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21. April 2016 - von Claudia Posca

Und sie hängt doch am seidenen Faden!

Oberhausen

Von wegen: Nur eine Kunstausstellung ist eine Kunstausstellung! Frei nach dem geflügelten Wort der verehrten Gertrude Stein: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“. Wie, bitte schön, sollen denn Ausstellungen beschrieben werden, die keine Kunstausstellungen, aber selbst doch schönste Kunst sind? Weil das Wie-wie-wo-was wie in Szene gesetzt wurde, einfach sitzt. Dazu das folgende Erlebnis.

In diesem Fall sitzt nicht nur alles perfekt, sondern es hängt. Und zwar am nahezu seidenen Faden. Weil der sich so gut wie unsichtbar gibt. Recht betrachtet aber spinnt er robuste Seilschaften. Kunst hängt dran am Haken. Und schwebt. Im dunklen Off, zaubrisch schön, wie eine Seifenblase, schillernd, sphärisch, kostbar.

Die Riesen-Murmel besteht aus vierundvierzig Riesen-Weiß-Tuch-Stoff-Bahnen, vernäht und aufgepumpt zu einem zwanzig Meter Durchmesser großen Ballon-Riesen. Darauf projiziert: die schönsten Blaus, ein Wolken-Weiß, Erdfarben und Grüntöne marmoriert, das Ganze ganz langsam rotierend, mit Licht-Blink-Pünktchen in tiefer Dunkelheit drauf.

Erraten?

Was Wunder, das Wunder ist unsere Erde, atemberaubend geguckt aus weiter Weltraum-Perspektive. Ein magischer Knicker, zum Greifen nah im Pocket-Format!

Tatsächlich drehen allerdings tut sich die Kunstlichtkugel nicht. Die filmischen Satellit-Aufnahmen illusionieren die Schein-Rotation. Ein Kunstwerk ist halt ein Kunstwerk ist ein Kunstwerk ist ein Kunstwerk. Und dieses ist ein großartiges! Mit Tag und Nacht und Jahreszeitenwechseln noch dazu.

In Wirklichkeit wohl würde man den Globus niemals so rund sehen, weil unsereins ja Erdmännchen ist. Kunst aus dem All beäugen? Gucken, warum das Runde die vollkommenste aller Formen ist? Ist leider nur Astro- und Kosmonaut vergönnt. Doch einmal im Leben Mutter Erde abzustreicheln, und sei‘s auch nur mit Augenblicken, wär‘ ganz schön schön. Was sag‘ ich? Es wär‘ grandios!

Ja, es ist wahr, ich war unterwegs in kosmischen Dimensionen, ohne Shuttle, ohne Sternenstaub. Mitten im Ruhrgebiet! Was übrigens noch bis zum 30. Dezember möglich ist. Nur Scheu vorm Öffentlich-Liegen unter Kunst darf man nicht haben.

Richtig gelesen! In dieser Ausstellung soll man sich betten. Es darf gekuschelt werden! Auf soften Knautsch-Komfort-Kissen im Schummerlicht bei Sphären-Klang. Pop-Idol Brian Eno hat komponiert, auf dass uns der Sinn fürs Ambiente und die Augen fürs Große aufgehen.

Unser Blauer Planet nämlich hängt unterm Dach in Oberhausen, eine XXL-Multi-Media-Installation im einhundert Meter hohen Luftraum des Gasometers: eine überdimensional große Ballon-Plastik mit Film und Sound, viel Wissenschaft steckt drin. Kurator Peter Pachnike hat mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zusammengearbeitet, das beteiligte Team des Earth Observation Center in Oberpfaffenhofen erstellte die Animation. Auf der künstlichen Weltkugel hat sie eine Auflösung von 58 Millionen Pixeln, „was etwa dem Siebenfachen eines digitalen Kinos entspricht. Inklusive Vorarbeiten wurden eineinhalb Millionen Bilder erzeugt, mehr als 100 Tage waren die Rechner dafür im Einsatz“ listet die Werkbeschreibung auf. Wenn das keine Kunst ist - eine Alma Mater en Miniatur, aber riesengroß. Wunderbar! Und unbedingt aus der Horizontale zu genießen, die Softkissen sind  gratis.

Beheimatet ist das Weltwunder nicht, wie der Mond in Wanne-Eickel, in einem Palast, der keiner ist, auch wenn er „Mondpalast“ heißt. Sondern in einer Kathedrale der Industrie, die sich so ausnimmt, weil ihre Dimensionen himmlisch sind. Weshalb man das Bauwerk auch eine Landmarke nennt, einen der bedeutendsten „Ankerpunkte“ auf der Route der Industriekultur, sogar auf der der europäischen, unmittelbar gelegen am Rhein-Herne-Kanal, das Herz der „Neuen Mitte“ in Oberhausen.

Die Welt spricht von der höchsten Ausstellungshalle Europas. Bis 1988 war der Gasometer in Betrieb. Und ich liege mitten drin und staune, was Erdmännchen so schaffen.

Ein paar Fakten: 117 Meter hoch und 87 Meter rund im Durchmesser ist das enorme Industrie-Denkmal, einst wurde es zwischen 1927 und ´29 als Scheibengasbehälter gebaut. Für 16 Millionen Mark schließlich hat man das Monument 1993/94 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA) umgebaut - Ausstellungsabsichten siegten. 15 Event-Schaus hat es bis dato gegeben, Christo, der auch schon mal den Berliner Reichstag verhüllt hat, zeigte Spektakuläres: 1999 zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude 13.000 gestapelte Ölfässer: „The Wall“, 390.000 Besucher kamen. 2013 steckte Christo sein sagenhaftes „Big Air Package“ in den Gasometer, 440.000 sahen sich die kolossale Indoor-Installation an. Die „Sternstunden - Wunder des Sonnensystems“, eine Ausstellung 2009/2010, zog gar gigantische Fast- eine-Million Besucher an. Und die „Wunder der Natur“ brechen schon jetzt Rekorde: Innerhalb des ersten Monats nach Eröffnung kamen bereits 100.000 Besucher zum Weltgucken.

Nur gut, dass nichts draus wurde aus einstigem Plan, den Gasometer in eine überdimensionale Coca-Cola-Dose zu verwandeln, weil damals die entsprechende Gesellschaft in Essen ansässig war. Man stelle es sich vor: Ausstellungen wie „Wunder der Natur“ hätte es nie gegeben!

Damit will ich sagen: Einmal im Leben muss man am, im und auf dem Gasometer Oberhausen gewesen sein! Und wenn schon nicht für die Kunst der superlativen Eye-Catcher-Ausstellungen, dann doch für den stupenden Panorama-Rundumblick über den Kohlenpott aus schwindelerregender Höhe mit Wind in den Haaren und Glanz in den Augen. Oder auch für eine famose Innenraum-Fahrt mit dem gläsernen Aufzug hoch über die zig Zehnmeter-Etappen bis unters Dach. Hier oben schrumpft selbst Welt-Kunst klein - erscheint kostbar funkelnd und noch viel mehr verletzlich. Wer noch will sich da groß wähnen?  

Für die Umgestaltung des Gasometers wurde einst die enorme Gasdruckscheibe, 1200 Tonnen schwer und zur Bewahrung eines konstanten Drucks beweglich auf dem Gas schwimmend, auf einer Höhe von 4,20 am Zylindermantel fixiert. So entstanden die heutigen Ausstellungsebenen, stabilisiert durch Zwischenstützen. Wo sich jetzt aktuell, sozusagen zu Füßen der Welt, die weltbekanntesten Naturfotografen mit den Wundern der Natur vor Mutter Erde verneigen: Wunderliche Riesen-Fotos und beeindruckende Filme vom Fressen und Gefressen-Werden, von Geburt und Sterben und Leben und Überleben zaubern großes Kino ganz nah dran: Gut aufpassen, dass einem das Chamäleon-Auge nicht zu sehr auf den Pelz rückt! Manch Erdmännchen bekam das Gruseln.

Und träumte sich weg in den Orbit, Wolke sieben, extra-terristisches Belvedere: Von wo aus nach unten geguckt, Menschen wuseln, die Erde aber stetig ist und nicht vergisst, was Menschen so wuseln.

Deshalb und darum: Ich bleib‘ dabei, die Welt, sie hängt doch am seidenen Faden!

Und sie hängt doch am seidenen Faden!