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17. Dezember 2015 - von Claudia Posca

Was um Himmels willen ist Kanonisierung?

Essen

Vielleicht liegt‘s an der Jahreszeit. Kurz vor Schluss 2015 rückt Grundsätzliches in den Fokus.

Da passt die „K“-Frage gut: „Kunst, Kitsch, Kanonisierung - Wer entscheidet?“ Eine grundlegende Debatte. Wie Kunst zur Kunst wird, macht heiße Diskussionen.

Vergangenen Samstag hatte das Folkwang Museum Essen zum Podiumsvortrag einer Expertenrunde aus Kunst, Literatur und Musik eingeladen.

Vor allem die Kanonisierung hat mich elektrifiziert. Ka-no-ni-sier-ung. Man muss sich das Wort auf der Zunge zergehen lassen. Und dem Klang im Ohr nachspüren: Was für ein Sound! Stecken da nicht gefühlt Donner und Kanone zwischen den Silben? Als buchstäbliche Machtdemonstration? Ganz abgesehen davon, dass sich der lautmalerische Begriff als kirchenkatholische Autorität ins Hirn eingebrannt hat.

Zudem: Generationen von Auszubildenden der Kunstgeschichte lehrte die Kanonisierung das Fürchten. Weil der Begriff eindeutig mehrdeutig, ja multifaktoriell zwischen Kunst, Institution und Gesellschaft hin und her schwappt. Und weil das, was sich Kanonisierung nennt, elend autoritär daher kommt, wenn es bestimmt, was zum Kanon des Vorbildlichen, des Außergewöhnlichen, des Unvordenklichen dazu zählt. Und was eben nicht.

Tatsächlich hat der aus dem Griechischen stammende Kanonisierungsbegriff weder mit Militarismus noch mit Religion zu tun. Sondern meint „ein Rohr, aus dem Körbe, Messruten usw. hergestellt werden. Im Griechischen war nun nicht mehr das Material der Stäbe, Meßruten usw., sondern deren Form, nämlich ihre Geradheit, für die Bedeutung des Wortes ausschlaggebend, so dass es jetzt, neben dem Werkzeug Richtscheit, Maßstab auch - übertragen - jede Norm, vollendete Gestalt, jedes erstrebenswerte Ziel bezeichnen konnte. So ließ sich der Begriff jetzt auf den verschiedensten Gebieten anwenden.“ Schreibt das Historische Wörterbuch der Philosophie.

Und also kam die Kanonisierung als Maßstab, Richtlinie und Kriterium, als Vorbild und Modell, als Regel, Standard oder Norm, auch als Tabelle oder Liste in die Kunst. Beste Beispiele: Die verschollene Schrift „Kanon“ des griechischen Bildhauers Polyklet, dessen nur in Kopie überlieferte Statue „Daryphoros“ seine Proportionenlehre als Harmonie-Ganzheit anschaulich ins Bild setzt. Und die Proportionslehre des Vitruv aus dem 1. Jahrhundert vor Christus zur architektonischen Gestaltung von Repräsentativbauten. Beide Kanones definieren, was als schön, groß und bedeutsam zu gelten hat.

Ziemlich einfach war das damals: Her mit der Leitkultur und ab damit in Werkstatt und Studiolo. Die Vorgaben waren verbindlich, die Bild- und Architekturgestaltungen hatten sich dran zu halten. Kanones waren immer schon Arenen der Macht.

Und heute? Vor kurzem noch ließen Comic und Cartoon dazu die Köpfe rauchen. Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen hatte „Shit happens“, „Nichtlustig“ und „Schöne Töchter“ museal präsentiert. Und gewitzt drüber geschrieben: „Das ist doch keine Kunst!“ War aber natürlich überzeugt davon, dass das, was man aus der Sparte populärer Zeichnungen und Grafik zeigte, Kunst sei. Womit man fleißig mit am Kanonisierungsprozess in Gestalt einer Adelung von ehemals in der Schmuddelecke beheimateter Bild- und Anschauungsangebote arbeitete. Und gleichzeitig darauf hinwies, dass Comic und Cartoon längst schon als Kunst in den Köpfen angekommen sind.

Dank sei der sozialen, der kommunikativen Praxis. Kanonisierung heute ist ein Jahrmarkt: bunt und schrill und laut. Und intellektuell, tiefgründig, analytisch, philosophisch. Beteiligt sind Ausstellungshäuser, Kuratoren und Wissenschaftler, Galerien und der Markt, das Publikum und die vielen Vermittlungsinstanzen. Nicht zuletzt auch die Medien und das Internet. Sie alle im Verbund werkeln daran, was Hochkultur ist bzw. sein soll.

Doch ob all die vielen Schultern, darauf sich zeitgenössische Kanonisierung stützt dieselbe demokratischer machen?

Zwar kann das, was das Publikum lang genug goutiert, zum Kanon werden. Voraussetzung allerdings ist: der Mainstream findet eine Lobby, die sich nachhaltig engagiert.

Heißt: Die Kanonisierung ist und bleibt ein Stellwerk ohne Anschrift, wo einflussreiche Persönlichkeiten und Institutionen im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage die Weichen stellen für die Beurteilung von Kunst und ihrer Präsenz im Alltag.

Genau da klinkt sich Essens Folkwang Museum ein. Im „Schatten der Avantgarde“ finden sich No-Name-Künstler ins Ranking mit Granden der Kunstgeschichte gesetzt. „Während  sich Themen, Motive und Bildstrategien im Werk der Autodidakten und der etablierten Avantgarde-Künstler ähneln, bestehen in ihrer Rezeption große Unterschiede… Wer entscheidet über Erfolg und Wert künstlerischer Arbeiten?“ geht man das Explosivthema an.

Will heißen: Es besteht der dringende Verdacht, dass es nicht einzig und allein künstlerische Raffinesse ist, die Kunst zur Kunst macht.

„Ist doch ganz einfach: Kunst ist, was mir gefällt. Basta!“ Sagen viele. Und halten alles andere für Schöngedudel von Kunsthysterikern für Kunsthysteriker.

Aber ganz so einfach ist das nicht. Nicht ausschließlich was mir gefällt, ist richtig, wichtig, große Kunst. Zu sensationell gigantisch ist das Bildungspotential von Kunst- und Kulturgeschichte. Nicht umsonst heißt es: Bildung=Wissen=Macht.

Und so verhilft der Einblick in Kanonisierungsvorgänge - und zwar nicht nur in die der Kunst - zum (relativen) Durchblick. „Es war seit Beginn des vorigen Jahrhunderts die Aufstiegshoffnung der Arbeiterbewegung, die sich in der berühmten Formel niederschlug: die Höhen der bürgerlichen Kultur stürmen. Es war der sozialdemokratische Gedanke, dass die Klassenschranken dort niedergerissen werden müssten, wo sie den Zugang zum Mitdenken und Mitreden versperrten. Die Teilhabe an der Hochkultur sollte die politische Teilhabe vorwegnehmen“ hat es Jens Jessen 2011 in seinem „Zeit“-Essay „Hoch die Hochkultur!“ klug differenziert.

Durchzublicken also, wer wo was aussucht, wer Kunst wo und wie lange zeigt, und wer sie wann und wie lange vermittelt, macht Sinn. Und zwar mit oder ohne Empathie für den gewaltig klingenden Kanonisierungsbegriff, der am Ende ganz sympathisch sogar, sein Versprechen einlöst, zur Orientierung im Dickicht zeitgenössischer Künste beizutragen: als Maßstab, woher wir kommen. Und wohin wir wollen.

Was um Himmels willen ist Kanonisierung?