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23. Januar 2018 - von Claudia Posca

Wie läuft es?

Recklinghausen

Unfassbar, wie die Zeit rennt. Schon acht Monate hat die Kunsthalle Recklinghausen einen neuen Chef. Sein Name: Hans-Jürgen Schwalm. Und der ist nicht erst seit seinem offiziellen Amtsantritt am 1. Juni 2017 ein passionierter Museumsmann.

„Bei Max Imdahl habe ich geschoben“, wird er mir bei unserem Treffen erzählen. Was heutigen Studierenden vermutlich ein Rätsel aus ferner Vergangenheit ist.

„Ja, das waren Zeiten. Die Welt funktionierte analog. Dias schieben, den Projektor bedienen. Wichtiger aber war, dass Max Imdahl damals andere Akzente als die gängigen gesetzt hat.“

Womit Hans-Jürgen Schwalm auf die legendäre Ikonik des Gründungsordinarius der Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum anspielt, der die Historie mit der Ernstnahme des Bildlichen gleichberechtigt verknüpfte, eine sinnliche Wissenschaft draus machte.

„Den Begriff der Ergriffenheit, den hat Max Imdahl in der Kunstgeschichte etabliert.“

Ich verstehe das so, dass auch ein frisch gebackener Museumsdirektor nachhaltig davon geprägt wurde.

Eine kleine Ewigkeit, gefühlt jedenfalls, tatsächlich seit 1990, ist der in Wanne-Eickel geborene, in Bochum aufgewachsene Hans-Jürgen Schwalm, - ein Vollblut-Kunsthistoriker mit Faible für Malerei -, „immer schon da gewesen“ im Kunstbunker am Recklinghäuser Hauptbahnhof. Als „Vize“, wie man so sagt, und den Stellvertreter des Kunsthallendirektors meint. Letzterer ist letztes Jahr in den Ruhestand gegangen. Mindestens genauso aber, wie der Ex-Chef Ferdinand Ullrich, ist Hans-Jürgen Schwalm ein Urgestein der hiesigen Kunstlandschaft.

Weshalb es seit Monaten fett notiert steht, - erst im alten, dann im neuen 2018er-Kalender: Wie läuft es in Recklinghausen? Was plant, macht, tut der neue Kunsthallenchef?

Ein Anruf hat genügt: „Ja, klar, komm` vorbei.“ Hans-Jürgen Schwalm ist sympathisch unkompliziert. Ob er für ein Interview Zeit habe? „Am besten am späten Vormittag.“ Wir machen 12 Uhr aus. An diesem Tag streikt die Cappuccino-Maschine des Museumscafés. „Macht nichts, wir kriegen das hin.“ Man fühlt sich zu Haus. „Lass uns nach oben gehen. Da ist es ruhiger.“

Wie sich das anfühlt, nach langer Zeit Kunsthallen-Vize, nun Master Chief zu sein?

„Es ist ein anderer Blick auf den Job. Ich kenne das Haus schon sehr lange. Eigentlich bin ich nur ´durch die Wand gestoßen´ (lacht), bin von Büro 2 zu Büro 1 gewechselt. Aber: Man guckt neu und auch anders auf den vertrauten ´Laden`.

Hans-Jürgen Schwalm macht eine Pause, wirkt nachdenklich. „Ja, es ist schon etwas anderes, einem Haus als Leiter vorzustehen.“

Der Druck der Verantwortung? 

„Möglicherweise ja. Aber Verantwortung ist eine diffuse Größe. Sie ist schwer zu fassen. Tatsächlich bin ich jetzt für alles umfassend zuständig.“

Ist es nur meine Interpretation oder schwingt da ein leichtes Bedauern mit?

„Nein, das kann ich nicht sagen, dass das beschwerlicher ist. Natürlich muss man sich anders organisieren, ein bisschen auch neu erfinden. Leider gibt es im Zuge des städtischen Haushaltssanierungsplanes statt bisheriger zwei ganzer wissenschaftlicher Stellen nur noch eine volle und eine 2/3-Stelle. Das sind immerhin 10 Stunden weniger, die in irgendeiner Weise kompensiert werden müssen. Also: meine Kollegin Kerstin Weber, die, als erste Frau überhaupt, den Job einer wissenschaftlichen Mitarbeit an der Kunsthalle Recklinghausen 2017 übernommen hat, hat eine 25-Stunden-Stelle.“

An diesem Punkt haken wir uns fest, diskutieren über städtischen Sparzwang und dessen Auswirkungen. Wie fast überall im Revier setzen auch in Recklinghausen finanzielle und personelle Engpässe der Kulturarbeit zu. Dabei müsste es doch fester Wille sein, was Richard von Weizsäcker bei der Entgegennahme der Denkschrift „Kultur in Berlin" am 11. September 1991 so brilliant formuliert hat:

(. . .) Kultur kostet Geld. Sie kostet Geld vor allem auch deshalb, weil der Zugang zu ihr nicht in erster Linie durch einen privat gefüllten Geldbeutel bestimmt sein darf. (…) Substanziell hat die Förderung von Kulturellem nicht weniger eine Pflichtaufgabe der öffentlichen Haushalte zu sein als zum Beispiel der Straßenbau, die öffentliche Sicherheit oder die Finanzierung der Gehälter im öffentlichen Dienst. Es ist grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist "Subventionen" nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen. Der Ausdruck lenkt uns in die falsche Richtung. Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“

An dieses Zitat denkend, die Personallage der Kunsthalle Recklinghausen und die komplexe Aufgabenstellung eines Museumsleiters vor Augen: Besteht da nicht die Gefahr eines Schrumpfungsprozesses inhaltlichen Arbeitens? Mehr Bürokratie, mehr Öffentlichkeit? 

„Es ist beides. Aber natürlich arbeite ich auch weiterhin inhaltlich. Gottseidank. Auch wenn andere Belange mehr geworden sind. Das hängt mit Strukturen zusammen. Bei bestimmten Gremien habe ich als Museumsleiter zu erscheinen. Das war früher nicht so. Heute gibt es Termine, die sind ein Muss. Das Administrative hat zugenommen.“

Hans-Jürgen Schwalm stoppt: „Letztlich birgt das aber auch Chancen. Ich möchte das Haus noch weiter öffnen.“

Das heißt was? Vorhin, auf dem Weg vom Museumscafé nach oben, hatte ich schon wissen wollen, was ein Lieblingswunsch des neuen Kunsthallendirektors ist? Lange hat Hans-Jürgen Schwalm nicht gezögert:

„Vorausgesetzt, die Finanzen würden keine Rolle spielen: Dann würde ich eine große, internationale Ausstellung zur Malerei aufs Programm setzen, die Kunsthalle aufstocken, ein, zwei Etagen drauf setzen. Um die eigene Sammlung angemessen, dauerhaft zeigen zu können. Und – ich würde das Museumscafé attraktivieren. Die Sache mit der Atmosphäre ist von großer Bedeutung. Es geht darum, das Publikum auch auf der emotionalen Ebene anzusprechen. Man kennt das von sich selbst: Fühlt man sich wohl, begegnet man der Welt offener.“

Werden sich diese Überlegungen im aktuellen und zukünftigen Programm spiegeln?

„Ja, die Kunsthalle Recklinghausen soll verstärkt, auch revierweit, ins öffentliche Bewusstsein rücken. Ich möchte neue Besuchergruppen ansprechen, den museal-institutionellen Raum als einen angstfreien, experimentierfreudigen Raum in der Öffentlichkeit etablieren. Dazu wird das Vermittlungsprogramm umfangreicher, breiter, familienfreundlicher gestaltet. Ein Schritt in diese Richtung war unser erstes Sommerfest im August 2017. Das ist richtig gut angekommen. Es gab eine bunte Mischung aus Musik, Lesungen, Kabarett-Interpretationen, Kinder- und Jugend-Workshops, Führungen. Für 2018 ist eine Neuauflage fest eingeplant. Auch das im letzten Jahr gestartete Format „Jazz in der Kunsthalle“ soll ein kontinuierliches Angebot werden. Unglaubliche 200 Gäste sind im Oktober gekommen. Mit so einem Zuspruch hatten wir nicht gerechnet. Es zeigt aber, dass die Richtung stimmt. Mir geht es um eine Vernetzung verschiedener Kunstfelder, etwa von Musik und Bildender Kunst. Und für das Recklinghäuser Rathaus, das derzeit in Richtung “Kultur-Rathaus“ verändert wird, stelle ich mir vor Ort - voraussichtlich wird das im Herbst 2018 realisiert - eine kommunale Galerie als Dependance der Kunsthalle Recklinghausen vor. Dort könnten wir Recklinghäuser Künstler und Auszüge aus der Sammlung zeigen.“

Ich staune nicht schlecht über so viel Energie- und Power-Programm. Dabei ist doch mit 65 Jahren Schluss mit dem Direktorenjob, also in 3 1/2 Jahren? Hemmt dieses Wissen nicht?

Hans-Jürgen Schwalm lacht: „Nein, überhaupt nicht.“

Bewundernswert. Glückauf Zukunft, Hans-Jürgen Schwalm!

Wie läuft es?