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2. April 2019 - von Claudia Posca

So ein Tag, der Tag der Druckkunst

Ruhrgebiet

Seien wir ehrlich: Kein Tag gleicht dem anderen. Seither haben wir den Lauf-um-Dinge-herum-Tag, einen Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag, sogar einen Tag der Jogginghose.

Wussten Sie das? Gehen Sie mal auf www.dertagdes.de. Da werden Sie fündig.

Spleenig? Kurios? Blödsinn? Aber warum nicht den Alltag entformeln? Die Dadaisten von Kurt Schwitters (1887-1948) bis Tristan Tzara (1896-1963) schwärmten genau davon in den 1920er Jahren.

Ich habe es ausprobiert. Und mir einen Gute-Tage-ins-Kröpfchen-die-schlechten-ins-Töpfchen-Tag gegönnt. Mit der Folge, den famosen Tag der Druckkunst entdeckt zu haben, an dem nicht nur ich zum Fan einer Technik wurde, die gemeinhin nicht so wirklich als Original, ja sogar nur mehr als Kunst zweiter Klasse ernst genommen wird. Reproduzierbarkeit frisst Aura ist eine gängige Meinung. Andererseits: Gerade Druckkunst beschert erschwingliche Kunst. Aber einen Rembrandt für 600 Euro? Wo der Meister doch insgesamt nur so um die 290 Radierungen geschaffen hat, wovon 81 Platten erhalten geblieben sind? In der Zeit (Nr. 45) hatte Peter Dittmar 2017 notiert: „Zu Lebzeiten fertigte er selbst verschiedene Versionen einer Radierung an. Angeblich um seine Sammler dazu zu bringen, vom gleichen Motiv mehrere Varianten zu erwerben. Außerdem gibt es eine Fülle von Drucken, die nach seinem Tod entstanden. Darum kursieren heute auf dem Markt teure und billige Blätter. Sein Werk Die drei Bäume war 2013 mit umgerechnet 522.000 Euro die drittteuerste Grafik. Aber im vorigen Jahr wurde es zusammen mit zwei weiteren Landschaftsradierungen in Tel Aviv bereits für 184 Euro verkauft.“ Ich vermute, dass war für den Käufer ein besonderer Tag.

Wo war ich stehen geblieben? Richtig: Wie ich zur Grafik und die Grafik zum Tag der Druckkunst kam, kam so. Zig Einladungen lockten am 15. März zum allerersten Tag der Druckkunst überhaupt. Zu Ausstellungen, Workshops, Kursen, Diskussionen und Vorträgen an mehr als 200 Orten in ganz Deutschland rund um traditionelle künstlerische Drucktechniken von der Lithografie über den Holzschnitt bis zur Radierung. Im Revier hätte ich ins Musische Zentrum (MZ) der Ruhr-Uni Bochum gehen können. Oder nach Essen in die Radierwerkstatt AQUA-TINTA. Oder nach Dinslaken ins Museum Voswinckelshof, nach Gütersloh in die Holzpixel Druckwerkstatt. In der Tat: dieser 15. März 2019 war ein besonderer Tag.

Weil, warum, wieso?

Die Geschichte beginnt 2018, als die Deutsche UNESCO-Kommission die „künstlerischen Drucktechniken des Hochdrucks, Tiefdrucks, Flachdrucks, Buchdrucks und deren Mischformen“ ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufnahmen (www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-deutschland/bundesweites-50). Doch von dort ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, braucht`s Öffentlichkeit. Ein besonderer Tag musste her. Der Tag der Druckkunst ist es geworden. Bundesweit wurden mehr als 250 Veranstaltungen gestemmt. Tenor: überliefertes Wissen und Können anerkennen, zeigen, wie lebendig so ein Immaterielles Kulturerbe ist. Inzwischen stehen schon über 500 Formen des Immateriellen Kulturerbes auf den Internationalen UNESCO-Listen. Neben Genossenschaften in Deutschland, Yoga in Indien oder Rumba aus Kuba zählen ab sofort auch die Drucktechniken dazu.

„Künstler*innen, Druckwerkstätten, Museen, Galerien, Kunstvereine und viele andere tragen so dazu bei, mit einer Vielzahl an Aktivitäten künstlerische Drucktechniken zu bewahren, weiterzuentwickeln und so auf die Bedeutung der Druckkunst für die Kultur in Deutschland aufmerksam zu machen. Ziel ist es, einen „Tag der Druckkunst“ langfristig als festen Termin im kulturpolitischen Kalender zu verankern“, steht`s im Flyer zum Aktionstag nachzulesen.

Was überaus ambitioniert ist, soll doch „die Achtung vor der menschlichen Kreativität“ gefestigt werden. Unverzichtbar ist „die Vermittlung der Drucktechniken an künftige Generationen, um das Verständnis für die Kunst zu wecken.“

Jan Erik Parlow von der Essener Hochschule der bildenden Künste bei der Vorbereitung für die Lithographie Gesagt, getan. Das Immaterielle Kulturerbe als handfest präsentes zu vermitteln, versprüht Esprit. Jetzt lagert eine Self-Made-Radierung bei mir im Schuber, produziert an meinem Ich-habe-mich-getraut-Tag unter Anleitung vom Dozenten für Druckgrafik an der Essener Hochschule der bildenden Künste (HBK), Jan Erik Parlow und seiner Assistentin Ulrike Simons.

Und ich kann Ihnen sagen: Hut` ab vor der Druckgrafik! Das ist eine Kunst, die hat Klasse. Von wegen Massenproduktion. Machen Sie mal eine Lithografie. Sie werden sich wundern, wie kompliziert das ist. Auch wenn Herr Parlow zu beruhigen versuchte: „Alles nur eine Sache von Wasser und Fett.“

Die das von jeher weiß, habe ich am Tag der Druckgrafik kennen gelernt. Herrlich gestanden stand sie vor mir, über ein Jahrhundert alt, aber kein bisschen rostig. Die ehrwürdige Druckerpresse der HBK Essen läuft wie geschmiert, ist Baujahr 1913. Doch was wäre eine Steindruckpresse ohne Stein? Fein geschliffen vom Feinsten liegt die massive Kalksandsteinplatte, schon präpariert, zum Druck bereit. Ich frische mein Wissen auf: Die Lithografie, die im Flachdruckverfahren erstellt wird, wurde von einem Herrn Alois Senefelder Ende des 18. Jahrhunderts erfunden. Im 19. Jahrhundert war der Steindruck das einzige Druckverfahren, das größere Auflagen farbiger Drucksachen ermöglichte.

An diesem 15. März aber bleiben wir zunächst bei schwarzer Tusche. Die auf den feuchten Litho-Stein schon aufgebrachte Zeichnung ist als Bildmotiv fertig. Wieder und wieder wird mit Nass-Schwamm über sie und den Stein gewischt. Dann wird gewalzt. Und wieder gewischt. Bis schließlich feuchtes Druckpapier (für „schön offene Poren“) auf den Druckstein gelegt und unter einer Schutzabdeckung mit 1,5 Tonnen Druck durchgerollt wird. Sagenhaft. Und noch sagenhafter, was schließlich beim Abnehmen des Papiers vom Stein als Hell-Dunkel-Kontrast-Motiv zu Tage tritt. Ein magischer Moment. Und wenn es farbig werden soll? Ist der Ablauf hoch kompliziert. Mal-eben-Gemacht geht anders. Die Lithografie ist von künstlerischer Gravität.

Und die Radierung? Ulrike Simons von der Essener Hochschule der bildenden Künste bei der Vorbereitung für die Radierung

Ulrike Simons lotst mich vom Litho-Stein weg in die andere Hälfte der HBK-Druckwerkstatt. Auch hier steht eine Presse, zuständig fürs Tiefdruckverfahren. Mit einer feinen Nadel kratze ich eine Horizontlinie, Mond und drei Grasbüschel in eine Kunststoff-Trägerplatte. Bloß nicht zu tief, bloß nicht zu zart drücke ich die Details in den Grund. Mein Alles-Geritzt-Tag ist geritzt. Fehlt nur noch das Aufspachteln der zähen, schwarzen Farbpaste – vollflächig, gleichmäßig. Es folgt das Wischen mit einem weichen Gaze-Knäuel. „Aber Achtung: Nicht mit Härte polieren, sonst wird die Farbe aus den Rillen genommen.“ Passgenau schließlich wird die Bildvorlage auf den zur Exakt-Ausrichtung wichtigen, so genannten Spiegel der Presse gelegt, Ritzungen oben, leicht feuchtes Papier drauf gelegt. Wie und wo genau, - schon das ist eine Kunst. Nur mit Schutz-Päppchen wird angefasst. „Der Sauberkeit wegen“. Dann wird die dicke Filzmatte drüber geklappt. Per Handkurbel bewegt, schiebe ich mein Werk unter dem Druck der Presse durch und wieder zurück. Filzmatte hoch. Es folgt ein vorsichtiges Lüpfen des Papiers von der Trägerplatte. - Wow. Auf den Andruck, der ein Probedruck ist, folgt ein zweiter Druck. Der ist farbintensiver. Ein visueller Roadtrip beginnt, Qualitätsprüfung vom Werkstattleiter: „Die Linie hat einen tiefen Kern und einen schattigen Nachbarn.“  Das klingt ganz wunderbar. Was für ein Tag, dieser besondere Tag der Druckkunst.


Bilder: Claudia Posca.

So ein Tag, der Tag der Druckkunst