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30. Mai 2018 - von Claudia Posca

Unter Tage über Tage

Bochum

„Hast Du den schon gehört: Los geht`s an den Loren?“ Der mich das fragt, fragt`s faustisch. Ganz so, als hätt ich den Spruch bis dato verpasst.

Hab` ich aber nicht. Was kein Kunststück ist, weil`s momentan auf Ruhrpotts Kunstparkett kaum andere Themen gibt. „Kunst & Kohle“, der staunenswerte Ausstellungsmarathon der vereinigten RuhrKunstMuseen anlässlich des Steinkohlenbergbauendes in Deutschland bewegt.

Seltsames begleitet ihn. „Püttrologen“ etwa. Was Bergmänner sind. Oder eine „Ortsbrust“, die jene Stelle im  Streb markiert, wo der Vortrieb stattfindet. Oder das „Arschleder“, das ein Kleidungsstück zum Schutz des Kumpels ist. Vor Nässe, vor Kälte. Seit das „Grubengold“ im Spiegel der Kunst von 150 Künstlern und Künstlerinnen in 17 Museen in 13 Städten glänzt, macht Bergmanns-Latein über Tage die Runde.  

Ende des Jahres ist Schicht im Schacht. Endgültig. Dann schließen die letzten beiden Zechen Prosper Haniel in Bottrop und das Bergwerk Ibbenbüren. Eine wahrlich historische Zäsur.

Förderturm- statt Leuchtturmdenken steht jetzt auf der Agenda. Erinnerungskultur ist das Ziel. Das einzigartige „Kunst & Kohle“-Projekt arbeitet dran. Dicht, facettenreich. Das initiiert Debatten. Im Biergarten, im Café. Die Kohle-Kunst-Melange hat`s auf den Stammtisch geschafft. Weil Kunst sich vor dem Leben verneigt: „Danke Kumpel!“ ist kein leerer Spruch. Die Menschen an Rhein und Ruhr wurzeln im Flöz. Trotz Strukturwandel, trotz Umorientierung.  Da kriegt die einst praktische Aufforderung „Los geht`s an den Loren!“ ein neues Gesicht. Erinnerung ist eine Ewigkeitsaufgabe. Um jüngeren Generationen die Geschichten der Bergbau-Geschichte „vonne Ruhr“ und „ausser Niederrheingegend“ zu erzählen. „Sorry, ich hatte gehofft, mit dem Loren-Spruch mehr Ruhri zu sein als Du.“ 

Ja, mittlerweile ist man stolz aus dem „Pott“ zu kommen. Ich jedenfalls bin`s. Und der Fan-Kreis wächst. Das Interesse an der Metropole Ruhr, an seiner Geschichte und Tradition auch. 

Weshalb mich die Bochumer Ausstellung „in den Tiefen der Erinnerung“ besonders lockt: Gucken, was der Recherche- und Installationskünstler Andreas Golinski (* 1979) als Vertreter einer jüngeren Generation so anfängt mit dem Thema von Lore & Co. Der Mann zählt aktuell zu den interessantesten Nachwuchskünstlern aus NRW. 2016 kaufte das Museum Folkwang in Essen eine Installation für die Sammlung an. Das ist nicht jedem Künstler vergönnt. Und schon mal gar nicht Kunstschaffenden seines Alters.

Kunstmuseum Bochum „Golinski? Heißt so nicht auch der Bochumer Museumsdirektor?“ 

Stimmt. Aber es ist nicht so, wie Du denkst. Die beiden sind nicht miteinander verwandt. Nicht mal um zehn Ecken rum. „Wir haben uns über den Umweg Israel kennen gelernt“, sagt Hans Günter Golinski. 2012 hatte der an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel ausgebildete, heute in Essen und Mailand lebende Andreas Golinski eine Ausstellung in Tel Aviv. Inzwischen düst er in ´All-around-the-world` umher, hat so manchen Preis eingeheimst: für seine zwischen Minimalismus und Arte Povera switchende Kunst, für den historisch-archivierenden, raumorientiert-ortsspezifischen Charakter seiner Interventionen.

Fürs Kunstmuseum Bochum baute der durchstartende Newcomer, um es gleich vorweg zu nehmen, Kolossales. Oder wie es der Kollege Sven Westernströer für die WAZ schrieb: „Andreas Golinski zeigt im Museum eine begehbare Rauminstallation von großer Wucht und zerschlagener Schönheit“. Was an schachtartig verbauten Metallplatten liegt, nebst selbst modulierten Ruinenstücken und Trümmerfeldern in einem durchgängig düsteren, mit nur wenigen Lichtungen versehenen Parcours.

„Wie jetzt? Dat Unheimliche von unter Tage über Tage?“

So irgendwie ja. Aber dann auch wieder nicht. Was Bochum so spannend macht, liegt in der Mitte zwischen etwas und etwas anderem.

„Kassandra ich hör Dir trapsen…., was denn nu ist dran an der tiefen Erinnerung?“

Jaja, nicht so schnell, ich komm` gleich drauf. Für „Kunst & Kohle“ war Andreas Golinski als Sammler unterwegs, hat „persönliche sowie kollektive Reaktionen und Rituale von Bergleuten und ihren Familien im Ruhrgebiet recherchiert. Er befragte ehemals mit dem Bergbau verbundene Bewohner des Ruhrgebiets nach ihren subjektiven Erinnerungen, Ängsten, Enttäuschungen, Hoffnungen (…)  Diese Forschungsergebnisse transformiert er zu Objekten und Installationen und stellt sie in einen assoziativen Dialog mit Arbeiten von Künstlern wie Giovanni Battista Piranesi, Kasimir Malewitsch, Pierre Soulages, Josef Sudek, Walter Pichler, Alexander Bridsky oder Vito Acconci“ kann man es auf www.metropole.ruhr nachlesen.

Dass dieses Verdichten, Subjektivieren, Verbildlichen keine 1:1-Illustration der Arbeit unter Tage ist, liegt auf der Hand. Tendenziell geht`s um Brechungen, Risse, Hohlräume, Schäden, um Enge, Angst und bedrohliche Situationen. Keine kleinen Dosen Staunen, sondern wuchtiger Affront ist das. Weit weg von Edel-Ästhetik. Dafür aber nah dran an Kunst, die sich dem Ort einschreibt. Markant. Heftig. Hart. Das bleibt im Kopf. 

„Und das bedeutet jetzt genau was?“

Zunächst mal das: Der Forscherkünstler hat eine Zwei-Part-Ausstellung auf den zwei großen Etagen des Bochumer Hauses mit durchschlagender Raum- und Atmosphären-Veränderung inszeniert. Nichts ist mehr, wie es war. Das Motto ist von symbolischer Gravität. Du wirst staunen.

Kunstmuseum Bochum 2 Dafür hat Andreas Golinski umgebaut. Tunnelsysteme, Raumzellen hat er implantiert. Aus hellen Räumen wurden dunkle Gänge. Schachtgefühl. Eine Bodenklappe im Eck schafft imaginären Zutritt. In die Tiefe, nach unter Tage oder in die Unterwelt. Das Spiel mit Bergbau, Mythos und Publikumsvorstellungen ist im Golinski-Kosmos regelkonform. Dekontextualisierung ist ein oberstes Gebot. Den Radierungen-Zyklus „Carceri“ (Gefängnisse) von Giovanni Battista Piranesi aus der Mitte des 18. Jahrhunderts hängte der Künstler an die Wand. Eine Art Gefängniszelle – betretbar – stellte er, Kunstgeschichte interpretierend, in den Raum. Anderes, die Kasimir Malewitsch-Zeichnungen etwa aus dem Bochumer Sammlungsbestand, wurden zur Präsentation in die Horizontale verlegt: Überblick statt Ansicht. Auch das ist doppelt bedeutsam.

Die Frage dahinter: Wie geht man mit geprägtem Raum um? Es istdie Herausforderung fürs Post-Kohle-Zeitalter.

„Ja, und wohl vor allem auch fürs Publikum. Kunst als Denk-Sportaufgabe.“

Eindeutig ´Jein`. Tatsächlich ist nichts in Bochum windschnittig erzählt. Hirnzellen bringt das auf Trab. Übrigens scheut der Künstler es keineswegs, die Soziologie als künstlerisches Mittel einzusetzen. Auf WDR 3 im „Mosaik“ skizzierte er im Interview mit Thomas Frank das Fundament seiner Kunst: „Ich glaube, im Moment ist Soziologie das Wichtigste, was unsere Gesellschaft vielleicht benötigt. Dieser Riss, der sich durch die Ausstellung zieht, der ist symbolisch. Auf der einen Seite steht er für Bergbauschäden, die man an Rissen in Wänden und Häusern sieht. Auf der anderen Seite ist es ein Riss, der durch die Gesellschaft geht.“ Gut wär`s zukünftig diesen Riss zu zerreißen.

Aber geh jetzt erst mal in die erste Etage. Da findest Du, was Du bislang zu vermissen scheinst: Zum philosohischen Reflexions-Guck unten kommt Feeling-Appeal oben dazu. Klaustrophobische Empfindungen nicht ausgeschlossen. So meterhoch, so industriell eingepfercht, so schmal ist die Flucht, die Flucht nicht zulässt. Einmal im Schacht aus zweihundert verbauten Metallplatten unterwegs, drängt Dich der Weg hinter Dir nach vorn. Zurück ist keine Option. Und nach vorn gelaufen, erwartet dich ein Trümmerfeld.  

Irgendjemand hat das ein „expressives Denkmal“ genannt.  Es könnte unter Tage über Tage heißen, ist hochpräsent. Zukunft  offen.

Unter Tage über Tage