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26. Dezember 2018 - von Claudia Posca

Wandlungen wandeln

Bochum

Alles auf Anfang, - jetzt, wo wir schnurstracks ins Finale laufen. Was war, ist, bleibt und werden wird, kriecht vernehmlich aus allen Winkeln. Achtung. Fertig. Pause. Und dann kommt der Blues zwischen den Jahren. „Zeit, dass sich was dreht“ hat es Singer-Songwriter Herbert Grönemeyer genannt.

Eine andere kluge Weise ist diese: „Wird`s besser? Wird`s schlimmer fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich. Leben ist immer lebensgefährlich.“ Der famose Erich Kästner (1899-1974) hat`s gereimt. Ich hab`s mir an die Wand gepinnt. Direkt neben einen Satz, wie gemacht zur Antwort: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird, aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“ Hat der nicht minder famose Georg Christoph Lichtenberg gesagt, hätte aber zu Lebzeiten mit Herrn Kästner gar nicht sprechen können, weil der Begründer deutschsprachiger Aphorismus-Kunst und blitzgescheiter Sudelbücher ein ganzes Jahrhundert früher gelebt hat. Gut, dass es Magnetboards gibt! Die tackern herrlich konspirativ Epochen zusammen. 

Zu viel Historie? Küchenlatein? Sagen wir mal so: Wer kommt denn beim Jahresendspurt an weisen Zeilen und rennender Zeit vorbei? Kurz vor Sylvester, wo die Uhren lauter ticken vor lauter fließender Zeit? Und wo die guten Vorsätze am laufenden Band vom Band fallen. Wobei einige ja insgeheim überzeugt sind: Es kommt, wie`s kommt. Und damit basta.

Was wohin führt? Wer weiß das schon, man weiß ja nie. Eins aber ist klar, die Jahresendzeitstimmung hat Passion für Wandel und Veränderung. Auch dafür, ob son Sprichwort stimmt, wie dieses: Man ändert sich oft und bessert sich selten. Dachte ich und blickte stumm auf dem Tisch herum. Wo seit Tagen schon „Wandlungen“ liegen, was ein Katalogbuch zu Ausstellungen in der Bochumer Kunstkirche Christ-König ist, 192 Seiten stark, in diesem Jahr im Münsteraner Aschendorf-Verlag erschienen, und von Norbert Lepping und Michael Ludwig herausgegeben. 

„Wandlungen“ zum Jahreswechsel, - wenn das mal nicht passt.

Als ich meinem Kollegen davon erzählte, guckte der verdutzt: „Wandlungen? Was soll das sein?“ Bis klar wurde, dass er schon mirakulöse Wand-Lungen bei mir zu Hause auf dem Schreibtisch hatte liegen sehen, was ihm verständlicherweise spanisch vorkam. Ein großartiger Verhörer. Könnte glatt was für den genialen SZ-Kolumnisten Axel Hacke und seine Sammlung falsch verstandener Worte sein. Wand-Lungen. Fabulös. Dabei sollen und müssen Wände ja tatsächlich atmen. 

„Nostalgia“, 2015, Anne Berlitt; Foto: ©Peter Bräutigam Die Wandlungen auf meinem Sekretär allerdings haben, wenn überhaupt, nur im weitesten Sinne mit diffundierendem Mauerwerk zu tun. Mit der Umgestaltung von Raum und Architektur dagegen ist das eine andere Sache. Da hat die dokumentierte Kunst enorm was drauf. Frei nach Sören Kirkegaard (1813-1855): „Nur vom Verwandelten können Verwandlungen ausgehen.“

Was auf der Hand liegt, weil Leben Veränderung ist und es ja nicht immer so bleiben kann, „hier unter dem wechselnden Mond.“ Was einst der Dramatiker August von Kotzebue (1761-1819) uns zum Bilde, vielleicht sogar am Ende eines Jahres, gedichtet hat. 

Also hab` ich, weil der gute alte Mond ja nicht nur schön poetisch anpackt, sondern mehr noch feinst tauglich ist fürs Aufräumen, Resümieren und Seele-baumeln-lassen, tief rein geguckt ins Buch der „Wandlungen“. Und was soll ich sagen? Ich kann`s nur empfehlen: Bemerkenswert atmosphärische Fotos sind drin. Neben klugen Aufsätzen und Reden, die wissen, wovon sie sprechen. Vor allem davon, dass Wandel aufs Innere wirkt. Zum Beispiel die Installation „Aufrichten“, die in situ das Hochstellen zentnerschwerer Kirchenbänke vor Ort in Christ-König gewesen ist: „Dorothee Bielfeld ermöglicht mit einem „einfachen Eingriff“ in den Kirchenraum eine sensationelle Erfahrung. Der Aufstand der Kirchenbänke verändert den Kirchenraum und seine Wahrnehmung. Da hat jemand etwas Entscheidendes im Raum verändert und „dem anderen“ Raum verschafft. Wer mit den Dingen anders umgeht, verändert die Welt (…)“ steht es nachzulesen. „Ringen“, 2017, Lichtprojektion von Detlev Hartung und Georg Trenz; Foto: @ Peter Bräutigam

Und schon wieder schleicht sich so ein Spruch in den Sinn, Herkunft unbekannt: „Tust Du was, dann tut sich was.“ Habe ich für die Zukunft gespeichert. Dumm nur, dass es mein Horoskop seit Tagen anders will. Aber versprochen, ich bleibe am Thema. Wandlung ist übrigens auch ein Begriff aus dem Kaufrecht, der die Rückgängigmachung eines Geschäftes wegen eines Mangels beschreibt. Das aber ist eine andere Geschichte. 

Meine hier geht weiter mit dem exzellenten Power-Paket „Wandlungen“, das variantenreiche Veränderungen ein- und desselben Kirchenraumes durch höchst unterschiedlich verwandelnde Kunst Revue passieren lässt. Mal ist das ein „Raum aus Luft“, geschaffen durch Sprühnebel und verglitzerndes Licht (Judith Mann), mal hängt ein ganzes Blütenmeer aus hunderten Hyazinthen von der Decke herab („Nostalgia“ von Anne Berlitt), mal gibt es „Circular Circumstances“ (kreisende Umstände), die Judith Samen zur Eröffnung ihrer Installation mit einem Butterbrot-Happening begleitet hat. Klar, dass da auch das Abendmahl und die magische Geschichte von der Transsubstantiation mit im Spiel sind, bei denen Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt werden. 

Kompliziert? Ja, schon. Doch wer sagt denn, dass die Sache mit der Wandlung und Veränderung leicht ist? Gute Vorsätze hin oder her.

„Circular Circumstances“, 2018, Judith Samen; Foto: © Peter Bräutigam Seit 2010 hat es inzwischen dreiunddreißig Wandlungen am außergewöhnlichen Ort Christ-König, Steinring 34, gegeben. Und damit wird es weitergehen: „Alles auf Anfang. Wandlungen inszenieren. (…) Der Bischof von Essen Dr. Franz-Josef Overbeck genehmigte zum 1. Januar 2010 die Nutzung von Christ-König als Kunstkirche und die vorübergehende Außerdienststellung für ein Jahr mit den Auflagen, dass das Allerheiligste und der Tabernakel aus der Kirche entfernt werden müssen. Er verlängerte nach gründlicher Prüfung seine Dispens bis zum Juni 2016. Auch aufgrund der bistumsseitigen Finanzierung einer halben Stelle ist  die Kunst-Kirche Christ-König mittlerweile als dauerhaftes Leuchtturm-Projekt des Bistums Essen fest etabliert. Und mittlerweile hat sich sogar ein Förderverein gegründet, der nachhaltig für die Belange der Kunst-Kirche Sorge trägt“ schreibt Norbert Lepping, Referent im Dezernat Pastoral im Bischöflichen Generalvikariat des Bistums Essen im Katalog.

Was auch wieder so ein Wandel ist: Kirchen als spirituelle Kulturtankstellen. „Sowas hätt`s früher nicht gegeben“ würd` Tantchen das kommentieren. Nichts für ungut, aber zum Glück stimmt nun mal: Nichts bleibt, wie es war und alles ist, wie es wird.

Chin Chin also auf ein inspirierendes neues Jahr voller Wandel und Wandlung!


Titelbild: „Raum aus Luft“, 2017, Judith Mann; Foto: © Peter Bräutigam.

Bild 1: „Nostalgia“, 2015, Anne Berlitt; Foto: © Peter Bräutigam.

Bild 2: „Ringen“, 2017, Lichtprojektion von Detlev Hartung und Georg Trenz; Foto: @ Peter Bräutigam.

Bild 3: „Circular Circumstances“, 2018, Judith Samen; Foto: © Peter Bräutigam.

Wandlungen wandeln