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12. März 2015 - von Claudia Posca

„Wie viel Perspektiven sind denn drin?“ - Der Kunstgeschichtler Max Imdahl, seine Ikonik und das Ruhrgebiet

Bochum

Gucken, Sehen, Wahrnehmen - die Kunst der Kunstbetrachtung macht was?

Spaß? Arbeit? Klug? Und was ist mit „Bilderfahrung“, „Bildevidenz“, dem „sehenden Sehen“? Die Trigger sind gesetzt. Ich wage zu behaupten, dass besonders die Kunstlandschaft Ruhr davon profitiert.

Verantwortlich dafür ist? Professor Max Imdahl, Gründungsordinarius des Kunsthistorischen Instituts an der Ruhr-Universität Bochum, 1988 viel zu früh im Alter von 63 Jahren verstorben. Guckte dieser charismatische Kunstprofessor auf Kunst - sei`s jene der Ottonik, der Art concrete - wurden Maßstäbe gesetzt. Heraus kam eine sehr besondere Kunsttheorie, „Ikonik“ genannt. Mit ihr schürfte der Meister des offenen Blicks die bildspezifischen, und außerhalb eines Bildes nicht anzutreffenden, Sinnstrukturen an die Oberfläche. Was für uns Schüler bedeutete: Gucken, Sehen, Wahrnehmen. Und drüber reden. Eine Chance fürs Ruhrgebiet.

Die „Sandmühle“ von Günter Uecker etwa war ein Thema. Oder die „Grande Diagonale“ von Giuseppe Spagnulo, beides Werke der RUB-Kunstsammlungen, die der 1925 in Aachen geborene Max Imdahl auf- und ausbaute. Neben seinen zahlreichen Essays. 1996 sind drei dicke Bände als „Gesammelte Schriften“ im Schuber erschienen. Ein Traum für Imdahl-Fans. Obwohl die dünnseitigen Wälzer lange nicht widerspiegeln, was uns ´live` so faszinierte: Das Wunder, wie einer es schaffte, ein nahezu schwarzes Bild zum Schillern zu bringen, Hirntraining mit Augenglanz. Auch dafür ehrt ihn die Bochum-Weitmarer „Situation Kunst“ mit dem Namenszusatz „für Max Imdahl“.

Überhaupt: Sieht man sich in der Revier-Kunst-Szene um, sind Imdahl-Schüler allerorten präsent: Als Leiter von Kunstvereinen, in Galerien, als Freelancer, als Museumsdirektoren: Hans-Günter Golinski etwa in Bochum, Heinz Liesbrock in Bottrop, Tayfun Belgin in Hagen, Ferdinand Ullrich in Recklinghausen. Oder sind, wie z.B. Richard Hoppe-Sailer in Bochum, am Kunsthistorischen Institut tätig. Andere, Eva Müller-Remmert etwa vom Duisburger Museum Küppersmühle, kuratieren Ausstellungen. Und, und, und - die Max-Imdahl-Wirkungsgeschichte im und für das Ruhrgebiet ist noch zu schreiben. Würde sie notiert, sie käme um Ektachrom und Dia-Karussell nicht herum. Denn: Keine Dias, kein Vortrag! Etliche Hiwis (für Hilfswissenschaftler) kamen schon mal ins Schwitzen. Für den in Münster habilitierten Kunsthistoriker musste Wissenschaft im und fürs Ruhrgebiet anschaulich sein.

Max Imdahl: „Ich wollte ursprü nglich, um das ganz ehrlich zu sagen, zuerst ein anderes Dia zeigen, aber für das andere Dia ist es nicht dunkel genug und dieses hier ist eine relativ einfache Zeichnung, die man jetzt schon gut erkennen kann. Sie stammt von einem Maler namens Josef Albers, der in Bottrop geboren ist und der im hohen Alter kürzlich gestorben ist … Will sich jemand zu der Zeichnung äußern?“

Seminar-Teilnehmer: „Es sind zwei Perspektiven drin.“

Max Imdahl: „Ja, zwei Perspektiven sind drin. Und wie verhalten sie sich zueinander?“

Seminar-Teilnehmer: „Ja, gegeneinander.“

Max Imdahl: „Ja, kann man das räumlich nachbauen?“

Seminar-Teilnehmer: „Nein.“

Seminar-Teilnehmer: „Doch, das müsste möglich sein.“

Seminar-Teilnehmer: „Nein, kann man nicht.“

Max Imdahl: „Kinder, das ist sehr wichtig!“

Seminar-Teilnehmer: „Das kann man nicht, das wechselt doch hier!“

Max Imdahl: „Ja, jetzt wollen wir in aller Ruhe (bricht ab) - es ist sehr viel Wichtiges gesagt worden. Es ist alles wichtig, was gesagt worden ist. Es ist zum Beispiel auch sehr wichtig, dass es sehr technisch aussieht, es sieht aus wie eine Architekturzeichnung, wie eine technische Zeichnung. Die Frage wäre jetzt, ist es überhaupt konstruierbar, oder kann es nur so in der Form sein, wie es jetzt ist, nämlich in der Fläche.“

Bedeutet? Das zu Sehende ist eine Qualität an und für sich. „Anschauungstatsache eigener Art“ spitzt es Max Imdahl zu, „Bildstruktur und Sinnstruktur sind ein und dasselbe“. Er hatte eine Bild-chirurgische Rede.

Bis heute versuche ich die Annäherung. Das hilft beim Spaziergang zur Public Art genauso wie beim Diskutieren über ungegenständliche Künste. Sperrige Kunst erzählt man sich am besten selbst, beschreibt sie genau, hält ihre Zumutungen aus und redet über Widerspruch, Mehrdeutigkeit, Fremdheit. Auch darüber, dass Kunst, egal welcher Richtung, niemals 1:1 in Sprache zu übersetzen ist. Denn was Sprache aufzählt, ist im Bild gleichzeitig. Und: „Wir würden über die Frage, ob eine Täuschung eine Täuschung ist, oder keine Täuschung, überhaupt nicht nachdenken ohne das Ding... Und das ist Erkenntnis! Erkenntnis ist immer etwas, was darüber hinausgeht, was man schon begriffen hat.“ Wieder so eines der vielen Imdahl-Vermächtnisse.

Dafür nahmen wir das Sitzen auf der Treppe in Kauf. Imdahl-Vorlesungen waren voll. Weil sie magisch sein konnten! Weil Kunst und Denken, Sehen und Erkennen als existentielle Verortungen im Leben rüber kamen. Selten näher ist man dran gewesen an den Besonderheiten von Malerei und Skulptur, von Tradition und Moderne. Schön, dass Christoph Böll dem großen Bochumer Kunstwissenschaftler 2012 ein filmisches Denkmal setzte: „Sehenden Auges.“

Uneingeschränkt toll allerdings fanden nicht alle die packende Sezierung widerborstiger Kunst.  Ende der 1970er Jahre gab es wütende Proteste gegen die Bochumer Stahl-Großplastik „Terminal“ von Richard Serra, die heute seitlich des Hauptbahnhofs steht, frisch restauriert und ein echtes Wahrzeichen. Weitsichtig schrieb Max Imdahl am 7. November 1977 an den damaligen Vorsitzenden des Bochumer Kulturausschusses Fritz Bahlo: „Der hervorragende Platz der Plastik in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ist jetzt schon unbestritten… Ich darf es wiederholen: nur in einer progressiven Kulturpolitik besteht unsere Chance, auch unser Vorteil gegenüber traditionsreicheren Städten.“ Max Imdahl war klug. „Denken als Ereignis“.

Nicht umsonst hängte Max Imdahl seine mit dem Blevin-Davis-Preis (1949/50) ausgezeichnete Malerei an den Nagel: „Was ich in Zukunft machen werde, ist nicht Kunst, sondern Mitteilung.“ Streit-Kultur, hermeneutischer Zirkel, Negative Theologie inklusive. Legendär sind Imdahl-Seminare im Bayerwerk Leverkusen: „Arbeiter diskutieren moderne Kunst“. Sie erschienen 1982 im Buchformat. „Ich will Sie nun nicht zu überzeugten Anhängern der modernen Kunst machen, aber vielleicht gelingt es, dass wir zusammen etwas diskutieren, dass Ihnen dann vielleicht am Ende die Bilder nicht gefallen werden, aber dass Sie sie auch nicht mehr für den hellen Unsinn halten“.

Das hab` ich mir ins Herz geschrieben. Es hilft immer - beim Kunstgucken, bei der Kunstvermittlung, fürs Leben.

„Wie viel Perspektiven sind denn drin?“ - Der Kunstgeschichtler Max Imdahl, seine Ikonik und das Ruhrgebiet