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9. November 2017 - von Claudia Posca

Sprachlos

So kann einen die Wirklichkeit einholen. Vor zwei Tagen noch hatte ich einen anderen Blog geschrieben. Der aber wäre einer Lüge aufgesessen, wie sich am gestrigen Mittwoch durch veröffentlichte Recherchen herausstellte.

Worum geht es?

Es geht um die vorgetäuschte Holocaust-Biografie einer Künstlerin. Auch eine am vergangenen Sonntag noch besuchte Führung in der betreffenden Ausstellung hatte lediglich auf „kleine Holprigkeiten in der Biografie“ hingewiesen.

Die Geschichte dazu: Ich hatte die Ausstellung der Malerin Rosemarie Koczÿ besucht. Noch bis zum 19. November ist die Schau der 1939 in Recklinghausen geborenen, 2007 in den USA verstorbenen, Künstlerin in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Die hat eine 200 Werke umfassende Nachlass-Schenkung „an die Heimatstadt der Künstlerin“ zum Anlass der Präsentation genommen.

Die Geschichte dazu: Ich hatte die Ausstellung der Malerin Rosemarie Koczÿ besucht. Noch bis zum 19. November ist die Schau der 1939 in Recklinghausen geborenen, 2007 in den USA verstorbenen, Künstlerin in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Bilder auf Papier und Leinwand, einige Holzarbeiten sind das. Darauf zu sehen: ausgemergelte Menschen, Menschen mit toten Augen, mit Totenschädeln - versiert abstrahiert dargestellt, getuscht, gezeichnet, in Holz gehauen. Manches erinnert an A.R. Penck, anderes an kubistische, auch expressionistische Bildstrategien, vieles an Art brût oder an archaische Volkskunst. Die feinnervig kunstvoll schraffierten, feinst ziselierten Tuschezeichnungen könnten Grafiken sein, sind höchste Zeichenkunst. In zahlreichen  Ausstellungen in Deutschland, in der Schweiz, in den USA, in Japan und Israel wurden sie gezeigt. Arbeiten von Rosemarie Koczÿ befinden sich in der Sammlung des Solomon R. Guggenheim Museums in New York, in der Peggy Guggenheim Collection in Venedig oder in der Collection de l` art Brût in Lausanne. Daneben sind ihre Werke in den Gedenkstätten Buchenwald und Yad Vashem, Jerusalem vertreten.

Und dann das: eine von der Künstlerin selbst manipulierte Biografie. Wie damit umgehen? Wie gehen Holocaust-Überlebende damit um? Kann, darf, sollte man ihr künstlerisches Werk dennoch, und trotz gefälschter Biografie, gelten lassen?

Für einen Moment herrscht Schock-Starre. Es ist eine ungeheuerliche Nachricht.

Wer ist diese Künstlerin, die ich bis dato nicht kannte, die so etwas tut? Und die bis dato im Zusammenhang sogenannter „Opferkunst“ bzw. von „Kunst aus dem Holocaust“ diskutiert wurde? Ihrer Biografie wegen. Die aber ist ein Fake.

Jüngste Recherchen der Stadt und der Kunsthalle Recklinghausen haben ergeben: „Wir haben anhand von Standesamtsregistern und Einwohnermeldekarteien einhellig den Befund erzielen können, dass ihre gesamte Familie, Eltern, Großeltern väterlicher und mütterlicherseits römisch-katholisch waren, dass Rosemarie Koczÿ selbst und aber auch ihre Familie nicht jüdisch waren“, so Recklinghausens Stadtarchivar Matthias Kordes.

Rosemarie Koczÿ allerdings hatte sich eine eigene Biografie geschrieben. Nach ihren Angaben ist sie im Alter von drei Jahren von ihrer Familie getrennt worden Die Geschichte dazu: Ich hatte die Ausstellung der Malerin Rosemarie Koczÿ besucht. Noch bis zum 19. November ist die Schau der 1939 in Recklinghausen geborenen, 2007 in den USA verstorbenen, Künstlerin in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. und als Kind jüdischer Eltern ins Konzentrationslager Traunstein, einer Außenstelle des KZ Dachau, deportiert worden. Dank der Hilfe von Mitgefangenen habe sie überlebt.

Fakt wohl ist, dass sie eine schwierige Kindheit erlebt hat. Und dass sie in einem katholischen Waisenhaus nahe Münster aufwuchs, bevor sie 1959 in die Schweiz ging, an der École des Arts Décoratifs in Genf studierte. In der Folgezeit arbeitete sie an zum Teil großformatigen Tapisserien, die die amerikanische Kunstmäzenin Peggy Guggenheim überzeugten. Ein Wandbehang für den Palazzo Venier dei Leonie in Venedig, die heutige Peggy Guggenheim Collection, wurde beauftragt. Zudem machte Peggy Guggenheim die Recklinghäuser Künstlerin mit Thomas Messer, dem Chef des New Yorker Salomon R. Guggenheim Museums bekannt. Rosemarie Koczÿ geht nach New York. Mitte der 1970er Jahre wandte sie sich dem Thema der Shoa und des Holocaust zu. Es entstehen 12.000 Werke, viele rückseitig mit dem Text versehen: „Ich webe euch ein Leichentuch“. Damit will Rosemarie Koczÿ der Opfer gedenken. 1999 schreibt sie: „Ich sah, wie Bulldozer sie packten und in einen Graben oder ein Loch warfen und wie man sie mit Kalk bedeckte. Das Leichentuch ist das Strichgewebe, das jede meiner Gestalten umgibt, um sie in Würde zu beerdigen.“

Wie damit umgehen, wenn man weiß, dass das erfunden ist.

Stimmt es? Stimmt es nicht? Ist das Erzählte vielleicht doch erlebt? Oder waren es Filme, Fotos, die sie gesehen hat? Wollte sie sich für ihr künstlerisches Überleben eine aufmerksamkeitsheischende Geschichte konstruieren? Verschwammen in ihrer Wahrnehmung letztlich Historie und Konstruktion zur Identität?

Ich versuche zu verstehen. Zwischen Sprachlosigkeit und Unverständnis bleibe ich stecken. Was überhaupt kann man noch glauben?

Die Geschichte dazu: Ich hatte die Ausstellung der Malerin Rosemarie Koczÿ besucht. Noch bis zum 19. November ist die Schau der 1939 in Recklinghausen geborenen, 2007 in den USA verstorbenen, Künstlerin in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Andererseits: Welchen Grund hatte Rosemarie Koczÿ ihre Biografie zu fälschen? Erfand sie ihre jüdische Biografie aus Empathie? Wollte sie ihre schwierige Kindheit verarbeiten? Litt sie an einer Persönlichkeitsstörung, die sich zwanghaft eine Identität erfinden musste? Und warum musste es dann ausgerechnet eine jüdische sein? Krankte Rosemarie Koczÿ an mangelnder Beachtung? Kreierte sie sich die Lebenslüge aus persönlicher Eitelkeit? Wollte sie über das Thema „Kunst und Holocaust“ Ruhm in der Kunst erlangen?

Schlimm ist: Selbst wenn ihr Tun im Ursprung empathischer Natur ist und in der Absicht initiiert wurde, der Opfer durch Kunst gedenken zu wollen, geht es nach hinten los, sät Misstrauen, stellt Glaubwürdigkeit zur Disposition. Da kann der Schwindel ruhig „Projektion einer Identität“ heißen, unter der die gestrige Podiumsdiskussion in der Kunsthalle Recklinghausen stand.

Es bleibt ein dicker Kloß im Hals. 

Sprachlos