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18. Februar 2016 - von Claudia Posca

Wer sich nach Licht sehnt

Unna

Ich hab‘s versprochen: ein Besuch im „Zentrum für Internationale Lichtkunst“ steht an. Der Augenblick ist günstig, das jahreszeitliche Mordor schleicht grau, meine Hell-Sehnsucht wächst. Es drängt zum Licht.

Unna ist Reiseziel, die Leucht-Ästhetik sitzt im östlichen Ruhrgebiet, zwischen Bönen, Kamen und Fröndenberg gelegen, angrenzend an Sauerland, Münsterland und Soester Börde. Erstmals 1032 urkundlich erwähnt, zählt die heutige Kreisstadt knapp 60.000 Einwohner, ist einstiges Bergbau- und Montanrevier. Und war bis 1979 auch bekannt  für gutes Bier. Ihre Lindenbrauerei hatten die Unnaer direkt um die Ecke, City-zentral.

Heute aber steht Kunst statt Bier auf dem Schirm. Und „Mehr Licht!“  überm Eingang. Die Lindenbrauerei ist seit 2001 Lichtkunstzentrum untertage. Mit neuem alten Wahrzeichen über Tage. Weil‘s der berühmte Arte-Povera-Meister Mario Merz reloaded hat: Lichtleuchten fürs 21. Jahrhundert. Seine Fibonnacci-Zahlenreihe in Blau und Senkrechtformation strahlt weithin sichtbar auf dem 52 Meter himmelhohen Schornsteinturm.

Nur, ob ich rechnen will auf meinem Weg zum Licht?

Muss ich nicht. Magisch wirkt derLandmarkenturm auch ohne Rechenakrobatik. Die vom Licht-Magier höchstpersönlich Handschrift-gestylten Neonzahlen sind Teil des „modularen“, heißt: flexibel und erweiterbaren, Kulturprojektes „Hellweg - Ein Lichtweg“, vom „Zentrum für Internationale Lichtkunst“ mit gestemmt, 2002 als „einzigartige, öffentliche Plattform in der Hellweg-Region“ gestartet.

Unna plus Brauereikeller plus Kunst plus Licht, ergibt vor Ort: Wassertropfenfälle im blitzenden Stroboskoplichtgewitter. Oder ergibt auch, gleich nach Eintritt, die Vogelperspektive von eisernen Zickzackstegen hinab auf Joseph Kosuths gleißend helle Buchstabenriesen. Schon mal Kunst von oben geguckt? Das ist ein echtes Versprechen für das, was noch kommt im Schatzkeller von Hopfen und Malz.

„Der Mensch braucht nur seine Gedanken auszusprechen, und es gestaltet sich die Welt, es wird Licht oder es wird Finsternis.“ Hat Heinrich Heine notiert. Für Unna hat‘s der US-amerikanische Künstler lichtend zitiert.

Ein ungewöhnliches Museum? Beheimatet in Gär-, Lager-, Eis- und Kühlräumen, Höhlenarchitektur für labyrinthische Licht-Schattenreiche? Mit Kunst vom Feinsten von den Granden internationaler Leuchtkunst alias Keith Sonnier, James Turrell, Rebecca Horn und Olafur Eliasson? Ungewöhnlich? Einzigartig!

Wie heißt es stolz im Info-Flyer zum 2015 erstmals ausgeschriebenen 10.000 Euro schweren Unnaer  „International Light Art Award“? „Das Zentrum für Internationale Lichtkunst ist das weltweit erste und einzige Museum, das sich ausschließlich der Lichtkunst widmet.“

Wow, das ist lauten Trommelwirbel wert. Inner- und außerstädtisch. Viel lauter jedenfalls, als dass derzeit klingt. Carpe diem, Unna! Das Kunstlichtleuchtende ist ein echtes Pfund. Wo schon kann man Highlights so hautnah, manchmal auch Nebelwabernd und feucht, erleben? Tatort: Sinnlichkeit.

Findet auch Zentrumschef und  Wahl-Amsterdamer John Jaspers, der seit 2012 Unnas Kunstschätze strahlen lässt: „Unna hat mit dem Museum reines Gold in seiner Hand, das sind hier die Rembrandts der Lichtkunst, darauf sollte die Stadt stolz sein“ trommelt der Mittfünfziger. Bis 2010 hat er das Eindhovener „Museum Kunstlicht in de Kunst” geleitet.

Auf 2400 Quadratmetern in Unnas Ex-Brauhaus blitzen, funkeln, schlaglichtern ein Dutzend Installationen. Manche auch werfen Schatten: Hexe, Teufel, Totenkopf - Christian Boltanski zaubert Platons Höhlengleichnis als schauerlich-schönen Dämon-Treff. In spektakulärer Architektur mit kulturhistorischem Flair.

Wer am ersten Sonntag eines jeden Monats kommt, schatzsucht auf eigene Faust in den Gewölben: von 12 bis 17 Uhr. Ansonsten ist Unnas Lichtkunst nur gebucht zu haben. Was ausgesprochen schade ist. So ein Faszinosum gehört dem Publikum!

Gut, dass meine Lichtsehnsucht Glück hatte: Der letzte Sonntag war ein erster Sonntag! Acht Euro ermäßigter Eintritt, und: Die Sonne geht auf. Im übertragenen Sinn versteht sich. Was in dunkler Jahreszeit aber besser als nix ist! Und versprochen, es lohnt sich! Gänsehauthärchen inklusiv, wenn „Schlohweiß und Rabenschwarz“ im Gärbecken unterm Schwarzlicht sirren und zurren als stünd großes Dino-Schlüpfen bevor: Jurassic-Art. Von Christina Kubisch.

Doch vor Abfahrt zum Lichtleuchten war ich erst mal geflasht. Im Briefkasten lag: eine schwarze Einladungskarte zum Lindenplatz 1 in Unna, wo noch bis zum 3. April fünf Licht-Virtuosen der internationalen Kunstszene sonderausstellen. Teilte die Beinahe-Trauerkarte mit. Und als wär`s der Düsternis nicht genug, warb sie, einmal umgedreht, im erhabenem Lackaufdruck mit dem Schwärzesten, was Schwarz zu bieten hat: DARK!

Ausgerechnet! Die dunkle Seite der Kunst in einem Institut der Licht-Erleuchtung.

Da aber mit Francis Picabia „unser Kopf rund ist, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, stolperte ich mich rein in den Widerspruch. Klar, ohne Nacht kein Tag, ohne Dunkelheit kein Licht, ohne Lichtes kein Dunkel. Würden wir überhaupt vom schwarzen Ying (dunkel, weich, kalt, weiblich, Ruhe) und vom weißen Yang (hell, hart, heiß, männlich, Aktivität) sprechen - was in der chinesischen Philosophie für das einander polar entgegengesetzte, gleichwohl aufeinander bezogene Grundverhältnis des Lebens steht - kennten wir nicht die alltägliche Erfahrung des Gegenteiligen, des Unterschieds und des Widerspruchs? Das hatte meine Lichtsehnsucht fast vergessen. Dass Licht und Dunkel stets ein Duo sind, es ohne Sonne keinen Mond und ohne Dunkelraum keine Lichtkunst gibt.

Was mir wiederum Schwarz sympathisch macht. Allerdings nicht klärt, ob das Dunkle mit diesem identisch ist. „Schwarz ist als Sinneswahrnehmung (Lichtfarbe) eine Farbqualität. Physikalisch bedeutet Schwarz Abwesenheit von (sichtbarem) Licht jeglicher Wellenlänge. Als Körperfarbe ist Schwarz die Absorption aller Lichtfrequenzen“ steht`s erklärt im World Wide Web.

Anderes Lichtphilosophische vom Eigen-Licht bis zum Symbol-Licht fürs Himmlische auf Erden füllt Bücherwände. Es ins Museum zu packen, regte Karl Ganser, der große Leiter der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, in den 1990er Jahren an. Kein Industriemuseum, sondern eines der Kunst hatte er für Unna im Kopf. Und Uwe Rüth, langjähriger Direktor des Skulpturenmuseum Glaskasten Marl von 1978 bis 2007, schmiedete das dafür passende Konzept: ein Kompetenzzentrum fürs Licht-Philosophieren mit Künstlern, Publikum, Physikern, Ärzten, Biologen, Architekten, Designern. Modeschauen nicht ausgeschlossen. Auch „Licht und Gesundheit könnte ein Thema sein“ hat John Jaspers einmal gesagt. Und dass es mehr Wechselausstellungen spezieller Art  im Spezial-Museum geben soll. So wie „DARK“. Als lichte Seite dunkler Kunst. Oder umgekehrt?

Ich hab‘s geahnt: Die Erleuchtung hat Tücken.

Wer sich nach Licht sehnt