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18. Mai 2017 - von Claudia Posca

Unausweichlich

Ruhrgebiet

Das geht jeden an. Es gibt einen Tod nach dem Leben. Was sicherer ist als das Amen in der Kirche. Jaja, auch auf dem Kunstparkett im Revier geht es ums Eingemachte. Wonnen und Leid sollen, können, dürfen, müssen ausbuchstabiert werden. Von jeher war für die Kunst- und Kulturgeschichte klar: Das Ende aller Tage gehört ins Bild. Auch wenn derzeit so schön die Sonne scheint. Das Memento mori (lat. ´Gedenke zu sterben`) hat Tradition. Nur im wirklichen Leben ist das allzu Irdische ein Tabu.

Wie aber geht man mit dem Aufruf um, vor laufender Kamera den Satz zu sagen: Ich werde sterben. Im Rahmen einer Video-Aktion, begleitend zu einer Ausstellung in der Duisburger Cubus-Kunsthalle, Nähe Lehmbruck-Museum, die sich dem Erdmöbel widmet, sprich Särge als Installationen präsentiert? „Wir alle sind aus Sternenstaub“ oder „das jenseitige Tal“ heißen die Objekte. Der sie gemacht hat, heißt Gerhard Rossmann.

Davon aber wollen Sie jetzt gerade nichts wissen? Soll doch der Mann seine Passanten-Befragung ohne Sie durchziehen. Und seine „Sieben Särge“ kann sich ja jeder, der´s will, noch bis zum 4. Juni gern angucken.  Oder auf der informativen Internetseite unter ´www.siebensaerge.de` surfen. Hauptsache man verschont Sie persönlich mit Sepulkralkultur. Schließlich gibt`s dafür ja auch Museen. In Kassel etwa. Zur Erforschung von Trauer- und Begräbniskultur.

Obwohl - : Interessant ist es schon, zu erfahren, dass die Zahl sieben eine besondere Bedeutung hat: „Gibt es nicht die sieben Tugenden, sieben Laster, sieben Sakramente oder das Siebeneck als häufige Grabkapellenform? Und sollen nicht Muslime sieben Mal die Kaaba in Mekka umschreiten?“

Nutzt alles nichts, sagen Sie? Das Thema ist unterirdisch? Stimmt.  

Freunden übrigens ging es ähnlich: „Das muss ich nicht haben - offene Särge, seriengefertigt aus Fichte, mit Modelleisenbahnlandschaft drin. Oder mit einer Original-Flugschreiber-Black-Box. Oder diese Installation mit den nostalgischen Haushaltswaagen. Die Staubmenge in den Wiegeschalen soll dem Gewicht der Asche einer Kremierung entsprechen. Also, mich reizt das nicht. Da kann die WDR-Lokalzeit ruhig noch so viel im Fernsehen drüber berichten“. Wir waren uns einig, die sieben Särge hinter den sieben Bergen zu belassen.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Dachte ich.

Aber wie das so ist, mit unausweichlichen Dingen. Sie laufen einem nach. Die verflixte Duisburger Unternehmung -, ich kriegte sie nicht aus dem Hirn. Eine Melange aus Betroffenheit und Neugier ging um.

Dazu noch ein prekäres Gefühl: Pietätlos? Makaber? Engagierte Kunst? Schräge Kunst? Können Särge plakativ sein?

Von Haus aus ist der 1951 in Nürnberg geborene Gerhard Rossmann gelernter Industrie-Designer. Studiert hat er an der Bergischen Universität Wuppertal, war zwischen 1983 und 1997 Geschäftsführer der Wupper Nachrichten. Und: „Heinz“, das Kultur-Szene-Magazin fürs Revier, Auflage 110.000, hat er 1991 aus der Taufe gehoben, bis 2014 als „Heinz“-Herausgeber fungiert.  Seine „Sieben Särge“ wurden 2015 in der  Wuppertaler Schwarzbach-Galerie gezeigt.

Ob ich vielleicht doch?

Es tun? Es nicht tun? Es doch  tun? Es lieber nicht tun? Es jetzt erst recht tun, - bei all dem Hin- und Her war doch ganz klar: die Gelegenheit, es überhaupt tun zu können, und zwar im Kontext einer Public Art-Aktion, würde so schnell nicht wieder kommen.

Also, sei`s drum. Das goldene Skelett im offenen Sarg, - eine ästhetisch ziemlich unvermittelte Angelegenheit, die Pop Art hätte Freude dran -, werd` ich schon überleben.

Wie also fühlt sich das Sagen des Satzes aller Sätze an?

Von selbst wär ich nicht aufs Extrem gekommen. Sie etwa? Es kostet Überwindung. Ehrlich.

Zudem: Bis Tag X wuchs die Befürchtung, das Schicksal herauszufordern. Aber warum eigentlich? Ob selbst im  gegenwartskompatiblen Denken noch ein Rest Magie-Glaube nistet?

Dabei geht es doch um ein inszeniertes Projekt. Was soll schon passieren? Ich und der Passant als Teil eines konzeptuellen Programms.

Wenn man es so sieht, schön distanziert von der Warte einer Meta-Ebene aus, lebt sich`s erheblich leichter mit dem Satz ´Ich werde sterben` -, kreierte ich eine Beruhigungsformel. Frei nach dem Motto: das Videoprojekt ist ein Videoprojekt ist ein Videoprojekt.  Mehr nicht. Basta.

Die nächste Hürde, das Unausweichliche auszusprechen, das so irre viel mit einem selbst zu tun hat?

Nur zu. Probieren Sie`s mal vor dem Spiegel aus: ´Ich werde sterben.` Ein komisches Gefühl. Viel hängt davon ab, wie man den Aus-Vorbei-Ende-Satz betont.

In der Cubus-Kunsthalle läuft ein Film, der Frauen und Männer vor neutralem Hintergrund besagten Spruch aufsagen lässt. Ohne Regieanweisung im Vorfeld, frei, wie jeder es mag. Manche sprechen den Satz ernst aus. Andere gehen bestimmt mit ihm um. Wieder andere sagen ihn trotzig, beklemmt, aggressiv, lächelnd, bestürzt, traurig, ergeben. Der zum Ende der Ausstellung fertig gestellte Film der neuen Aktion soll auf YouTube laufen.

„Stellen Sie sich bitte dort hinter die Markierung.“ Das Mikrofon hatte man mir schon ans Revers gesteckt. „Bitte noch ein wenig nach links drehen. Und in Richtung Kamera schauen.“ Ein Kopfnicken, jetzt war es soweit. „Ich werde sterben.“ Gut, dass an diesem Tag die Sonne lachte, die Vögel sangen, der Wind die Wipfel bewegte, einige Parkbesucher interessiert, andere belustigt, einige peinlich berührt rüber guckten.

Natürlich habe ich meine Betroffenheit in aller Öffentlichkeit bedeckt gehalten. So eben daher gesagt ist der Satz wirklich nicht. Obwohl ich ihn zig Mal geprobt hatte, mir überlegt habe, wie ich die verdammt einzige, sichere Tatsache meines Lebens in Worte packen würde.

Ich glaube, ich habe es dann so getan, als müsste ich mich selbst vom Unausweichlichen überzeugen.

Unausweichlich