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27. Juli 2017 - von Claudia Posca

was geht, geht nicht

Bochum

Da hab` ich wohl falsch gedacht. Nur weil es an der Ruhr-Uni Bochum ein Musisches Zentrum gibt, solange ich denken kann, braucht das nicht auf ewig so zu bleiben. Schon mal gar nicht in alter Form. Sparzwang? Bedeutet Sparflamme. Auch für Unis. Da können die Musen das Hirn noch so füttern.

 

Aus visionärem Geist aber ist einst mitten im Revier der späten 1960er Jahre das Musische Zentrum für Studierende und Angestellte der RUB entstanden. MZ heißt es für die meisten, ein Kreativquartier ist es vielen. Raus aus der Ich- und Alltagsroutine. Besinnung statt Twittergewitter. Drin steckt die Überzeugung: Muse, Muße, Wissenschaft - das geht. Ja, ja, das MZ ist ein Pfund.

Luxus ist es auch. Vielleicht. Ein bisschen. Dafür aber bekommt die Wissenschaft viel. Mit dem MZ glänzt das Uni-Renommee. Wo sonst hat Kreativität außerhalb von Kunstakademien ein Hochschul-Zuhause?

Vier Fachbereiche gibt es. Derzeit. Noch. Bildende Kunst, Fotografie/Film, Musik und Theater. Das Kursangebot setzt auf Konzentration: Machen, Experimentieren, Ausprobieren, die handwerkliche Phantasie ist Basis  visuellen Querdenkens. „Das Angebot ist wichtig, gerade im überhitzten Stressalltag.“ 

Jetzt aber heißt es: Much more business please! Die Ruhezone soll lauter, das MZ „öffentlichkeitswirksamer“, die klassischen Künste bescheidener werden. 

Ich spreche mit den beiden Fachbereichsleitern Felix Freier (Fotografie/Film) und Ortrud Kabus (Bildende Kunst). Anlass sind 50 Jahre MZ = „100 Semester Musisches Zentrum“. Im Vorfeld hatte ich raunen hören, dass beim Festakt Ungeplantes passieren könnte. Studi-Protest. Gegen die Auflösung des Bereiches Fotografie.

Nur ein exotisches Vorkommnis? Eine Randnotiz? Man kann das so sehen.

Man kann aber auch sehen, wie Fotos Trauer tragen. In der aktuellen Ausstellung präsentiert sich jedes Lichtbild mit schwarzer Schärpe. Zum Zeichen, dass Düsterzeiten drohen. Stark.

Ich hake nach: Mordor am Ort von Skulptur, Malerei, Grafik, Fotografie und Film? In jenem Haus, das vielen Studierenden lichte Oase, Heimat, Rückzugsareal war und ist? Droht den Musen Schrumpfung? Werden MZ-Kurse gekappt, Ansehen und Qualität dem Rotstift geopfert? McKinsey-Effektivitätsmaßstäbe für das, was darüber hinaus geht?

Quo vadis MZ? Was geht? Der Blick ins Uni-Eingeweide ist ein Pars-pro-toto in vielerlei Hinsicht.

Dabei ist Bochum doch stolz auf sein Musisches Zentrum. „Eine einzigartige Einrichtung an deutschen Universitäten“ wirbt www.bochum-tourismus für das kantige Gebäude zwischen Uni-Center und Audi-Max. Tatsächlich gibt es deutschlandweit nichts Vergleichbares. Kunstschaffende von Rang und Namen zauberten hier, darunter Katharina Grosse, Dorothee Bielfeld und Stephanie Abben. Andere schwärmen von einer „prägenden Zeit“, vom „gemeinschaftlichen Tee-Trinken am Morgen, vom Aktzeichnen am Abend“, „anregender und lehrreicher als später in der Kunsthochschule.“

Und jetzt das: Demontage auf dem Campus. Wenn die Bilder Trauer tragen.

Ab Mittwoch, 1. November 2017 wird die Fotografie ganz offiziell futsch sein, ersetzt durch einen neuen Bereich „Künstlerische Gestaltung und Visuelle Medien“. Die Umstrukturierung fällt mit dem Ruhestand von Foto-Fachbereichsleiter Felix Freier zusammen. Knapp 7000 Studenten hat er in den 30 Jahren am MZ begleitet, 180 Ausstellungen präsentiert. Wie sich zeigt, ist das dem Sparfuchs nicht genug. Die Fotografie soll weg, mindestens aber weniger werden. Der Trauerflor ist angebracht.

Ähnlich wird es auch der Bildenden Kunst ergehen. 2020 geht die kommissarische Leiterin des Bereiches Bildende Kunst, Ortrud Kabus, in Rente. Die Folge: Der All-Inklusiv-Bereich „Künstlerische Gestaltung und visuelle Medien“ schluckt nach der Fotografie auch Malerei/Zeichnung, Grafik und Bildhauerei. Zudem: Wo heute noch zwei Experten arbeiten, wird es künftig nur mehr einen geben. Als Alleskönner muss der dann stemmen, was das offizielle Job-Portal der RUB im Anforderungsprofil verlangt: „Koordination, Organisations- und Veranstaltungsmanagement, Planung und Durchführung von öffentlichkeitswirksamen (audio)visuellen Präsentationen, Projekten und Aktionen“ - wohlgemerkt: neben der künstlerisch umfangreichen Lehre, die auch auf Sparflamme eingedampft, weiter läuft.

Aber was theoretisch geht, geht doch nicht. Ende, aus, vorbei für 50 Jahre engagierte Fotokunst? Trotz voller MZ-Kurse? Rund 120 Teilnehmer pro Semester werden gezählt. Der Trauerflor ist eine Petition mit Herz und Hirn. Einprägsam. Hoffentlich wirksam.

„Mal ganz abgesehen davon, dass so ein Universal-Generalist kaum vorstellbar ist, ist die Sorge die, dass bei den anstehenden Kürzungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen die Vermittlung von künstlerischen Basiskenntnissen weitgehend auf der Strecke bleibt. Viele arbeiten den ganzen Tag über am Computer. Vom kreativen Tun im MZ erwarten sie das Gegenteil. Die meisten wollen etwas mit den Händen, mit der Kamera ins Bild setzen. Nicht irgendwie. Sondern professionell begleitet. Die künstlerische Vermittlungsarbeit ist ein enorm wichtiger Aspekt. Deshalb denken wir, dass es anstelle von mehr Marketing und mehr PR für die Uni mehr um ein Engagement für die Studierenden gehen muss“ skizziert es Foto-Fachbereichsleiter Felix Freier.

Nicht anders sieht das Ortrud Kabus: „Das ist der Punkt. Das Arbeiten mit und für die Studierenden ist bedeutsamer als ein vorrangig an der Öffentlichkeitswirksamkeit orientiertes Auftreten des MZ. Da besteht doch die Gefahr, dass das auf Kosten der individuellen Förderung geht. Dass die künstlerische Arbeit nach außen präsentiert wird - durch Ausstellungen etwa - ist ein Sur-Plus. Das Eigentliche geschieht im Atelier. Wenn der Einzelne in seiner Entwicklung weiter kommt, wenn er oder sie etwas für sich entdeckt, wenn man dabei freier und offener wird, vielleicht sogar Lösungswege findet, - was im Übrigen eine wertvolle Erfahrung ist, die auch in der Wissenschaft weiterbringt -, dann ist DAS ist die Aufgabe des MZ.“

Gegenrede: Sie wollen also die Tradition pflegen, das vermeintlich Unschicke hochhalten. Aber muss man nicht mit der Zeit gehen, Etabliertes pulverisieren, den medialen Interessen, der partizipativen Kunst ein Tor öffnen?

Felix Freier bleibt gelassen, sagt, dass es grundsätzlich „begrüßenswert ist, dass die Frage diskutiert wird, wie es für das MZ weitergehen kann. Aber: Das, was jetzt passiert, passiert, weil eine Stelle und Gelder eingespart werden sollen. Wichtiger aber noch ist: Es müsste um Inhalte gehen. Da muss sich die Universität fragen, wie sie das MZ aufgestellt haben will. Diese Konzeption existiert nicht. Im Gegenteil. Man hat uns gefragt: Was würden Sie denn machen? Seltsam. Immerhin - die studentische Protestaktion hat dahingehend etwas gebracht, dass das Thema an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Und ich bin jetzt schon so lange an der Uni, dass ich weiß, grundsätzlich geht nicht, gibt`s nicht.“

Ich finde, da schwingt Hoffnung mit: was geht, geht nicht, geht aber anders. Statt schleifen, wäre Erweiterung eine Option. Fürs Renommee, für die Studentenschaft. Auf dass in zwei Jahren nicht auch noch Malerei und Skulptur Trauerflor tragen.

was geht, geht nicht