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30. April 2019 - von Claudia Posca

Very British

Oberhausen

Glück gehabt. Noch ist Gelegenheit. Bis zum 12. Mai gibt es in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen „British Pop Art – Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Beck“ zu sehen. Zu denen Sie flugs gehen sollten. Sonst bleibt ein blinder Fleck in der To-do-Liste der Must-See-Ausstellungen 2019.

Außerdem könnten Sie – was ich nur empfehlen kann! – am kommenden sonntäglichen 5. Mai um 15 Uhr mit Direktorin Dr. Christine Vogt formidabel durch die Ausstellung schlendern und ihren immer vergnüglichen Infos lauschen, die Sie garantiert nah dran an das katapultieren, was Pop Art mit Popular Art verschweißt. „Das Rosenthal-Geschirr etwa, designt by Eduardo Paolozzi, haben wir auf Ebay gefunden und erst mal in die Spülmaschine gesteckt“ ist so ein originelles Detail. Und warum das Beatles-Album „Sgt. Pepper`s Lonely Hearts Club Band“, - am 26. Mai 1967 in Großbritannien, am 30. Mai ´67 in Deutschland veröffentlicht -, wegen seines ganz außerordentlichen Designs eine Ikone der britischen Pop Art ist, ist eine horizonterweiternde andere Feinheit. Genauso wie die staunenswerte Info, dass Garten, Blume und Baum Motiv-Spezialitäten der britischen Pop Art sind: „Sowas gibt es nur da, wo es immer regnet.“ Wie gesagt, die Museumschefin erzählt Kunstgeschichte wunderbar.

Ja, und dann könnte ich mir vorstellen, dass der eine oder andere unter Ihnen im fulminanten Erinnern surft beim Blick aufs Beatles-Grugahallen-Konzert, das am 25. Juni 1966 Essen groovte, schwarz auf weiß festgehalten in den Fotos von Rudolf Holtappel (1923-2013), der sich 43-jährig unters Essener Jungvolk gemischt hatte, - als Chronist des Reviers. Und - wie jetzt zu sehen ist - auch als Dokumentarist der British Pop-Kultur on Tour. Übrigens befindet sich der Holtappel-Nachlass seit 2017 in der Ludwiggalerie, wo eine große Retrospektive des Foto-Meisters in Vorbereitung ist.

Na, überredet? Ist jetzt der 5. Mai reserviert? Nein? Dann hier noch ein Bonbon mehr: On Top wird für Retro- Fans am 5. Mai in der Ludwiggalerie eine Platten-Börse aufgelegt: „Stöbern, kaufen, mitnehmen.“ Der Eintritt ist gratis. Aber Vorsicht: Nicht in den Traum verträumen, dass Sie dort garantiert ein kleines Kunstwerk unter den Platten-Covern à la „Stg. Pepper“ finden. Wobei natürlich gilt: Alles ist möglich, nichts ist unmöglich. Immerhin kann ich versprechen, dass Sie nach einer Visite der Ludwiggalerie zu denjenigen gehören werden, die die Komfortzone gängiger Kunstgeschichte für neue Erkenntnisse verlassen haben.

„What? Was soll das denn heißen? News statt etablierter Kunstgeschichte?“

Sorry, ich war ja schon in der Ausstellung. Und finde dort genau diese aktualisierenden Einblicke ins Kunstgeschichtsbuch des vorigen Jahrhunderts illustriert. Denn rund 130 Arbeiten – darunter ein dem Sonderphänomen der britischen Liason von Kunst und Musik gewidmeter Raum, neben einem speziellen Sound-Walk fürs akustische Eintauchen in visuelle Welten (29 Songs von den Beatles, von Clash, The Kinks, Mungo Jerry etc.), schaufeln ins Hirn, dass British Pop Art sehr wohl, sehr gut, sehr besonders mit der amerikanischen Pop Art mithalten kann. Und also an deren etablierter Dominanz kratzt.

British Pop Art – Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Beck Weshalb sich der Düsseldorfer Rechtsanwalt Heinz Beck als passionierter Kunstsammler dem schon Mitte der 1950er Jahre auf der britischen Insel boomenden „Independant Group“-Phänomen rund um Alltags- und Massenkultur Mitte der 1960er Jahre annahm. Ihn habe „im Grunde genommen die gleiche Abenteuerlust und die gleiche Leidenschaft oder… das gleiche Engagement gepackt, das schon fast zehn Jahre früher die jungen Künstler … damals in London gepackt hatte, als sie eine der ersten großen Ausstellungen der Pop Art veranstalteten. Ich meine die mit dem Titel „This is tomorrow“ in der Whitechapel Gallery in London.“

Eröffnet worden war die legendäre Ausstellung mit 12 Unter-Ausstellungen von Architekten, Malern, Bildhauern und anderen Künstlern im August 1956, zwei Jahre nachdem der Kritiker Lawrence Alloway (1926-1990) den Begriff der Pop Art in Umlauf gebracht haben soll. „This is tomorrow“ – nomen est omen -  gilt als eine der einflussreichsten und nachhaltigsten Ausstellungen im England der 1950er Jahre und bereitete den Boden für das, was jetzt in Oberhausen im meist handlichen Format flasht: Kult und Comic, Bikini und Sex, Stars und Sternchen, neue Medien und neue Musik, Konsum und Werbung. Das Ganze collagiert, nicht plakatiert: a very British way of Pop Art-Kunst.

Wer also dachte, die USA seien mit Andy Warhol und seiner 1962 gegründeten „Factory“ die Wiege der Pop Art, hat fehlgedacht. „Zwar wird die amerikanische Pop Art weltweit stärker wahrgenommen und ist – bis heute – kommerziell erfolgreicher, da man sich durch Galeristen und Sammler besser vermarkten konnte. Doch entstehen die ersten Gedanken und Ansätze in England, genauer gesagt in London“ skizziert Christine Vogt das kunsthistorische Update. Und sagt weiter, dass die Briten mit der Pop Art so viel früher durchstarteten als ihre Kollegen am anderen Ufer des großen Teichs habe mit einem „großen Hunger nach Bildern im kriegszerbombten London“ zu tun. Aber auch damit, dass „nach dem Krieg auch Kinder aus Arbeiterfamilien an den Universitäten und Akademien studieren… Viele der Künstler, die heute unter dem Begriff der Pop Art subsumiert werden, stammen aus den unteren Schichten. Gerade in England ist es  eine nahezu umwälzende Veränderung, dass nicht mehr Stand, Geschlecht und Religion über die Stellung in der Gesellschaft entscheiden. Die Grenzen verwischen, durch die gleiche Mode, die gleiche Musik und das gleiche Interesse für Kunst kann man sich plötzlich auf den gleichen Partys oder Events treffen“ steht es im 216 Seiten gewichtigen Katalog (29,80 Euro) als exklusiver Nährboden der British Pop Art hervorgehoben.Und ich kann Ihnen sagen: Dazu blättert der bildersatte Parcours famoser Druckgrafiken, - darunter so einige Stolpersteine, ob von Collage oder Litho zu sprechen ist, - weit im Motiv-Kosmos (früheren) Alltags. Klar, dass die Beach Boys als eine weltweit erfolgreichste Pop- und Rockband der 1960er Jahre bildgebannt auftauchen, genauso wie „Marilyn“, „Large Lipsticks and Liz“, „Cut out Fred and Ginger“, „Brick Wall“, „Levine`s Restaurant“, „Pin-ups“, „Cadillac“ oder „Swingeing London“. Halt eben alles das, was seinerzeit very British feeling & life-style ist. Und was Richard Hamilton 1957 in einem Brief an die Architekten Alison und Peter Smithson (die drei waren Mitglieder der 1952 am Londoner Institute of Contemporary Arts (ICA) gegründeten Künstlergruppe „Independent Group“) beschrieb: „Popular (für ein Massenpublikum), vergänglich (kurzfristige Lösungen), billig, massenproduziert, jung (für die Jugend bestimmt), witzig, sexy, trickreich, strahlend, großes Geschäft…“ British Pop Art – Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Beck

Von dem Sie und ich bis heute profitieren. Denn aus der reichen Kollektion der Sammlung Heinz Beck, die im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum beheimatet ist, werden Sie beim jetzt sicher fest eingeplanten Besuch in der Oberhausener Ludwiggalerie enorm echte „Meisterwerke massenhaft“ aus dem Who-is-who britischer Pop-Art-Kunstgeschichte von Richard Hamilton (1922-2011) über Peter Blake (* 1932) bis zu Eduardo Paolozzi (1924-2005) bestaunen können. Nah dran an der Erkenntnis, dass es ausgerechnet einer der alltagsangedocktesten Kunststile ist, der es vertrackt-irgendwie schafft, sich aus der Wirklichkeit zu desintegrieren, um dem Alltag Kunstwürdigkeit zu zaubern.

Mit nur eigentlich einem möglichen Fazit: Die British Pop Art hat very British Funkel und very great Promi-Qualität. Für die wiederum Sie jetzt very interested an einer very interesting „British Pop Art“-Show sein sollten.

 


Bildrechte:

Fotos: © Claudia Posca

 

Mehr zur Ausstellung „British Pop Art – Meisterwerke massenhaft aus der Sammlung Beck“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen finden Sie in unserem Kunstgebiet.Ruhr Ausstellungskalender!

Very British