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24. Juli 2018 - von Claudia Posca

Vom Auf- und Abstieg

Witten

Puh, dieser Sommer ist heiß. Und bei ´Jalousien runter`, Hitze ausgesperrt, kreisen Gedanken im Halbdunkel. Über dies und das. Und darüber, was ist, was war, was sein wird. Sogar, wenn man sich höchst und persönlich vornimmt aktiv zu leben. Im Hier, im Jetzt. Ohhhhhm. Aber wem sag ich`s? Sie kennen da was von: Achterbahnfahrt, rauf und runter. Wie kontert es die werte Nachbarin? „Besser als Hamsterrad.“ Göttlich. Funktioniert immer.

Im Auf- und Absteigen ist so gesehen jeder Meister. Der Ruhrländer aber besonders. Weil seine Geschichte besonders ist. Angeblich hat sie über Tage im Muttental in Witten begonnen. Mit einem Zufallsfund von unter Tage. Es soll im 16. Jahrhundert gewesen sein. Das Ruhrgebiet ist sagenhaft.

Die Geschichte ist die: „Vor vielen hundert Jahren, als die Menschen nur mit Holz ihre Feuer brannten, hütete ein armer Hirtenjunge im Muttental bei Bommern seine Schweine. Er trieb sie über die Wiesen durch den dunklen Wald, und wenn eines sich zu weit entfernte, rief er wohl: „Mutt, mutt!“ (…) An einem feuchten Herbsttag fühlte der Junge, wie die Kälte an seinen Beinen hoch kroch und er beschloss, ein kleines Feuerchen anzuzünden. (…) Er zündete etwas Reisig und Holz an, wartete, bis die Flämmchen richtig zugepackt hatte und wärmte sich. (…) Wie erschrak der Junge aber am nächsten Morgen, als er mit seinen Tieren aufs Neue über den Abhang kam - immer noch leuchtete die Glut. (…) Sein Holz war längst verschwunden, aber was da brannte und glühte und immer noch wärmte, das waren die glänzenden Erdbrocken, die er schon oft gesehen hatte. (…) Seit diesem Tag brauchte die Familie nur noch wenig Brennholz zu sammeln, denn die Erdbrocken waren Kohlenstücke und die brannten länger und stärker.“ (www.sagenhaftes-ruhrgebiet.de)

So, nu wissen Sie, warum das Revier auf Kohle gebaut ist und die Wiege des Bergbaus in Witten steht. Wo es übrigens einen schönsten, neun Kilometer langen Wanderpfad gibt. Mit Haspel- und Verladeanlagen, mit Stollenmund und Stollenzechen. Gar „Einfahren“ ist möglich, - auf „Nachtigall“, was ein Ankerpunkt der Route Industriekultur ist. Ausprobieren, hat was.

Warum ich`s erzähle? Hat museale Gründe. Diesmal bin ich im Märkischen Museum Witten zu Gast. 

„Kunst & Kohle“ gibt`s auch dort. Das Großprojekt der RuhrKunstMuseen anlässlich des Steinkohlebergbauendes Ende 2018 in Deutschland schreibt Geschichte fürs Revier und darüber hinaus. Grubengold und Schicht im Schacht sind Themen. „Vom Auf- und Abstieg“ ist auch ein Thema.

Existentiell ist es noch dazu. Neben Licht- hat es Schattenseiten. Vom Auf- und Abstieg, vom Strukturwandel redet das Revier. Ob in der Montan-, in der Kohle-Branche.

„Das wollten wir ernst nehmen. „Vom Auf- und Abstieg“ ist eine Ausstellung, die Fragen des sozialen Lebens in der Region fokussiert. Ich wollte keine Materialfragen stellen, keine Künstler zeigen, die mit Kohle arbeiten. Mich interessieren gesellschaftliche Fragen, Strukturen, der Blick aufs Revier: was wird eigentlich wahrgenommen?“

Ich spreche mit Museumsleiter Christoph Kohl. Über das sagenhafte Ruhrgebiet. Über Auf- und Abstieg. Und darüber, dass „es eine Menge nachzudenken gibt. Das Thema hat gesamtgesellschaftliche Dimensionen. Die drei eingeladenen Künstler, Clemens Botho Goldbach, Olaf Metzel und Alexander Chekmenev, setzen sich mit den Anfängen des Bergbaus auseinander, mit den damit verbundenen Hoffnungen, mit Wohlstand, Migration, Wandel und Niedergang, mit Zusammenhalt und Solidarität, auch mit Klischees.“

Ein halbes Tonnengewölbe aus Holz mit Stützbalken und Grubenstempeln etwa hat Clemens Botho Goldbach, 1979 in Köln geboren, übermenschgroß auf den Boden gestellt, eine buchstäblich massive Anspielung auf das manchmal Kathedralartige unter Tage. Begleitende Großtafeln, - „Archiv-Inspirationswände“ nennt sie Museumschef Christoph Kohl, - illustrieren bergmännische Architektur, Historie, Brauchtum und Alltag. Eine Film-CD ist darunter, Skizzen, Fotos, Postkarten, Zeitschriften, - ein Kaleidoskop regionaler Eindrücke.

„Clemens Botho Goldbach habe ich eingeladen mit der Vorstellung, dass er sich als exzellenter Architekturkenner und -beobachter im Revier umschauen könnte, was ihn vor Ort beeindruckt. Er hat eine ganz eigene Art diese Impressionen umzusetzen.“

Von einem „Magischen Konzeptualismus“ spricht der Künstler selbst. Da ist was Wahres dran. Fürs Feeling ist er eingefahren, auf Prosper Haniel in Bottrop. Und hat mit seiner Installation akribisch eigengefertigte Unter-Tage-Architektur nach oben befördert: „Ausbau“.

Ob es einen roten Faden zwischen den drei künstlerischen Beiträgen gibt?

„Jein. Wir haben die Ausstellung bewusst „Vom Auf- und Abstieg“ benannt. Ohne sonstige Vorgaben für die Künstler. Allerdings ruft der Titel Inhalte auf, die die Arbeit über Tage, unter Tage betreffen, die wirtschaftliche, auch globalisierte Zusammenhänge nachfragen, die die Historie, Gegenwart und Zukunft des Ruhrgebietes ausloten.“

Wohl war. Der Beitrag „Plattenbau“ von Olaf Metzel etwa tut das ausgesprochen bildmächtig. Als raumaggressive Turm-Skulptur aus Aluminium und Stahl-Versatzstücken mit fotoapplizierten Architekturen drauf erzählt das Werk von Wohnungsnot, Beton-Bauboom und nachfolgendem Leerstand. Kürzlich erst wurde dem 1952 geborenen Künstler, - er zählt zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern der Gegenwart -, der mit 20.000 Euro dotierte Jerg-Ratgeb-Preis „für Freiheit der Kunst und für Gewaltlosigkeit im Kampf um mehr Menschlichkeit“ verliehen. Seine in Witten ebenfalls zu sehende „Tafelrunde“ spricht Bände. Besonders erstaunt sei der Künstler darüber gewesen, dass ausgerechnet im Ruhrgebiet, einer Region der Zuwanderung als Folge einer prosperierenden Kohleindustrie, das Thema der Migration hochkochte: Die Essener Tafel hatte Migranten vorübergehend von der Essensausgabe ausgeschlossen. 

„Das Spannende am Großprojekt der RuhrKunstMuseen ist, wie jedes Haus eigenständig ein jeweiliges Phänomen, eine Besonderheit des Themas „Kunst & Kohle“ beleuchtet. Das setzt sich bei den präsentierten Werken fort.“

Und dann erzählt mir Christoph Kohl, wie der aus der Ukraine stammende Fotograf Alexander Chekmenev, „den hierzulande kaum jemand kennt, der eine echte Entdeckung ist“, geboren 1969, Autodidakt, Menschen der russisch-ukrainischen Donbass-Kohle-Region über ein Jahrzehnt begleitet hat, ihren Auf- und Abstieg in ergreifenden Lichtbildern, nah dran, dokumentierte. 

Dazu muss man wissen, dass nach Ende des Sozialismus viele Zechen im Donezbecken geschlossen wurden, die Arbeitslosigkeit rapide stieg, ein Strukturwandel nicht stattfand. Viele arbeitslose Bergarbeiter blieben aber, aus dem einfachen Grund nicht zu wissen, wohin sie gehen sollten. Auf eigene Faust begannen sie Kohle abzubauen, fahren bis heute in oft selbstkonstruierten Körben in stillgelegte Schächte ein, notgedrungen, hochgefährlich, illegal, bedrückend.

Zu sehen ist aber auch Zwischenmenschliches, Zusammenhalt. Chekmenev-Fotos sind tiefgründig, schildern Einzelschicksale, wie sie die Gemeinschaft prägen. „Das sind ikonenhafte Bilder, die sich einbrennen, die den Auf- und Abstieg in seinen familiären Auswirkungen, in globalisierten Zusammenhängen dokumentieren.“

Was hatte ich eingangs notiert? Dass Gedanken kreisen, über dies und das und jenes? Jetzt erst recht. 

Vom Auf- und Abstieg