gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

13. April 2017 - von Claudia Posca

Versteckt!

Ruhrgebiet

Wollen Sie nicht auch manchmal wissen, welche Kunst andere gut finden? Ob die etwa ein Faible fürs Figürliche haben? Weil Kunst ja mal in der Abbildlosigkeit verhungert sein soll?

Dann verrate ich Ihnen etwas: Gegenständliches gucken macht Spaß. Ja, es kommt sogar vor, dass mich weder die meditativste Bramme noch das metaphysischte Quadrat noch der spannungsreichste Figur-Grund-Austausch allerallerfeinster konkreter Kunst vom Hocker reißen, dagegen ein Bronze-Pferdchen schon.  

Glauben Sie nicht? Doch! Und es hat ganz aktuell mit einer Aufräum-Aktion zu tun, bei der mir meine kleine Pferde-Plastik von Anno Tuck, made in Irgendwo,  - hübsch-hässlich, aber, ach ach ach … -,  in die Finger fiel.

Erste Kunst? Kinderkram? Was soll ich sagen? Ein Schicksalswink!

Dieser von letzter Woche hatte es in sich. Packte am schlechten Gewissen. Nicht, weil das Rumsteh-Rümchen-Ross staubte. Sondern, weil die Möchtegern-Kleinkunst erinnerte: ´Einmal im Leben wolltest Du nach Herten fahren, das „Große Vollblutfohlen“ der berühmten Renée Sintenis (1888-1965) gucken`.

Jaja, Verstecktes bringt auf Trab.

Den Wink von Pferd zu Pferd nahm ich als Zuckerbrot und Peitsche: Herten ist nicht weit, liegt zwischen Marl, Recklinghausen, Gelsenkirchen und Herne, gehört zum Regierungsbezirk Münster, hat rund 61.000 Einwohner und mit der Halde Hoheward (152,5 Meter) eine höchste Erhebung im Emscherbruch.

Ausgesprochen wanderbar! „Erleben Sie bei dieser Expedition zu Fuß nicht nur die größte Haldenlandschaft Europas, sondern zugleich die ehemals produktivste Zeche des Ruhrgebiets. Die Halde Hoheward und der Zukunftsstandort Ewald sind ein Sinnbild für einen gelungenen Strukturwandel geworden“, wirbt man beim Regionalverband Ruhr.

Dort also, in Hertens City vor dem Rathaus, Kurt-Schumacher-Straße, soll`s stehen: eines der schönsten Pferdchen der Kunstgeschichte. Zugleich ist es Teil vom Skulpturenpfad Herten, was eine andere Geschichte ist.

Die von Renée Sintenis geht so: Die Frau, die am Berliner Kunstgewerbemuseum nach Abbruch der Schule 1905 beginnt zu studieren, dann auf Drängen des Vaters Sekretärin lernt, um trotzdem bei der Kunst zu landen, 1913 erstmals ihre Miniatur-Skulpturen ausstellt und 1940 das Hertener Fohlen in Bronze gießen ließ, zählt zu den Granden der Kunstgeschichte und der Frauen-Emanzipation des 20. Jahrhunderts. Als erst zweite Frau, nach Käthe Kollwitz, hat Renée Sintenis 1952 den Orden pour le Mérite für Wissenschaft und Kunst erhalten, ein Jahr später das Bundesverdienstkreuz. Nach dem 2. Weltkrieg wird sie 1948 an die Berliner Hochschule für Bildende Künste berufen, wo sie 1955 zur ordentlichen Professorin ernannt wird.

Ja, und von genau diesem Shootingstar der 1920er Jahre hat Herten - neben Düsseldorf, die ein „Grasendes Fohlen“ im Hofgarten haben - das „Große Vollblutfohlen“. Es ist 115 Zentimeter hoch, 60 Kilo schwer und im Gesamtwerk der Sintenis, seiner großen Größe wegen, einmalig. Elegantes Vollblut hin oder her - es ist ein echtes Zugpferd!

„Boah! Ich hatte Renée Sintenis eher als Künstlerin für klassische Herzschmerz-Tier-Portraits abgespeichert, mit sympathischer Abneigung gegen Monumental-Plastik, eine Künstlerin, die mitten im Ersten Weltkrieg nette Kleinplastiken für den Kaminsims kreiert. Oder auch Akt-Darstellungen und energiegeladene Sportlerfiguren, geschätzt genau dafür schon in den Goldenen Zwanzigern.“

Tja, das kann man so sehen. Schließlich schrieb auch der Kunsthistoriker und Publizist Julius Meier-Graefe, wichtiger Biograf von Paul Cézanne und Vincent van Gogh, zu Renée Sintenis: „Man merkt auf einmal, dass deutsche Plastik lächeln kann.“

Was so oder so schillert. Dass aber das Schöne, Friedliche und Empathisch-Lebendige der Sintenis-Kunst im Leise-Versteckten auch ein Gegen-Entwurf zum trommelnden Wilhelminismus war, und zwar von einer Frau in Männer-dominierter patriarchalischer Zeit mit Empfindsamkeit für Kreatur und Schöpfung, macht die in die Seele schauenden Tierplastiken der Sintenis so einnehmend charmant. Wer schon kümmert sich um ein „witterndes Pferd“, ein „schlafendes Fohlen“, einen „liegenden Hund“, ein „Shetland-Pony im Wind“? Noch dazu, wenn man, wie die Sintenis, in einer Metropole lebte?

Stichwort: Berlin, wo die im schlesischen Glatz als Renate Alice geborene, in der Theodor Fontane-Geburtsstadt Neuruppin/Brandenburg aufgewachsene Künstlerin Karriere machte. „Indianerschöne“ hat sie ihr Dichterfreund Joachim Ringelnatz genannt. Zusammen mit Ernst Barlach, Gottfried Benn, Asta Nielsen, Rainer Maria Rilke mischte sie die Berliner Avantgarde auf, zog mit ihrem „Ringel“ durch die Jazzclubs.

Geheimnisvoll schön soll sie gewesen sein, trotzte als Viertel-Jüdin den Nazis, stand Georg Kolbe und ihrem Künstler-Ehemann Emil Rudolf Weiß Modell, verkörperte mit ihrem Kurzhaarschnitt, gertenschlank, androgyn und 1,80 Meter groß, den „Neuen Typ Frau“ der Moderne. Der einflussreiche Berliner Kunsthändler Alfred Flechtheim bringt Renée Sintenis in die Galerien von Paris und New York, sie jagt „in Reitmontur auf ihrem Wallach Horaz durch den Tiergarten. Als eine der wenigen in der Stadt fährt sie einen amerikanischen Studebaker. Wenn sie im sportlichen Sakko, den Männerhut schräg auf dem Bubikopf, das Romanische Café in der Budapester Straße betritt, folgen ihr die Blicke.“

Auf www.welt.de hat sich Marion Lühe ihrer von Silke Kettelhake geschriebenen Biografie „Renée Sintenis. Berlin, Boheme und Ringelnatz“ gewidmet. Spannend!

Andererseits wundert sich die 43-Jährige Künstlerin über ihren Erfolg: „Ich habe selber nie gewusst, ob ich viel oder wenig oder ob ich überhaupt etwas Besonderes kann… Mir ist mein Schaffen nichts anderes als ein selbstverständliches Müssen.“

Mittlerweile bin ich kurz vor Herten, freue mich auf tierisch Gegenständliches. Ob das Hertener Pferdchen  auch so phantastisch „Bewegung in Bronze“ bannt, wie es die 2014 im Berliner Georg Kolbe Museum gezeigte Retrospektive auf den Schirm hob? Besonders grazil tänzeln soll es ja, das Hertner Fohlen.

Übrigens ist Renée Sintenis auch die Künstlerin, die, von Rilke bewundert, von vielen liebevoll-spöttisch als „Riesin mit dem Kleintierzoo“ bezeichnet, mit dem Bären tanzte.

Ahnen Sie was?

Der Berliner Bär geht auf ihr Konto. 1956 entwirft ihn Renée Sintenis im Auftrag. Heute begrüßt er jeden über Dreilinden auf der B 115 nach Berlin Reisenden in lebensgroßer Gestalt. Seit 1951 wird das große Tier zudem, mal vergoldet, mal versilbert, als kleine weltberühmte Berlinale-Trophäe an die Film-Preisträger verliehen.

Ich sag`s ja: Herten hat Großes! Und jetzt steig` ich aus, das Original bestaunen.

Nur, wo ist es denn?

Vor dem Rathaus-Haupteingang soll`s stehen. Fehlanzeige. Vielleicht der andere Eingang? Auch hier: kein Fohlen. Und samstags hat das Rathaus zu. Also Passanten-Befragung: Wo ist das Fohlen, das durch eine Schenkung des Hertener Unternehmers und Pioniers ökologischer Lebensmittelherstellung 1957 in Herten aufgestellt wurde?

„Tja, das ist so eine Geschichte“ erzählt mir die freundliche Hertenerin und guckt betroffen. „2006 wurde es abgefräst und entführt. Man hat es später auf dem Schrottplatz wiedergefunden. In drei Teile zersägt! Dann ist es mal angefahren worden. Und ich glaube, vor vier Jahren war das, wurde es wieder kaputt gemacht. Ich versteh` das nicht. Gerade das Fohlen kommt doch bei so vielen so gut an. Wo es jetzt steht?“ Achselzucken.

Ich zück` mein Handy, Unterwegs-Recherche. Das hätte ich besser schon mal zu Hause gemacht! „Seit August 2015 steht das Fohlen im Foyer im ersten Stockwerk des Rathauses“.  Und das hat jetzt zu.

Nicht ärgern! Ostern liegt in der Luft. Versteckt!

Versteckt!