gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

3. November 2016 - von Claudia Posca

Was eigentlich macht…?

Herdecke

Drei Jahre ist es her, da steckte ein Katalogbuch im Postkasten, das Cover s/w, grafisch perfekt aufgesetzt, das Foto einer schönen Frau im Gegenlicht darauf.

Das ist doch? Unverkennbar, das ist Roswitha Lüder, jene für mich allererste, ´echte` Künstlerin, die ich kennen lernen durfte.  Zusammen mit ihrem Mann Rudolf Vombek, ebenfalls Kunstmaler,  wohnte Roswitha Lüder in Herdecke. Später kamen Ateliers in Hagen-Wehringhausen und eins auf der dänischen Insel Langeland dazu. Roswitha Lüder war seit den späten 1960er Jahren in der Revier-Kunstszene ein Begriff.

Da sage noch einer, Kataloge seien überflüssig. Der aus dem Postkasten jedenfalls weckte Erinnerungen: Was eigentlich macht…?

Vor kurzem fiel das Buch aus dem Regal und ich in die Historie. Ein Schicksalswink?

Für Kunst, Kino und Kultur in Hagen, Herdecke und Umgebung war Roswitha Lüder engagiert. Viele Kunst-am-Bau-Projekte als Natursteinmosaike, als Beton- und Bleiglasfenster für Schulen, Kirchen, Gemeindezentren, Post-, Arbeits- und Finanzbauämter in Dortmund, Gelsenkirchen, Kamen, Wermelskirchen, Hemer, Selm und Hagen, ja sogar für eine Kaserne in Holzwickede, stammen aus dem Atelier Lüder-Vombek. 2008 starb Rudolf Vombek, Bilder von Roswitha Lüder waren im Rahmen der Westdeutscher Künstlerbund-Ausstellung in Bochum 2012 vertreten. In zahlreichen Museen der Region ist ihre Kunst beheimatet.

Vergessen jedenfalls habe ich die 1935 im rheinländischen Langenberg geborene Roswitha Lüder nie. Selbstbewusst, taff, feministisch - die kluge Frau hatte die „Internationale Aktionsgemeinschaft bildender Künstlerinnen“ (IntAkt) 1977 mit gegründet, ihr „Femifest“ forderte „eine historische Aufarbeitung und neue Bewertung der weiblichen Kreativität aus Sicht der Frau“.

Davor allerdings hatte Roswitha Lüder erst einmal zwei Semester Modedesign an der Krefelder Textil-Ingenieurschule studiert, wechselte dann 1955 an die Werkkunstschule Wuppertal, weil sie entdeckte: „Malerei ist meine Passion.“ 1957 heirateten die Lüder-Vombeks. Der Tochter Vlada hat Roswitha Lüder das Katalogbuch gewidmet.

Außerdem steckte mir in der Seele ein kühner Vergleich des wunderbar schreibenden John Anthony Thwaites (1909 – 1981) zwischen der „Neuen Figuration“ des Lüder-Frühwerkes  und der Malerei von Francis Bacon. Beim Gang durch eine Ausstellung bei Schlieper und Busch in Hagen 1976 notierte der Kritiker: „Es gibt hier ein Bild von 1972, wo sich die Idee eines geschlachteten Ochsen aufdrängt… Der Unterschied: Bei Roswitha Lüder ist nichts gequält, verzerrt, zerschnitten. Wie man eine Motorhaube öffnet und drinnen den Motor arbeiten sieht, so hebt sie die Haut ab und gibt uns den Blick frei auf die Arbeit ihrer „Organismen“. Hier fließt etwas durch, da pulst es, dort zieht sich etwas zusammen. Hier ist Bacon-anti-Bacon, sozusagen.“ 

Trotzdem beschreibt die Rezeption der 1960er/70er Jahre Roswitha Lüders Malerei als „brutal“, ein beauftragtes und zunächst auch gehängtes Tryptychon im Trauzimmer des Hagener Rathauses wurde abgehängt.

Skandalkunst? Noch dazu von einer Frau? Skandal!

Die Befürchtungen der städtischen Dezernenten für Ordnung, Kultur, Sport, Wohnung und Bau sahen so aus: Es bestehe die Gefahr, dass „das Bild bei intensiver Betrachtung bei jungen Brautpaaren doch obzönen Gedanken freie Bahn böte.“

Schräge Zeiten damals? In der Gegenwart undenkbar? Da bin ich nicht sicher. Kunst, die anpackt, hat es nach wie vor schwer. Sicher aber wird Ablehnung heute anders begründet.

Den herausgefallenen Lüder-Katalog in der Hand, greife ich zum Telefon. Es ist die alte Herdecker Nummer, die ich wähle, es ist die vertraute Stimme, die sich meldet: „Roswitha Lüder.“

Darf ich kommen?  Ob die heute 81-Jährige, Tochter eines Malers und einer Musiklehrerin -  befreundet war sie u. a mit dem 1999 gestorbenen Emil Schumacher - bis heute malt?

Den „Kunstpreis der Jugend 1962“ hatte sie sich mit Raimund Girke und mit Walter Stöhrer geteilt. In einem Katalogtext zu einer Ausstellung in der Neuenkirchener Galerie Falazik 1969 steht nachzulesen: „Man spürt die große Kraft in diesem ´brutalen` Strich, die mich immer an den großen Freskomaler José Clemente Orozco erinnert. Und mit einer gewissen Bestürzung stellt man fest, dass diese bescheidene junge Dame wahrscheinlich eine der Schlüsselfiguren ihrer Generation in Deutschland ist.“

Mehr als zehn Jahre habe ich Roswitha Lüder nicht gesehen. Als jetzt die Tür auf geht, steht sie, wie ich sie kenne, blitzwach vor mir: „Wie schön! Komm rein. Kaffee? Soll ich Dir meine neuen Bilder zeigen?“ Nein, Roswitha Lüder ist lange nicht 81 Jahre alt!

Im Atelier duftet es nach Farbe, überall stehen Bilder auf dem Boden, hängen an der Wand. Die jüngsten Arbeiten haben das Spannungsfeld Figuration-Abstraktion verlassen, ihre Bildphilosophie ist analytischer, konstruktiver geworden.

Das Atelier als Baustelle der Forschung? Wie jung Roswitha Lüder ist. „Ja, weiter arbeiten, an sich glauben, das ist wichtig. Sich nicht abbringen lassen von dem, was man tut. Malerinnen, Künstlerinnen müssen rein in die Gesellschaft!“

Ob Sie davon überzeugt ist, dass Kunst Einfluss hat?

„Ja, unbedingt. Deshalb habe ich auch dieses kleine Wandbild in der Kaserne gemacht. Die Konfrontation mit Kunst ist eine Chance! Dafür aber ist das intensive Verständnis der Handhabung der Mittel ungeheuer wichtig.“

Ich gucke genau hin: Hoch komplex sind die Acryl-lasierten Partituren, ist der Bauhaus-analytische Blick von Roswitha Lüder. Es geht um die Verkehrung von Figur und Grund, von Positiv- und Negativformen, um Mehrdimensionalität. Besonders beeindruckend: Die enorme gedankliche Präzision ihrer neuen Bilder, deren serielle Konsequenz.

Entstehen auf der Leinwand Vorzeichnungen? Sind die kleinen Bilder Studien für die großen?

„Ja, die Vorzeichnungen sind Konstruktionsanalysen. Sie zeigen die Proportionen auf. Zwar sind die kleinen Bilder nicht identisch mit den späteren großen, aber die Proportionen hab` ich dann schon mal, die kann ich im kleinen Bild kontrollieren.“

Ob das auch für die Welt draußen gilt?

„Ich denke, dass ich ein bisschen auch etwas mit verändert habe. Das kriegt man zwar so direkt nicht mit. Aber dass man existiert, dass man gearbeitet hat, dass man etwas hinterlassen hat in der Kunst, in der Architektur, das wird vielleicht nützlich sein.“

Gut, dass der Lüder-Katalog aus dem Regal fiel. Und großer Dank an eine außergewöhnliche Frau und Künstlerin!

Was eigentlich macht…?