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19. November 2015 - von Claudia Posca

Wie man Publikum küsst – ETST in den Flottmann-Hallen Herne

Herne

ETST hat sich in mein Ohr geflüstert. Und steht für Essen, Trinken, Sehen, Tun mitten in einer Ausstellung, die noch keine ist, aber eine werden wird, sobald die „Kunst im Aufbau“ an der Wand hängt. Veranstaltungsort: sind die Flottmann-Hallen Herne.

Das alternative Konzept lockt mit Lounge-Atmosphäre, die Einladung zur Bald-Ausstellung funktioniert übers Hören-Sagen: Achtung, Geheimtipp! Nur wer ausdrücklich Einladungspost anfordert, bekommt Schriftliches – „höchst persönlich und offiziell“. Willkommen aber ist jeder, den die Mund-zu-Mund-Propaganda erreicht. ETST wandelt auf anderen PR-Wegen.

Die „Essen Trinken Sehen Tun“ vier, fünf Mal im Jahr initiieren, jetzt schon zum zwölften Mal, sitzen in der Straße des Bohrhammers 5 und heißen Jutta Laurinat und Erich Füllgrabe, ein Kunst-Team, wie es im Buche steht: Sie ist zuständig fürs Flottmann-Hallen-Ausstellungsprogramm, er ist Installations- und Performancekünstler. Zusammen stemmen die beiden ein außergewöhnliches Format, um „kunstinteressierte Bürger in zwangloser Atmosphäre miteinander ins Gespräch zu bringen.“

Die Idee: Vollpension im Ausstellungsraum, Essen, Trinken, Sehen, Tun noch vor der offiziellen Vernissage. Köstliche Art acts werden serviert. Versprochen!

Wer Genaueres wissen will, googelt sich durchs Internet. Und findet – nichts. Auch die flotte Broschüre verrät nicht viel. Schon gar nicht, wann der nächste ETST-Abend steigt. Gut, dass sich die Fakten durch den Äther twittern: 10. November, 20 Uhr, ist ETST-Zeit – letztmalig in diesem Jahr. Die konspirative Werbung funktioniert.

Da Neugier neugierig macht, bin ich diesmal mit dabei. ETST ist ein exklusives Preview-Programm. Sogar die Pressekonferenz zur Kunstausstellung ist erst eine Woche später. Kein Wunder, dass sich das Publikum gebauchpinselt fühlt. Ich übrigens auch. Ein kluger Schachzug, um Besucherzahlen zu optimieren. Mit Speck fängt man Mäuse, ich schlucke ETST.

Und nehme dafür gern in Kauf, dass ich am nämlichen Tag für den nämlichen Tag arbeiten muss. Als Mit-Mach-Performerin sozusagen. Wie übrigens alle, die die Vollpension in den Flottmann-Hallen in Anspruch nehmen. Was genau zu tun ist? Ist immer etwas Anderes und bleibt bis auf Weiteres überraschungsgeheim.

Etwas aber verrate ich: Essen, Trinken, Sehen, Tun ist komplett gratis. Wer sich für Lecker-Nahrung und Getränk bedanken möchte, füttert fürs Köstlich-Köcheln die Schatulle. Tatsächlich ist es Sterne-Koch Siegfried Fiebiger, der ETST bekocht. Immer? Immer!

Es ist 19.40 Uhr, ich sitze in den Flottmann-Hallen an einem Bartisch. Viele davon sind im Ausstellungsraum aufgestellt, die „Farben-lesen-im-Quadrat“-Ausstellung der Bottroper Malerin Brigitte Wiegmann hängt schon an der Wand. Ausnahmsweise ist die Präsentation fertig installiert, „weil die Künstlerin so sensationell schnell war. Ansonsten stünden hier Transportkisten rum, läge Verpackungsmaterial auf dem Boden. Was gewollt ist.“

Erich Füllgrabe hat gerade noch zehn Minuten Zeit, bevor er Moderator wird. „Um Beziehungen herzustellen zwischen der Ausstellung und den performativen Art acts.“ Das Licht um uns herum ist schummerig, Teelichte flackern, Farbwechsler zaubern Wechselfarben. Allmählich trudelt das Publikum ein. Für einen Geheimtipp ist es ganz schön voll. „Markt-Mechanismus“, frötzelt Erich Füllgrabe, „wir haben von der Ökonomie gelernt: Verknappung erhöht den Preis. Grundsätzlich aber ist jeder eingeladen, kann kommen, wenn er davon hört.“

An diesem Abend liegen Einladungszettel auf jedem Tisch. Ob Konspiratives drauf steht? „Noch nie hat ETST zwei Art acts aus einem gleichen Bereich beim gleichen ETST gleichgesetzt. Gleich, also am 10. November 2015, wird es aber eine solche Premiere geben. Das ist gleichwohl keine Gleichmacherei, sondern vielmehr gleichlich das Ungleiche des Gleichen“.

Wortakrobatik pur, ich bin gespannt auf mehr. Schließlich ist der Herner Experimental-Künstler Füllgrabe als „Monolith der Sprachkunst“ bekannt, Dada und Gaga nicht ausgeschlossen.

Es ist 20 Uhr, ETST beginnt: Der Mann zieht einen weißen Kittel über, geht nach vorn. Mit österreichischem Akzent, jetzt wissenschaftlicher Kunst-Entertainer alias Merrit Jaboksen, begrüßt Erich Füllgrabe uns ETSTler: „Sie müssen auf die von vielen erwartete, aber von noch vielen mehr gefürchtete Einleitung meinerseits verzichten. Und sich bis nach dem Mittagessen gedulden, dann wird`s nämlich statt einer Einführung eine Mittelführung geben. Jetzt aber möchte ich Sie ins Art-Programm induzieren.“

Die Zeichen an diesem Abend stehen auf Malerei, Musik und Elektronik, auf Atom, Fraktal und Schall. Der rote Faden zwischen den Sparten hat mit Schwingung zu tun. Was höchst plausibel wird, hat man sich erst einmal ins elektro-akustische Harfen-Konzert von Xenia Narati oder in die Computer-generierte Musik von Andreas Wildenhain zur „Sonifikation der Fraktale als Verklanglichung nicht-linearer mathematischer Funktionen“ eingeschwungen.

Alles klar? Gewiefte ETSTler gehen gelassen mit der Unklarheit um. Die Konfrontationen nennt Wortartist Füllgrabe „breitspagatig“. Alles Mögliche aus dem performativen Bereich kann das sein: Lesungen, Musik, Performance, Tanz, Kurzfilm. ETST zielt nicht auf Kunstkonsum. Stattdessen spielt man mit Irritation, Inspiration, Kommunikation. „Bloß nicht vor Hunger blöd werden“, sagst der Künstler und eröffnet die Mittagspause zum Abendbuffet.

Nach dreißig Minuten Essen/Trinken ist Tun angesagt: Anknüpfend an Schlau-Zitate zur Kunst Brigitte Wiegmanns, die die „Töne“ der geometrischen Farbkompositionen hervorheben bzw. deren „klangintensive Entfaltung“, heißt Füllgrabes Devise: „Nicht sonifizieren, sondern optifizieren!“ Des Künstlers kurioser Oszillations-Vibrator, Marke Eigenbau, hilft beim Durchblick. Die Aufgabe des Publikums: Zettel formen, Zettel falten, in die Kinetik-Apparatur hängen. So schön kann Arbeit gegen Vollpension sein.

Am Ende balanciert Blattkunst auf der Leine. Bis des Künstlers Maschinenkunst vibriert: Kunst-Groove mit Schwung und Schwingung.

Coup geglückt, Kurzweil perfekt, Applaus für ETST. Ganz klar: Das Herner Happening ködert mit Bravour, das Publikum fühlt sich geküsst.

Wie man Publikum küsst – ETST in den Flottmann-Hallen Herne