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2. Juni 2016 - von Claudia Posca

Von wegen Themenausstellung

Mülheim an der Ruhr

Wie die jährlich rund 125 Millionen Museumsbesucher in Deutschland Themenausstellungen finden, weiß ich nicht. Ich aber habe ein Faible für den fokussierenden Bilderparcours: Im Blickpunkt ein Motiv, drum rum viele daran anhängende weitere Bedeutungshorizonte. Mein alter Lehrer nannte das „Sternchen zaubern“. Weil ein Thema viele Themen hat, so wie ein Stern Strahlen.

Das Schöne am Sternstrahlen ist: Die Fokussierung aufs Thema schleust Intensität und Dauer ins Getriebe rasanter Vernetzungskultur. Themenausstellungen wirken entschleunigend.

Weshalb ich sie als Laserpointer fürs Sondieren der alltäglichen Weltverwirbelung nutze. Schließlich hat Konzentration noch stets das Denken ans Denken und Menschen auf neue Ideen gebracht. Ohne vom berühmten Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen.

Heißt: Pointiert zu gucken, hilft das Selbst zu sortieren.

Im Kunst Museum Mülheim an der Ruhr bedeutet das: „Desperate Housewives? - Künstlerinnen  räumen auf“. Was vor lauter Kunst ja oft vergessen wird: dass auch die Künstlerschaft Haus und Hof und Family hat.

„Desperate Housewives?“ Zwischen Kunst, Küche, Kindern? Eine Frage, die nach turbulenten 70er-Jahre-Feminismus-Zeiten aus der Zeit gefallen erscheint? Thema verfehlt?

Der Spagat ist bekannt: Zwischen lästiger Pflicht und Home-sweet-Home liegt damals wie heute das, was ewiger Haushalt heißt. Der allerdings unterscheidet sich in einem Punkt von tatsächlicher Sisyphusarbeit. Denn der bemitleidenswerte Mann im Mythos musste seinen Stein wieder und wieder bergan rollen, ohne Nutzen, ohne Sinn. Dagegen dient die nicht enden wollende Staub-Jagd zu Haus eigner Befindlichkeitsoptimierung: Home, sweet home, ich liebe meine kleine Oase.

Ach ja, und auch das ist heute anders als früher: Übers Haus-Familienmanagement stöhnt man inzwischen zu zweit. Tatsächlich gibt es männliche Wesen, die mit Feudel und Fensterputz bestens per Du sind.

Wie dem auch sei. Die Dosis macht das Gift. „Verzweifelte Hausfrauen“ zeigt: Zu viel Haushalt beschert Verdruss: Heimchen am Herd, Putzteufel, Helikopter-Papa, Hotel Mama. Gestern wie heute schwelt das Thema. Nur das „Desperate Housewives“ inzwischen auch schon mal männlicher Abstammung sind.

Das aber spart die Ausstellung aus. Schade eigentlich. Auch mit Kunst vom Mann bliebe der Fokus auf Haushalt, Hof und Rollen-Theater erhalten. Scheuklappen-Denken mag ich nicht.

Überhaupt: „Desperate Houeswives“ macht hellhörig. Den Titel kenn` ich doch. Allerdings aus Kunstferner Sparte. So hieß die gleichnamige, sehr erfolgreiche US-Serie zur witzigen Demontage des Familienidylls: 8 Staffeln mit 180 Episoden, 2012 eingestellt, aber auf 48 (!) DVDs weiter zu haben.

Tatsächlich zitiert die Mülheimer Themenausstellung den Filmtitel. Das Fragezeichen dahinter aber macht ein neues Thema draus: Verzweifelte Hausfrauen? Gibt es die? Gibt es sie noch? Gibt es sie immer noch? Gibt es sie schon wieder? Bin auch ich eine? Sind Künstlerinnen welche?

Gerade noch habe ich ein eindrucksvolles Beispiel des Familienalltags der 1960er Jahre im Kino gesehen: Adolf Winkelmanns „Junges Licht“. Der Revier-Film spielt im Pott, als der noch qualmte und die Geschlechterrollen noch eindeutig waren. Bis zur Gesetzesänderung 1977 etwa durfte Mann bestimmen, ob, was und wie die Gattin arbeiten durfte. Heute ist das Thema durch, zumindest auf dem Papier steht die Gleichstellung von Frau und Mann.

Dennoch: Das Home-sweet-Home beschäftigt weiter - die Gesellschaft, die Kunst. Und Künstlerinnen beschäftigt es wohl besonders. Obwohl die längst nicht mehr Feministinnen sind. Putzen, Kochen, Küchen-in-die-Luft-Jagen, Dekorieren, die Frau als Hampelmann, das Küchenutensil als martialisches Folter-Instrument. Und weitere Rollen mehr sind im Spiegel ihrer Kunst in Mühlheim zu sehen. U.a. von international bedeutenden Künstlerinnen, wie Pipilotti Rist, Rosemarie Trockel, Ulrike Rosenbach.

Als einzige Station in NRW zeigt das Kunst Museum Mülheim, wie Kunst vom weiblichen Geschlecht mit der vermeintlich oder echt verzweifelten Frau in Kunst und Gesellschaft umgeht. Frauen-Power pur.

Der kunsthistorische Beipackzettel gibt zu bedenken: „Die Frau und ihre Rolle in Haus und Haushalt - dieses eigentlich ganz private Thema wurde im 20. Jahrhundert zum öffentlichen Schauplatz ideologischer Grabenkämpfe: das altbackene Heimchen am Herd versus die moderne berufstätige Familienmanagerin. In den 1970er und 1980er Jahren haben Künstlerinnen aus feministischer Perspektive und mit oft radikalen Mitteln gesellschaftliche Strukturen, Geschlechterhierarchien und Machtverhältnisse hinterfragt und Veränderungen eingefordert. Wie definieren und bewerten wir also heute diese Rollen und Rollenbilder, wo der Begriff Hausfrau aus dem Sprachgebrauch verschwunden scheint, Frauen selbstverständlich berufstätig sind und Privates und Öffentliches immer schwieriger von einander abzugrenzen ist? Gibt es tatsächlich eine gerechte Lastenverteilung? Welche Bedeutung hat die Arbeit in Haushalt und Familie heute? Und wer erledigt sie?“.

Selbst outgesourcte Kinderbetreuung, delegierte Raumpflege ist meist weiblicher Natur. Die „Desperate Housewives?“ Sind augenscheinlich unter uns.

Auch das Kuratorenteam ist weiblich. Ina Ewers-Schultz und Martina Padberg zeichnen verantwortlich für den fokussierten Blick auf den alltäglichen Wahnsinn. 28 Künstlerinnen haben sie versammelt, die älteste ist 80 Jahre alt, die jüngste 30, wie gesagt, kein Kunst-Mann darunter.

Was mich nicht verzweifeln, aber zweifeln lässt, ob das Thema überhaupt ausschließlich weiblich zu verhandeln ist? Spannender doch wäre es, zu erfahren, was Mann zum Thema zu vermelden hat. Das bisschen Haushalt vielleicht?

Zustimmung aber für den Befund, dass nach wie vor Frauen das Zuhause-Nest bereiten.Vermutlich sogar die kritisch äugende Künstlerinnenschaft: Umräumen, Einkochen, Aufribbeln, Einweichen, Aufschütteln. Die Prise Witz, das Quäntchen Humor gibt`s als Würzmittel gratis dazu: „Haushalt - muss halt - macht sich halt - nicht von allein. Frisst halt - Zeit und - macht halt - die Hände rau. Hält halt - auf doch - gibt Halt - wenn die Kakerlaken ziehen“ nimmt die 1986 in Kempen geborene Malerin Caroline Streck das notwendige Übel aufs Korn.

Den Blick auf (immer noch) aktuelle Tatsachen gerichtet, dass beispielsweise nur etwa 5 Prozent aller in Museen ausgestellten Künstler weiblich sind, aber 95 Prozent aller dort zu sehenden Akte Frauenakte sind, übernehmen die 28 ausgestellten Künstlerinnen, möglicherweise auch sie „desperate housewives“, gewissermaßen eine Interessenvertretung für beinahe 50 Prozent des Menschengeschlechts. Beinah deshalb, weil es, bezogen auf die Weltbevölkerung, tatsächlich mehr Männer als Frauen auf dem Erdball gibt. „Von den 6.974.036.375 Menschen sind 3.517.255.725 männlichen Geschlechts und nur 3.456.780.650 weiblichen Geschlechts (Stand: 2011). Die Hauptursache für dieses Ungleichgewicht ist das zahlenmäßig ungleiche Verhältnis der Geschlechter bei der Geburt: Auf 100 neugeborene Mädchen kommen ungefähr 107 Jungen“ notiert die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung. Ein weiterer Grund: In Indien beispielsweise werden Mädchen-Schwangerschaften häufig abgebrochen, weil eine spätere Hochzeit der Tochter aufgrund der Mitgift zu teuer käme.

Spätestens da werden die „Desperate Housewives“ bissig. Gleichberechtigung sieht anders aus. Von wegen, diese Themen-Ausstellung ist aus der Zeit gefallen!

Von wegen Themenausstellung