gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

5. Mai 2016 - von Claudia Posca

Spätes Treffen mit Tisa und Heinrich

Ruhrgebiet

Eigentlich redet man darüber nicht. Aber es gibt sie nun mal: Versäumnisse. Ich habe auch eins zu beklagen. Was damit zusammen hängt, dass ich vor zwei Jahrzehnten noch nicht wusste, was ich heute weiß. Und was ich, hätte ich es damals schon gewusst, vermutlich genauer hätte wissen wollen. Enigmatische Worte? Vielleicht. Sie kamen mir in den Sinn als ich unterwegs auf kulturhistorischen Pfaden, Tisa und Heinrich auf dem Katholischen Friedhof in Bochum-Linden besuchte.

Aber der Reihe nach: Mein Versäumnis hängt mit Tisa zusammen. Denn sehr bedauere ich, dass ich dieser außergewöhnlichen Frau - Bildhauerin, Widerstandskämpferin, Schriftstellerin und Generalstochter, Schwester des 1944 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg - nie begegnet bin. Obwohl mein damaliger Chef hier und da von dieser besonderen Ruhrgebietskünstlerin erzählt hat, die 1950 ins Dorstener Ursulinen-Kloster ging, zur Ordensschwester „Paula“ wurde, in die Schächte des Ruhrgebiets einfuhr, gleichzeitig Künstlerin blieb, um als Kunstlehrerin an den von den Ursulinen geleiteten Schulen zu unterrichten. Ich aber bin nicht drauf angesprungen, habe keinen Feuilleton-Artikel geschrieben: über Elisabeth (Tisa) Karoline Mary Margarete Gräfin von der Schulenburg, 1903 in Tressow (Mecklenburg-Vorpommern) geboren, 2001 in Dorsten 97jährig gestorben.

Dabei hätte ich einfach nur zum Telefon greifen brauchen, um mich mit einer bewundernswert starken und weit über das Ruhrgebiet hinaus bedeutsamen Frau, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Band, treffen zu können. Ja, ich hätte es besser wissen müssen. Denn diese außergewöhnliche Frau war enorm sozial engagiert, war Bildhauerin in der Tradition von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach, zeichnete meisterlich in Graphit und Kohle, machte sich vor allem im Bereich von Bronze- und Aluminiumguss für ihre Reliefarbeiten einen Namen. In ihrer autobiografischen Schrift „Meine dunklen Brüder - Als Bildhauerin unter Bergarbeitern“ notiert sie: „Bei den langen Wanderungen durch die Strecken versuchte ich, die Schwärze zu ergründen: war sie rot, grün, blau? Konnte ich nicht Farbe in die Zeichnungen bringen? Es gelang nicht. Alles war schwarz und grau.“

Tisa von der Schulenburg wusste, wovon sie sprach. Das Elend der Bergleute ging ihr nahe. „Schmale Gesichter, elende Gesichter. Waren sie in Durham von Hunger und Arbeitslosigkeit gezeichnet, so waren es nun die Entbehrungen des Krieges und der Nachkriegszeit, die bei jung und alt sichtbar waren. Das Durchschnittsgewicht der Belegschaft auf der Zeche betrug zu der Zeit 59 Kilo. 40% waren silikoseverdächtig. Ich sah damals keinen, der behaglich, rund und gemütlich war.“

Mitte der 1930er Jahre fuhr Tisa von der Schulenburg als erste Frau und Künstlerin in einen Streb untertage ein, kam 1947 nach Emigrationsjahren in Großbritannien ins Ruhrgebiet, arbeitete als freie Korrespondentin für die „Welt“, wohnte auf der Kruppzeche Hannover-Hannibal in Bochum-Hordel, fuhr weiterhin auf vielen benachbarten Zechen ein, um nah dran zu sein, worüber sie schrieb und zeichnete. Und solidarisierte sich 1997 mit den Bergleuten in Dorsten, als dort die Schließung der Zeche „Fürst Leopold“ drohte. Da war diese Frau 93 (!) Jahre alt und nahm als Ordensschwester an der Mahnwache teil!  Viele nannten sie seit langem schon - und 1997 auch der damalige Ministerpräsident Johannes Rau - „die heilige Barbara des Reviers“. In Anspielung auf die Schutzpatronin der Bergleute. Und ich habe es versäumt, sie kennen zu lernen. Nur ihre auf Kupferplatten geätzten Graphiken, jeweils eine für jede Kreuzwegstation für den 1995 eröffneten Haldenkreuzweg auf der Bergehalde Prosper-Haniel, die waren mir ein Begriff.

Tisa von der Schulenburg persönlich aber nicht getroffen zu haben, bedeutet ein echtes Versäumnis. Futsch für immer, die Gelegenheit, eine einzigartige Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts befragen zu können - zur Historie, zur Situation des Reviers vor und nach dem Krieg, zu ihren Ängsten, Gefühlen, ihrer Empathie für Bergmann und Arbeiter, zur Rolle der Kunst in jenen Jahren. Denn Tisa von der Schulenburg, aus betuchter Mecklenburgischer Adelsfamilie stammend, Berliner Kunstakademie-Studentin in den 1930er Jahren, war bekannt mit Henry Moore, Bert Brecht, den beiden Zweigs, Heinrich und Thomas Mann, Carl Zuckmayer. Und hatte außerdem Kontakt zu Paul Levi, Max Pechstein, George Grosz und  Albert Einstein. Der bekannte Kunstsammler und Kritiker Albert Schulze-Vellinghausen sah die Größe ihrer Blätter „in ihrer Unverdaulichkeit. Sie sind die Verbildlichung dessen, was Menschen dem Menschen antun können…Sie sind Illustrationen der Unduldsamkeit und Gewalttätigkeit, weltliche Gleichnisse biblischen Martyriums.“

Was hätte ich Tisa von der Schulenburg alles fragen können.

Schön, dass einiges davon in dem Recklinghäuser Ausstellungsprojekt 2012 - eine Kooperation zwischen der Kunsthalle Recklinghausen, der Volkshochschule und dem Institut für Stadtgeschichte - unter dem Titel „Tisa von der Schulenburg - Kunst und Engagement“ angetippt wurde. Am 1. Oktober 2012 wurden „buchstäblich im Stundentakt drei Ausstellungen eröffnet und Bernd Tönjes, Vorstandsvorsitzender der RAG Aktiengesellschaft, präsentierte als Vorsitzender des Kuratoriums der Tisa von der Schulenburg-Stiftung gemeinsam mit dem Stiftungsvorsitzenden, Bürgermeister Lambert Lütkenhorst, das neue Buch.“ Jetzt steht die Ausstellungsdokumentation „Aus dem Dunkel ins Licht“ zu Leben, Kunst und Wirken der Tisa von der Schulenburg bei mir zu Hause und hat einen Ehrenplatz.

Eins aber frage ich mich bis heute: Ob Tisa von der Schulenburg, als sie 1989 die Ehrengrabplatte für den aus Burgaltendorf an der Ruhr stammenden Bergmann und Arbeiterdichter Heinrich Wilhelm Kämpchen gestaltet hat, der 1912 auf dem Bochum-Lindener Katholischen Friedhof beerdigt worden war, ob sie diesen zu Lebzeiten auch so gern kennengelernt hätte, wie ich sie?

Schließlich war Heinrich Wilhelm Kämpchen „einer der talentiertesten sozialistischen Dichter seiner Zeit“, schrieb ab 1890 Woche für Woche ein Gedicht für die „Deutsche Bergarbeiter-Zeitung“, protestierte gegen Hungerlöhne, warb für Solidarität unter den Bergarbeitern, war Streikführer und 24 Jahre lang Hauer auf Hasenwinkel in Bochum-Linden. Hunderte Menschen sollen sich bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof gedrängt haben. Seine Gedichte wider Ausbeutung und Verelendung, die Verssammlungen „Aus Schacht und Hütte, „Neue Lieder“, „Was die Ruhr mir sang“ krochen ins Herz. Auch weil Heinrich Kämpchen einer „von unten“ war. Als er auf Hasenwinkel einen Streik organisierte, landete er auf der „Schwarzen Liste“, wurde gekündigt. Ein Knappschaftsarzt schrieb Heinrich Kämpchen krank. Bis zu seinem Tod lebte er von einer Mini-Invalidenrente in ärmlichsten Verhältnissen. Heute schmückt eine Ehren-Gedenktafel das Haus, in dem er als Kostgänger wohnte, Dr.-C.-Otto-Str.46 in Bochum-Linden.

So schließt sich der Kreis zwischen Seelenverwandten. Dem ersten echten Arbeiterdichter des Ruhrgebiets hat Tisa von der Schulenburg als erste Künstlerin des Bergbaus ein Denkmal gesetzt.

Und es ist kein Versäumnis, wenn man es besucht.

Spätes Treffen mit Tisa und Heinrich