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25. Juni 2015 - von Claudia Posca

Wenn die Apfelsinen im Kleiderschrank liegen und Oma ins Museum geht - Museumspädagogik für Menschen mit Demenz

Duisburg

Nie und nimmer hätte ich vor dreißig Jahren als Kunstgeschichtsstudentin gedacht, dass mir ausgerechnet im Museum Demenz und Alzheimer vertraut würden. Bis ich 2014 zusammen mit dem museumspädagogischen Team des Kunstmuseum Bochum an der vom Duisburger Wilhelm Lehmbruck-Museum geförderten Fortbildung „Ruhrkunst für Menschen mit Demenz“ teilnahm.

„Gesellschaftlich-kulturelle Teilhabe“ ermöglichen, „lokale Allianzen für Menschen mit Demenz“ schaffen - das Ziel dieses vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten bundesweiten Modellprojekts ist bewegend. Es geht um den Erhalt von Lebensqualität, wenn das Gedächtnis streikt, um soziale Kommunikation, um individuelle und kollektive Erfahrungen im Alter.

Kunst soll dabei helfen. Gemeinsames Gucken auch. Für Musik ist die positive Wirkung erlebnisorientierter Kulturpädagogik schon bewiesen.

Bis zum Jahr 2016 sollen in ganz Deutschland bis zu 500 solcher „Allianzen“ entstehen. Das Duisburger Wilhelm Lehmbruck-Museum ist im Ruhrgebiet federführend. Schon seit acht Jahren organisiert Sybille Kastner hier Führungen und Workshops für Demenz-erkrankte Menschen, leitet zusammen mit dem Institute for Subjective Experience and Research (ISER)/MSH Medical School Hamburg und in Kooperation mit der Demenz Support Stuttgart museumspädagogische Fortbildungen. Damit ist das Revier-Museum zusammen mit dem New Yorker Museum of Modern Art weltweit ein Pionier der  Alterspädagogik.

Weitere RuhrKunstMuseen sind an vorderster Front mit dabei: „Ich schenke Dir einen Moment“ heißt es im Kunstmuseum Bochum, entsprechende Führungen bietet auch das Josef-Albers-Museum/Quadrat Bottrop an, das Kunstmuseum Mülheim. Viele andere stehen in den Startlöchern.

Demenz ist eine Volkskrankheit. 2014 erschien der Kinofilm „Still Alice - Mein Leben ohne Gestern“ mit Julianne Moore in der Hauptrolle einer an Alzheimer erkrankten Linguistik-Professorin. „Konfetti im Kopf“, die Demenz-Patienten-Portraitserie des Hamburger Fotografen Michael Hagedorn ist noch bis zum 6. Juni dieses Jahres im Wissenschaftspark Gelsenkirchen zu sehen.

Aber wer will schon hautnah mit „Tagen zu tun haben, die in der Handtasche verschwinden“? Demenz ist ein Angst-Thema. Für viele ist es ein Scham-Thema noch dazu.

Marc Wortmann, der Chef von Alzheimer Disease International (ADI) nennt Alzheimer eine Epidemie, die „immer schlimmer“ werde. Derzeit gibt es rund 44 Millionen Demenz-Erkrankte weltweit. Bis zum Jahr 2050 rechnet die Organisation mit einer Verdreifachung auf 135 Millionen Demenz-Patienten, in Europa wären es 16 Millionen. In Deutschland leben zurzeit 1,5 Millionen Menschen mit einer Demenz. Und jährlich werden deutschlandweit fast 300000 neue Fälle diagnostiziert.

Das Thema ist hoch aktuell. Auch das Publikum im Museum wird immer älter. Wie geht man damit um? Fortbildung ist angesagt.

Auf dem Workshop zur „Entwicklung eines Modells zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Demenz im Museumsraum“ lernen wir zunächst Theorie. Im umfangreichen „Manual“ steht: „Die kognitive Beeinträchtigung der Menschen mit Demenz beeinträchtigt nicht ihre Fähigkeit zur kulturellen und gesellschaftlichen Teilhabe…Kunstmuseen sind Räume der Begegnung und Kontemplation.“

Ich verstehe das als Fingerzeig darauf, dass Demenz nicht ausschließlich einen Verlust ausdrückt, sondern auch Potentiale eröffnet.

Hatte ich das so schon einmal betrachtet? Nein, hatte ich nicht.

Ein Perspektivwechsel steht an, der die eigene Routine auf den Kopf stellt: weg von der  ergebnisorientierten Wissensvermittlung einer klassischen Führung hin zum sinnlichen Erlebnis - im Moment, für den Moment. Wir müssen lernen, unterschiedliche Konstruktionen von Welt zu akzeptieren.

Meine Gedanken fliegen: Wer eigentlich legt fest, was die Wirklichkeit ist? Nicht, dass ich Demenz toll fände, aber sie aus anderer Perspektive zu betrachten, macht es einfacher mit ihr umzugehen.

Wir machen Selbstversuche, der Workshop geht an die Substanz. Menschen mit Demenz können altersbedingt wie jeder Mensch Handicaps haben. Mal höre ich nichts mehr, habe einen Schallschutz auf den Ohren. Mal ist meine Sicht durch eine blinde Brille getrübt. Wie empfinde ich jetzt - mit teilverlorenen Sinnen - die Situation in einer Gruppe vor einem Bild stehend, während vorne jemand etwas, irgendetwas zeigt, erklärt. Interessiert mich das? Berührt es mich? Nehme ich teil am Geschehen?

Nichts zu hören finde ich am schlimmsten. Gut, dass die Museumspädagogin eine sehr ansprechende Körpergestik hat, auf vieles mit der Hand hindeutet. Dass sie die Malerei für die Sehbehinderte, die ich vorübergehend bin, detailliert beschreibt, hält mich bei der Stange. Ich fühle mich nicht ausgeschlossen. Eine hilfreiche Hand beim Weitergehen gibt mir Sicherheit. Auf viele solche Kleinigkeiten kommt es an. Natürlich sind das alles nur Annäherungsversuche. Aber schon die sensibilisieren in hohem Maße. Jeder müsste eigentlich mal im Rollstuhl sitzen. 

Wir machen weiter, sehen uns den Mitschnitt einer Führung mit Demenz-Patienten an. Worauf kommt es an, wenn dem Menschen die Worte weggelaufen sind und das Gedächtnis schwindet?

Sybille Kastner hat schon viele Führungen für Menschen mit Demenz gemacht. „Ich staune immer wieder darüber, wie offen die demenzkranken Besucher für Kunst und Schönes sind“. Sie erzählt, dass das gemeinsame Gucken auf Bilder oder das Anfassen ausgesuchter Objekte Erinnerungen und Sprache fördert. „Das macht die Kunst.“ Auch Johannes Pantel, Professor für Psychiatrie an der Uniklinik Frankfurt sagt: „Museumsbesuch ist gut gegen Alzheimer.“

Besonders wichtig: ist eine „Wohl-Fühl-Atmosphäre“ im Museum. Und das „in Ruhe im Museum ankommen“. Ein gedeckter Tisch mit Kaffee und ein paar Plätzchen zur Begrüßung laden zum persönlichen Kennenlernen ein. Die Person ernst nehmen, sie mit ihrem Namen ansprechen ist wichtig. Ein langsames Sprechen, eine klare, nicht kindliche Sprache öffnen Türen. Und dass die Besucher sagen können, wie es ihnen gerade geht, was sie empfinden, was sie fühlen, riechen, hören, sehen. „Das ist ein Puzzle“ wird etwa die große Informel-Wandmalerei von Mogens Andersen im Kunstmuseum Bochum beschrieben. Später liegen Papier, Klebe und Stifte bereit, um Linien, Flächen, Gestik selbst aus zu probieren. Richtig gelassen geht's dabei zu, ein „warmer“ Museumsbesuch, der gegen Rückzug und Vereinsamung wirkt.

„Ich bin so, wie ich bin und das ist gut so“ nehme ich von der Fortbildung mit. Und: Der Weg ist das Ziel. Ich habe viel gelernt. Auch und vor allem für die Normalität.

Wenn die Apfelsinen im Kleiderschrank liegen und Oma ins Museum geht - Museumspädagogik für Menschen mit Demenz