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9. April 2015 - von Claudia Posca

Viel los im Osten: Die „Chambres d‘amis“ des Kunstverein Schwerte

Schwerte

Hätten Sie‘s gewusst? Mitte der 1980er Jahre steht Großes an. Am Ost-Rand des Ruhrgebiets in einer rund 48.000-Seelen-Mittelstadt, in Schwerte an der Ruhr, ist es geplant: Kunst im Wohnzimmer, öffentlich zugänglich.

Der geniale Vorläufer: Jan Hoets attraktive „Chambres d‘amis“ 1986 in Gent. „Warum machen wir das eigentlich nicht auch?“ Dem Schwerter Kunstvereins-Gründer Ulfried Weingarten schwebt Ähnliches vor: Gegen den Kunst-Tod in der Stadt. „Kunst gehört zum Leben. Also hab‘ ich mir das ganz einfach vorgestellt. Die Leute stellen ihre Wohnungen zur Verfügung, und wir machen da Ausstellungen. Aber von wegen!“ Ulfried Weingarten schmunzelt. „Leicht geht erst mal gar nichts.“

Was er seither in der Kunst-Diaspora am Rande der hübschen Altstadt bewegt, hat Format, ist auch überregional bekannt. 1987 gründet der Kunst-Lehrer den Kunstverein Schwerte. 120 Mitglieder sind es derzeit, ehrenamtlich, bürgerschaftlich organisiert. Joseph Beuys hat man ausgestellt, Antoni Tapies, Emil Schumacher, Immanuel Preuss, Ingrid Langanke, Dorothea von Windheim, Claus Bury und Rune Mields, jährlich mindestens vier Präsentationen. Schwerpunkt ist ungegenständliche Kunst, Figuratives nicht ausgeschlossen. „Es ist wichtig, Kunst von einer bestimmten Qualität zu zeigen. Ob die Kunstschaffenden bekannt sind oder (noch) nicht, spielt keine so große Rolle, Bewerbungen von Künstlerseite werden berücksichtigt.“

2012 hat Ulfried Weingarten mit „seinem“ Kunstverein Phantastisches erreicht: Vom Dachverband aller Kunstvereine Deutschlands (ADKV) wird der Kunstverein Schwerte für den begehrten ADKV-Preis nominiert.

Ruhr-Kunst-Insidern ist das bekannt, aber darüber hinaus? Dabei ist die Nominierung für den Kunstvereins-„Oscar“ sensationell: Nur wer tolle Ausstellungen zaubert, junge, auch sperrige Kunst der Öffentlichkeit nahe bringt und sich aller Widrigkeit zum Trotz nachhaltig für Kunst einsetzt, hat überhaupt Chancen - eine große Ehre für den kleinen Verein!

Zu meiner Schande muss ich gestehen, nichts habe ich von der Schwerter Geschichte gewusst. Wenn überhaupt, dann hatte man schon mal vom multifunktionalen Kulturzentrum „Rohrmeisterei“ gehört. Und dass Documenta-Teilnehmerin Rosemarie Trockel aus Schwerte stammt, Thomas Klegin hier wohnt. Aber sonst? Schwerte? Wo liegt Schwerte? War das nicht der Ort mit dem Gerücht: „Wir wollen die Stadt mit den meisten Skulpturen im Öffentlichen Raum werden“? Neben Public-Art-Städten, wie Essen, Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen?

Immerhin: Einiges Namhaftes steht tatsächlich in City und Park: Albert HienMaik & Dirk Löbbert, Kazuo Katase, Johan Tahon, Sebastian Dannenberg, Thomas Klegin und Rosemarie Trockel. Eine Skulptur von Claus Bury ist inzwischen wieder verschwunden. Gehegt und gepflegt sieht anders aus. Hatte die Kulturstiftung der Sparkasse einst nicht Skulpturen-Kulturstiftung werden wollen?

Kunstvereins-Chef Ulfried Weingarten ist bekümmert. „Wir als kleiner Verein können das nicht stemmen. Patenschaften für einzelne Arbeiten sind eine gute Idee. Vielleicht wird ja was draus.“ Dabei müsste nur mal eine Glühbirne ausgetauscht werden, damit die beiden Straßenlaternen der Gebrüder Löbbert wieder im Originalzustand erstrahlen, schließlich sind sie Teil des Licht-Kunst-Projektes „Hellweg - Ein Lichtweg“.

Mein Schwerte-Date bleibt spannend. Während ich im Auto sitze, wird mir klar, dass vor drei Jahren David gegen Goliath angetreten ist, was diesen Kunstverein Schwerte noch mehr funkeln lässt! Am Ende wurde einer der ältesten Kunstvereine Deutschlands, der 1818 gegründete Badische Kunstverein mit dem ADKV-Preis 2012 ausgezeichnet, - ein ungleiches Rennen. Mit von der Partie gewesen zu sein, dafür gebührt Ulfried Weingarten und allen Vereinsmitgliedern noch heute der rote Teppich, ich ziehe meinen Hut: Provinzialität ist nur da, wo man sie zulässt.

„Ja, die ADKV-Nominierung ist nicht selbstverständlich“, freut sich der Mann, bei dem ich zur Pressekonferenz  „Andreas Rosenthal: Farb-Holzschnitte 2013-2015“ im Büro des sanierten „Wuckenhofes“ sitze. Rund 80 Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen bereit, drei unterschiedlich geschnittene, hell- atmosphärische Räume - der „Wuckenhof“ ist in Teilen ein Fachwerkhaus. Am Wochenende ist Eröffnung, die Schau des Münsteraners läuft bis zum 10. Mai, ein Künstlergespräch wird es geben. Der „Kulturelle Jahresempfang“ der Kooperative aus Kunstverein, Konzertgesellschaft, Theater am Fluss, Ev. Kirchengemeinde und Bürgerstiftung Rohrmeisterei ist schon im Februar über die Bühne gegangen. Co-Working-Space ist auch in Schwerte angesagt.

Wir sitzen uns gegenüber, im Büro ist kaum Platz. Auf dem Tisch: Bücher über Bücher. Die Regale gehen bis unter die Decke, Kunstkataloge, Ordner stapeln sich, es riecht nach Engagement, nach Arbeit. In monatelanger Schufterei hat die Kunstvereins-Crew den historischen „Wuckenhof“ von einem ehemaligen Kindergarten in angemessene Ausstellungsräume verwandelt.

Der Einsatz hat sich gelohnt. Die Schwerter haben jetzt eigene „Chambres d‘amis“. Eine angedachte James Reineking-Ausstellung allerdings blieb auf der Strecke: „Der Boden hätte statisch gesichert werden müssen, „zu aufwendig, zu teuer, aber sehr schade“.

Ulfried Weingarten ist von Beuys geprägt: Sehen lernen ist für ihn das Entscheidende. Ohne den Kunstenthusiasten, ohne den Kunstverein gäb‘s in der Stadt, im Park wenig zu sehen.

„Unseren Verein machen wir nicht als geschlossene Gesellschaft, sondern es kann jeder - auch Nicht-Mitglieder! - teilnehmen oder auch auf den Exkursionen mitfahren.“ Der Kunstverein Schwerte ist anders als der Kölnische Kunstverein oder der Düsseldorfer.

Dass die Stadt an der Ruhr nicht gerade Kunst-affin ist? Ulfried Weingarten ist Sisyphosianer, gibt nicht auf. Der Kunst in Schwerte räumt er beharrlich Stolpersteine aus dem Weg. Ich bin überzeugt: Schwerte hat nicht die meisten Skulpturen im Öffentlichen Raum, aber einen bewegenden Kunstverein.

Während der Ausstellungen: Mo-Fr: 16-18 Uhr, So u. feiertags, 15-17 Uhr, Karfreitag geschlossen, Ostersonntag und Ostermontag geöffnet, Eintritt frei.

Viel los im Osten: Die „Chambres d‘amis“ des Kunstverein Schwerte