollten.  bild Rodin

Um für eine humanistische Haltung zu sensibilisieren?

„Ja. Das ist das Entscheidende. Gerade darum dreht es sich in der Kunst von Wilhelm Lehmbruck. Aber natürlich betrifft das auch die Kunst August Rodins, der für Lehmbruck anfangs ein großes Vorbild gewesen ist. Relativ schnell aber hat sich Lehmbruck von dem Übervater Rodin emanzipiert. Die Ausstellung zeigt das zum Beispiel im Vergleich der zwei sehr unterschiedlichen „Denker“. Lehmbruck selbst hat zu Lebzeiten Rodins moniert, dass dieser den Menschen als muskulären Boxer darstelle, während für ihn der Mensch ein in sich Hineinschauender, ein Denkender ist – heute würden wir sagen ein Kreativer. Kreativität macht das Menschsein aus. 

Was dann zu den typisch überlängten Figuren Lehmbrucks führte?

„Das ist ein sehr eigener Weg. Meine These ist, dass sich Lehmbruck vom damaligen Pariser Großstadtleben hat anregen lassen. Man muss sich die Zeit einmal vorstellen: Es entstanden die ersten Konsumtempel, die berühmten Pariser Passagen. Marcel Duchamp wandte sich dem Mannequin als Thema zu. Die damaligen Kritiker beschrieben Lehmbrucks Skulpturen als künstliche Gliederpuppen. Gut möglich, dass all dies zusammen genommen, Lehmbruck dazu inspiriert hat die menschliche Gestalt als eine sehr besondere Art von Mannequin zu erschaffen.“

Weg von der naturalistischen Imitation hin zur Kreation?

„Ja. Oskar Schlemmer (1888-1943) z.B. kommt da ins Spiel. Mit seinen Maschinen-Menschen, mit den Figuren seines Triadischen Balletts. Das sind allesamt gebaute, konstruierte Gestalten. Auch Lehmbruck hat seine Menschengestalten mechanisiert gedacht und regelrecht gebaut, war, recht betrachtet, ein Künstler-Ingenieur.“

Klingt höchst modern: Lehmbruck - ein Vorläufer virtueller Komposition?

„Dazu könnten wir tatsächlich mal eine Ausstellung machen. Wobei zu zeigen wäre, wie originell und einzigartig Lehmbruck den von Mitstreitern wie Amedeo Modigliani oder Egon Schiele flankierten Weg gegangen ist. Die Stärke dieser Impulse hat wiederum spätere Generationen inspiriert. Ich denke da beispielsweise an Alberto Giacomettis bis aufs Wesentlichste reduzierte Figuren. Oder auch an Joseph Beuys. Oder an Berlinde De Bruykere, die wir im Lehmbruck-Trakt mit einer Plastik zeigen, um die Wirkungsgeschichte Wilhelm Lehmbrucks in der zeitgenössischen Kunst anzudeuten.“

Welcher Choreografie folgt die Ausstellung?

„Es ist eine große, eine kunsthistorische, aber keine chronologische Ausstellung. Der gesamte Wechselausstellungsbereich wird bespielt. Dazu haben wir eine neue Ausstellungsarchitektur entworfen. Zum Auftakt gibt es im Foyer einen der berühmten Armory-Show aus dem Jahr 1913 nachempfundenen Raum. Damit wird deutlich, dass Lehmbruck in den USA 1913 seinen internationalen Durchbruch gehabt hat. Die Besucher begegnen seiner „Knieenden“ und der „Großen Stehenden“ neben der wunderschönen „Schlafenden Muse“ von Constantin Brancusi. Der Dialog zwischen Rodin und Lehmbruck zeigt, wie unterschiedlich sie das Bild vom Menschen entwerfen. Wir präsentieren Beispiele der „Salon“-Plastiken, also das, was Anfang des 20. Jahrhunderts auch beim Publikum beliebt war. Zudem sind angrenzende Kabinette thematisch dem Tanz und der Bewegung, dem Torso und der Torsierung gewidmet.“

Keine Zeichnungen, keine Grafiken?

„Doch, auch. Allerdings gibt es sie nur von Lehmbruck. Das Thema Erotik spielt darin eine große Rolle. Viele neue Formerfindungen sind aus der Idee einer Befreiung des Körpers entstanden. Was auch zu einer Neubewertung dessen führte, was körperliche Schönheit bedeutet.“

Wie schafft man in Zeiten knapper Kassen eine solche Hochkaräter-Ausstellung?

„Es ist gelungen, das Pariser Musée Rodin, als Kooperationspartner zu gewinnen, das ist ganz wichtig. Außerdem haben wir weitere wichtige Museen das Musée Camille Claudel, das Centre Pompidou und auch das Folkwang Museum und viele mehr als Leihgeber gewinnen können. Zudem bedanken wir uns sehr beim Landschaftsverband Rheinland, der uns durch seine frühe Zusage eine Planung ermöglicht hat und beim Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.  Und auch bei der Sparkasse Duisburg und der Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland. Neben vielen weiteren Unterstützern wie der Ernst von Siemens Stiftung und der Stadt Duisburg natürlich.“

Warum muss man die Ausstellung gesehen haben?

„Weil man viele unglaublich schöne Arbeiten sieht, die man so schnell nicht wieder sehen wird. Mit etwa 100 Werken zeigen wir Rodin und Lehmbruck im Kontext ihrer Zeit zusammen mit herausragenden Bildhauern wie Henri Matisse, Alexander Archipenko, Camille Claudel, Max Klinger und Alfred Boucher um nur einige zu nennen. Ich bin sicher, dass wir Duisburgs großen Bildhauer Wilhelm Lehmbruck hinterher mit anderen Augen sehen.“

Das ganz sicher und darüber hinaus: eine schöne Einladung, das Schöne zu rehabilitieren.

 

Fotos: Ausstellungsansichten: SCHÖNHEIT. LEHMBRUCK & RODIN, Lembruck Museum, © Claudia Posca

Wir alle brauchen Schönheit