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29. November 2017 - von Claudia Posca

Verrückt erhellend

Es ist eine Tatsache: Vieles hängt mit vielem zusammen, Binsenweisheit hin oder her. Jedenfalls ergeben sich daraus unerwartete Zusammenhänge, neulich noch zwischen Lichtkunst und Baselitz-Grafik. Über letztere schrieb ich, wie der berühmte Kunstgriff einer 180-Grad-Motiv-Drehung das Oben und das Unten und die Welt dazwischen verwirbelt, also buchstäblich verrückt.

Dann fuhr ich nach Unna, wo das Internationale Lichtkunstzentrum ausgerechnet zur Kunstlicht-intensivsten Zeit, da es doch allüberall weihnachtlich glimmt, glüht, glänzt, das Thema der „schwindenden Lichtquellen“ aufs Programm hebt. Auch verrückt, oder?

Besonders, weil die Lichtverschmutzung weltweit wächst. Zwischen 2012 und 2016 wird ein Anstieg um jährlich 2,2 Prozent gemessen, die sogenannten Lichtglocken über Björn Dahlem präsentiert kaltweißes Neon noch einmal in alter Pracht. unseren Städten dehnen sich aus. „So hellt beispielsweise eine Stadt mit einer Einwohnerzahl von 30.000 den Himmel in einem Umkreis von etwa 25 Kilometern auf“, schreibt der Fachleiter der „Initiative gegen Lichtverschmutzung“, Andreas Hänel, in der unabhängigen Zeitschrift „Nationalpark“ schon 2007. Die Folgen sind bekannt. Die künstliche Erhellung der Nacht wirkt sich drastisch aus: auf Mensch und Tier, auf Flora und Fauna, auf Wissenschaft und Astrologie.

Überlegen Sie mal, wann Sie das letzte Mal die Milchstraße am Sternenhimmel sahen? Sehen Sie. Es ist nachts viel zu hell.

Und dann kommt jemand darauf, eine „Hommage an verschwindende Leuchtquellen“ zu starten? Wie verrückt ist das denn?

Ich bin verabredet mit John Jaspers, dem Chef des Lichtkunstzentrums Unna, das 2001 eröffnet wurde und Nr. 19 im Verbund der 20-Institutionen-starken RuhrKunstMuseen ist. Ein übrigens im Revier und darüber hinaus ausgesprochen einzigartiges Haus.

Was damit zu tun hat, dass Lichtkunst gemeinhin ja - weil sie technikbasiert besonders pflegeintensiv ist - nicht allzu gern, und wenn, dann eher als Solitär, gesammelt wird. In Unna aber ist das anders. Lichtkunst pur und ausschließlich macht den Parcours in den einzigartigen Gewölbekellern der ehemaligen Linden-Brauerei aus: 2600 Quadratmeter, bespielt von dreizehn irre guten Lichtinstallationen der weltweit angesagtesten Lichtkünstler u.a. von Rebecca Horn über Olafur Eliasson und Mario Merz bis James Turrell. Der Rundgang ist programmatisch, „weithin leuchtend - tief unter der Erde strahlend“. Das hat Magie. Lichtkunst kommt an. Auf viele wirkt sie besonders ästhetisch, „irgendwie immer  kosmisch-sphärisch.“

Fast nostalgisch ist dabei der Blick von Pedro Cabrita Reis, der das Tonnengewölbe mit einem umgedrehten "T" erleuchtet. Auch mich reizt, dass Lichtkunst mit Ungreifbarkeit lockt. Als Bild und in Bildern für Transzendenz. Drin steckt eine Sehnsucht übers Materielle hinaus. „Eine archaische Kraft, vergänglich unvergänglich“ hat das mal ZEIT-Journalist Hanno Rauterberg genannt. Siehe, anders gelagert, Kerzenschein zur Weihnachtszeit.

Herr Jaspers, ihre noch bis April 2018 laufende Schau heißt „Bright!“, was hell, grell, leuchtend, strahlend bedeutet. Arbeiten von Björn Dahlem, Molitor & Kuzmin, Pedro Cabrita Reis und Volkhard Kempter sind zu sehen. Mystisch-Phantastisches ist darunter, ein minimalistisches Neon-T-Kreuz und -, als witzige Beigabe, eine kleine Milchflasche mitten im Konstrukt der Leuchtstoffröhren-/Holzlatten-Galaxie „Milky Way“. Sie betonen, dass „Bright!“ das Pendant zur 2015 gezeigten Ausstellung „Dark!“ ist und sich „langsam verschwindenden Leuchtmitteln“ widmet. Gibt es nicht eher zu viel Licht?

Wir schlendern durch die Ausstellung, John Jaspers erzählt: „Die Geschichte ist die: 2013 schrieb mir Anthony McCall, ein amerikanischer Experimentalfilmer, den ich für „Dark!“ eingeladen hatte, dass er es begrüßt, pflegeintensive Kunst, wie Film- oder Lichtinstallationen, die von Natur aus vergänglich sind, museal zu bewahren. Er fand das wunderbar widersprüchlich. Das gab mir die Idee für eine Ausstellung mit dem Fokus darauf, dass Lichtquellen nicht für die Ewigkeit geschaffen sind. Denken Sie mal an die Glühbirne. Ihre Lebensdauer ist begrenzt, irgendwann muss sie ausgetauscht werden. Außerdem ist sie alles andere als energiesparend. Was ja dazu geführt hat, dass es im September 2009 den EU-Beschluss gab, sie vom Markt zu nehmen. Vermutlich wird Gleiches mit Neon- und Leuchtstoffröhre passieren. Heute werden energieeffizientere LEDs eingesetzt.“

Dann wollen Sie Neon & Co ein Denkmal setzen?

Die unterirdischen Räume einer ehemaligen Brauerei beherbergen heute das Zentrum für internationale Lichtkunst. „Ja, es war an der Zeit über eine Hommage an verschwindende Leuchtquellen „aus der Vergangenheit“ nachzudenken. Die beteiligten Künstler benutzen, natürlich sehr individuell, industriell gefertigte, handelsübliche Produkte, die sie als leuchtende Ready-Mades in ihren raumspezifischen Installationen einsetzen. Die aussterbenden Leuchtmittel sind ihr plastisches Material.“

Darauf war ich nicht gefasst. Über all der Lichtsmog-Reflexion hatte ich die museale Seite des Themas völlig vergessen. „Bright!“ also als Beitrag zum kulturellen Gedächtnis? Netzhaut und Hirn bewegend?

Mal wieder zeigt sich, dass Verrückung, besonders des eigenen Blickwinkels, verrückt erhellend ist.

Verrückt erhellend