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7. Juli 2016 - von Claudia Posca

Wetten, dass….

Bochum

Ich will ja nicht jammern. Aber Kunstsympathisanten haben's nicht leicht auf dem öffentlichen Parkett. Die Künstler nicht, die Ausstellungsmacher und Institutsleiter nicht, die Kunstwissenschaft nicht, nicht die Kritiker, Kunst- und Kulturjournalisten.

Was eine brühwarme Erfahrung ist, gekocht im Hexenzuber hitziger Kunstdebatte rund ums „Autonome Bild - Fünf Konzepte aktueller Fotografie“ im Kunstmuseum Bochum.

„Allein schon der Titel! So was Antiquiertes! Kunsthistoriker-Jargon für Kunsthysteriker, L'art pour l'art-Laberei!“ raunt es eine Meinung durch den Raum.

Das gab mir zu denken.

Das autonome Bild antiquiert? Langweilig? Lebensfern? Vom Rundum-Hammer des „Altbackenen“ erschlagen und in die Mottenkiste sortiert? Eine Foto-Ausstellung mit fünf spannenden Positionen zeitgenössischer Fotografie, die andere, einschließlich mir, als „unbedingt sehenswert“ empfinden?

Wie kann das sein?

Ja, ich hab` mich auf den Schlips getreten gefühlt. Weil dieses Totschlag-Argument ein ewig wiederkehrendes ist und Kunst wie Diskussionen damit einfach nur abserviert werden.

Dabei gilt es den Kunst-Dschungel nebst brüchig gewordener Sehnsüchte zu lichten, Verständnis, Einsicht und vielleicht ergreifende Ahas zu ernten. Weil „Kunst ist… immer eine Alternative zu haben“, hat es der Kölner Objekt- und Konzeptkünstler Peter Zimmermann mal ganz lapidar und so sehr richtig gesagt.

Und dass könnte, sollte, müsste doch ohne Ressentiments abgehen können, und zwar gegenüber der Tradition genauso wie gegenüber der Moderne. Was der erfahrene Museumsmann Veit Loers so pointiert: „Ich sage immer: der Rückwärtsbezug ist genauso wichtig wie der Vorwärtsbezug.“

Warum dann aber hängt so oft das Hässlich-Wort „antiquiert“ wie ein Damoklesschwert über dem weiten Feld der Kunstprofession? Vor allem über jenen Arealen, die sich mit der Gegenwart und den zeitgenössischen Künsten befassen und dafür und zur Erkundung von Augenrätseln, Abgründen und Menetekeln aufs klassische Begriffsrepertoire zurückgreifen?

Fürs Hier und Jetzt, so erwartet es die Kritikerseite, soll ein frischer Wind durch die Lande fegen. Was die Kunstproduktion genauso betrifft, wie die, die darüber sprechen, schreiben, werken.

Die Forderung: Jung soll die Kunst sein. Sexy auch. Was das ist, weiß allerdings niemand. Weshalb man all das viele Bildliche und all das viele widersprüchlich Bildliche alles in allem „authentisch, also irgendwie neu“ erwartet.

Wer darüber dann wiederum spricht oder schreibt, hat sich entsprechend verbal zu fitten: Bloß keinen traditionellen Kunsthistoriker-Jargon anwenden! Avantgarde war gestern: „Das einst geheiligte Wort Avantgarde mag heute niemand mehr in den Mund nehmen. Es gilt inzwischen als Fossil aus alten Kampfzeiten“ hat es schon vor 33 Jahren der Kunstkritiker Edouard Beaucamp bemerkt.

Wie aber kann man dann die Tendenzen fortschrittlicher Kunst auf der Höhe der Zeit nennen?

Wobei, wenn ich`s mir recht überlege: Was heißt denn überhaupt fortschrittlich? Wenn doch stimmt, dass das Rad nun einmal erfunden ist. Und man ganz sicher nicht beständig neue Räder respektive Künste erfinden kann.

Tatsächlich kommt man in Teufels Küche. Weil`s so verzwickt verzwackt vertrackt ist. Das schon. Antiquiert aber ist anders. Denn antiquiert wirkt überheblich, gebietend, ist ein kleiner Absolutismus ohne Alternativen.

Aber ja, natürlich gibt es auch Innovation. Der mediale Fortschritt macht`s allgegenwärtig: Computer, Handy, Digi-Cam. Die Künste, sie greifen das auf und ändern sich. Beständig. Performatives, ein offener Kunstwerkbegriff und Kontext-Künste in allen Variationen etwa stehen hoch im Kurs.

Was zeigt: Nichts ist einfach, alles ist komplex. Im Leben, im Kunstbetrieb. Eben weil alles Geschichte, Gegenwart und Zukunft hat. Und zwischen Tradition und Moderne als den beiden Seiten unserer Lebenswirklichkeit fächern sich unendliche Weiten magischer Bild-Kaleidoskope auf.

Ist das antiquiert? Überzeugt davon zu sein, dass Kunst „der einzige Bereich ist, in dem etwas geschieht, das ohne Notwendigkeit und Zwang seinem eigenen Gesetze gehorcht, das ein Gesetz und seine Erfüllung in reiner Übereinstimmung bietet?“ Der große Kunsthistoriker Kurt Badt (1890-1973) jedenfalls war es nicht müde, genau diese Kunst-Autonomie immer wieder zu betonen. Vom verehrten Bochumer Kunst-Professor Max Imdahl (1925-1988) und seiner Ikonik hab` ich Ähnliches fürs Leben gelernt.

Also bitte schön: Die Rede vom autonomen Kunstwerk ist nicht antiquiert. Und gehört schon gar nicht abgelegt ins Old-School-Register.

Wie denn anders, denn als autonome Bildwerke, wären die nicht-illustrativen, von der geknipsten Außenwelt emanzipierten Lichtbilder einer konkret-konzeptuellen Fotografie der Bochumer Ausstellung angemessener zu bezeichnen? Und warum nicht sollte man Wassily Kandinskys berühmtes Zitat im Hinterkopf haben, der 1938 schrieb: „So stellt die abstrakte Kunst neben die ´reale` Welt eine neue, die äußerlich nichts mit der ´Realität` zu tun hat. Innerlich unterliegt sie den allgemeinen Gesetzen der ´kosmischen Welt`. So wird neben die ´Naturwelt` eine neue ´Kunstwelt` gestellt, eine ebenso reale Welt, eine konkrete.“

Was eine wunderbar aktuelle Beschreibung der experimentellen Bochumer Fotografien ist, die sich allesamt, statt der Wirklichkeit hinterherzulaufen, der Auslotung des technisch Möglichen im Spiel mit Licht und Material und der Grenztestung bis zur Beinah-Auflösung der Fotografie stellen. Mit dem Resultat, ja, genau: autonomer, und gar und vollkommen nicht verstaubter Bilder.

Ich jedenfalls möchte nicht darauf verzichten, mit dem klassisch-traditionellen Autonomie-Begriff den Bochumer Bild-Parcours zu lasern, nur weil es die Ansicht gibt, dass die Pflege des Klassisch-Traditionellen retrospektiv sei, die zeitgenössische Kunst aber progressiv ist.

Oder durch das 1972-Kolumne-Zitat des Feuilleton-Chefs der Zeit, Rudolf Walter Leonhardt gesprochen: „Es gibt kein Geschichtsbewusstsein ohne Anerkennung jener Leistungen, die Maßstäbe gesetzt haben und die wir in der Kunst „klassisch“ nennen. Zur Dialektik des Lebens gehört …nicht nur das Verändern, sondern auch das Bewahren. Veränderung um der Veränderung willen führt nicht zu Fortschritt, sondern zu Chaos. Nur wer das Alte kennt, kann etwas Neues machen (wie wüsste er sonst, dass es neu ist).“

Und wetten, dass das antiquiert rüber kommt? 

Wetten, dass….