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22. Dezember 2016 - von Claudia Posca

Von wegen Elfenbeinturm

Essen

Mein letztes Date in diesem Jahr steht an: ein Jubiläum, nah dran an der Kunst. Ich bin unterwegs zur Rübezahlstraße 33, Kunsthaus Essen, einer der kreativsten Hot-Spots im Revier.

Die Glückwünsche für ein Jahrzehnt passionierte Arbeit mit, an und für Kunst aber gehen nicht ans Institut. Denn das gibt es schon seit 1977. Sie ahnen es schon: Den künstlerischen Leiter und Geschäftsführer Uwe Schramm hab` ich auf dem Schirm.

„Komm rein. Kaffee, Zucker, Milch?“ Der Mann versteht sich auf Wohlfühl-Atmosphäre. Vor kurzem hat er sein neues Büro bezogen, raus aus enger Räumlichkeit rein in ein lichtstrahlendes Großzimmer. „Endlich Platz genug!“

Dass das Kunsthaus Essen, neben dem Dortmunder Künstlerhaus, zu den Vorzeige-Adressen im Revier zählt, ein wichtiger Dreh- und Ankerpunkt kreativer Köpfe ist, geht vor allem auf das Konto von Uwe Schramm. Klasse, Ausstellung, auch schräge Interventionen von junger und jüngster Kunst abseits vom Mainstream sind sein Metier. Daneben Theater, Performance, Tanz, Musik, Stadtteilarbeit, Kulturpolitik, Künstler- und Atelierbetreuung.

Der gute Ruf kommt nicht von ungefähr. Unter der Regie von Uwe Schramm in Kooperation mit der Künstlerschaft am Ort werden die Stellschrauben justiert.  Mittlerweile wird der Kunsthaus-Chef, - übrigens ein Fan von Heavy Metal und Richard Wagner - ehrlich, er hat es selbst erzählt und findet „es vielleicht gar nicht so weit voneinander entfernt“ -, sogar bei Stadtentwicklungsfragen, Stichwort: ´Nordstadt Essen`, angefragt.

Ich bin überzeugt, da sitzt jemand am Steuer, der in seiner Freizeit nicht nur „gern kocht“, Italien und das Meer liebt , sondern, der sich mindestens genauso sinnlich über seinen Job hinaus mit den Bedürfnissen und Gefühlen der Zeit auseinandersetzt. Dass die vom Kunsthaus gestemmte Kultur- und Stadtteilarbeit vor Ort bestens läuft, inklusive zahlreicher Angebote für Flüchtlinge und Randgruppen, hat, ganz klar, mit Uwe Schramms empathisch offenem Engagement für Mensch und Kunst zu tun. Und damit, dass für ihn die Dialogisierung von Kunst und Gesellschaft gleich viel zählt wie die postmoderne Verfransung der Künste im Digitalzeitalter. „Das hält Augen und Geist elastisch“, ist so ein typischer Schramm-Satz. Genauso wie dieser: „Was soll ich sagen: Die Vielfalt ist beeindruckend. Nur an einem System schnuppern, bedeutet die Welt engziehen. Klar, dass ist ein Full-Time-Job, der spannendste überhaupt.“

Auch jetzt ist Uwe Schramm neugierig: „Was führt Dich ins Kunsthaus?“, - um schon im nächsten Moment eine nächste Info weiterzugeben: „Ach, übrigens, -  kommenden Freitag ist Abschluss-Info-Abend im Künstlerhaus Dortmund. Die Ruhr Residence-Künstler stellen ihre Erfahrungen mit dem neuen Format „Go & Return“ vor. Soweit ich weiß, kommen alle Stipendiaten. Wird mordsinteressant.“

Ich grinse, Uwe Schramm ist Weltmeister im Netzwerken. Spannendes weiß er immer zu kommunizieren.  Aber heute bin ich nicht wegen eines Hintergrundgespräches hier, sondern einzig und allein des Kunsthaus-Chefs wegen.

„Nicht Dein Ernst.“ Doch, aber Hallo!: „Du bist jetzt bestimmt schon ein Jahrzehnt am Kunsthaus?“

Die Frage ist rhetorisch gemeint. Natürlich habe ich recherchiert, dass der 1962 Geborene seit dem Frühjahr 2006 das Kunsthaus Essen leitet, seit 2007 Sprecher der RuhrKunstVereine ist. Zuvor war Uwe Schramm von 1996 bis 1998 Leiter des Dortmunder Kunstvereins, dann baute er den Kunstverein Münsterland mit Sitz im 30.000-Einwohner-Städchen Coesfeld auf und pendelte für acht Jahre zwischen Coesfeld und Dortmund, wo er bis heute wohnt, um  sich schließlich auf die Essener Herausforderung einzulassen.  Seither initiiert und managt der promovierte Kunsthistoriker das irre attraktive Kunsthaus-Programm. Der Facettenreichtum seiner Arbeit ist enorm, zehn Jahre sind eine beachtlich lange Zeit.

Ich finde: Ein solches Jubiläum sollte nicht untergehen. Schon gar nicht, wenn es derjenige, der es feiern könnte, so überhaupt nicht an die große Glocke hängt. Da ist Uwe Schramm einer aus dem Revier. „Ich komme aus einem Arbeiterhaushalt. Mein Vater war Hoesch-Arbeiter. Kultur spielte bei uns nur am Rande eine Rolle. Aber jedes Jahr bekam mein Vater eine Buch-Jahresgabe. „Werk und Wir“ hieß die. Tolle Texte konnte man da lesen. Und Kunstwerke gucken. Die brennende Giraffe von Salvatore Dalí war damals der Renner. Ich habe alle Ausgaben von „Werk und Wir“ gesammelt, hab` sie heute noch. Diese Reihe hat dazu geführt, im Zusammenhang mit der wilden Zeit der 1970er Jahre, mich auf die Künste und Menschen einzuschwören.“

Wenn Uwe Schramm erzählt, klingt alles leicht, fast selbstverständlich. Viel Aufhebens um das, was er mit und im Kunsthaus Essen zaubert, macht er nicht. Hauptsache, „es wuppt“ ist eines seiner Lieblingsworte. Von Problemen, schwierigen Situationen hört man ihn nur selten erzählen.  Den passionierten Kunstsympathisanten, der Dackel „cool“ findet, „aber nicht, um mit ihnen wandern zu gehen!“ (Uwe Schramm lacht), habe ich noch nie die Zuversicht verlieren sehen. „Man muss, glaube ich, in der Lage sein, seinen Menschenverstand einzusetzen. Bauchgefühl, aber auch die Erfahrung, wie man aufgewachsen ist, wie man sozialisiert wurde, sind wichtige Fundamente, auf die ich zurückgreife, wenn man mit Routine nicht weiter kommt. Man muss ein gutes Gefühl haben, mit Menschen umzugehen.“

Dass Uwe Schramm das kann, spürt man sofort. Unfaire Macht-Spielchen, egozentrische Selbstdarstellung ist ihm fremd. Reden allerdings, überzeugen wollen, argumentieren, sich auf Dinge einlassen und ihnen Zeit geben, das sind Lieblingswege. „Da habe ich wohl kolossal viel vom Studium bei Max Imdahl profitiert. Obwohl ich mich nicht als seinen Schüler bezeichnen würde. In  Bochum fand ich toll, dass es so unterschiedliche Wissenschaftler wie Manfred Wundram oder Beat Wyss gab. Aber die Dinge wahr zunehmen, sich selbst zu befragen, nachzuhaken,  wie mir dieses oder jenes Kunstwerk begegnet, was mit meiner Wahrnehmung passiert, das habe ich von Max Imdahl gelernt.“

Was mir Uwe Schramm an diesem Mittag noch erzählt, deutet darauf hin, dass er geistiges Sackhüpfen, die Selbstbespiegelung der Künste nicht mag, philosophisch-gesellschaftsorientiertes Denken dagegen konstruktiv sexy findet.

Im Moment aber guckt Uwe Schramm perplex. „Stimmt, irgendwann hab` ich kurz mal dran gedacht, dass ich schon ein Jahrzehnt vor Ort bin. Im April 2006 habe ich im Kunsthaus Essen angefangen.“

Weshalb wiederum ich ja an diesem Mittag im Kunsthaus Essen sitze und herzlich gratuliere. Präsente gibt`s keine, dafür aber Fragen. Zum Beispiel diese: „Wenn man es schafft, den großen Gotthard Graubner zu einer Ausstellung auf dem Land zu bewegen, in einem ganz jungen Kunstverein, was Du 1999 gestemmt hast, und  dann weiter acht Jahre lang ein erfolgreiches Kunstvereinsprogramm fährt, warum geht man da weg?“

Uwe Schramm überlegt nicht lange: „Den Kontakt zum Ruhrgebiet habe ich nie aufgegeben. Auch wenn ich den Vergleich zwischen einer ländlichen Region und der Revier-Metropole ausgesprochen spannend fand. Da gibt es mächtige Unterschiede in den Wahrnehmungen, bei den Problemfeldern. Der Strukturwandel ist in Coesfeld so gar nicht präsent. Nicht mal als Problem.“

„Dann ist ´Kunst & Land` für Dich passé?“

„Das ist für mich heute keine Option. Die Diskussionen, die man mittlerweile hier am Haus und im Revier führt, die Konfrontation, das permanente Ausgesetzt-Sein in gesellschaftlichen Strukturen, die Urbanität, - das sind für mich absolut wichtige Bedingungen für das, was ich jetzt mache. Ich habe eine andere Wahrnehmung dafür bekommen, unter welchen Bedingungen Kunst entsteht. Was wiederum zur Reflektion führt, welche Rahmenbedingungen Kunst braucht. Das Milieu, in dem Kunst heute passiert, hat sich verändert. Die Öffentlichkeit meldet viel mehr Bedarf an, wissen zu wollen, wie Kunst entsteht. Auch wird erwartet, dass jeder Kunstschaffende eine HP hat, dass jeder Kunstschaffende auf Facebook präsent sein muss. Und man setzt voraus, dass Kunstschaffende heute in der Lage sind, erklären zu können, warum und wie sie Kunst machen.“

„Ein Kurswechsel der Vorlieben, weg von autonomer hin zu kontextualisierter Kunst?

„Hmm, ja, das ist nicht falsch. Ausstellungen der Kunst, die vorrangig ästhetische Problematiken in den Fokus rücken, sind für mich tatsächlich in den Hintergrund gewandert. Mich interessieren heute viel stärker die Schnittstellen zwischen dem, was uns umgibt, also die Lebenswirklichkeit da draußen, und dem, was künstlerische Produktionen an Brüchen zeigen können. In dieser Richtung möchte ich dem Kunsthaus Essen Perspektiven geben, nah dran am Ursprung von Kunst, Mensch und Gesellschaft.“

Von wegen Elfenbeinturm. Das Kunsthaus Essen hat großes Glück! Danke, Uwe Schramm.

Von wegen Elfenbeinturm