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7. September 2017 - von Claudia Posca

September-Kunst

Herten

Unverhofft kommt oft. Jedenfalls öfter als man denkt. In diesem Fall kam eine Mail vorletzte Woche, da wurde ich zur Preview einer Kunstaktion in spe ins schöne Wasserschloss Herten eingeladen: „Wenn weiße Bälle durch die Stadt wandern, meterlange Kabel neue Verbindungen schaffen, der Wochenmarkt zum Kunst-Markt wird - und noch viel mehr Merkwürdiges passiert, dann heißt es in Herten „Kunst besetzt Stadt“.

In dem Moment sah ich sie aufmarschieren: Skulpturen, Installationen, Environments. Statt Hausbesetzung Raumbesetzung. Und ganz Herten eine Open-Air-Galerie. Sollte es dazu kommen? Herten ein Little-Münster mit eigenen Skulpturprojekten? Würde man in diesem Rahmen gar das immer wieder von Attacken bedrohte Bronzefohlen der berühmten Renée Sintenis aus dem Hertener Rathaus herausholen und auf den Marktplatz stellen?

 

Ich war gespannt. Vergangenen Montag wurde auf Schloss Herten Tacheles geredet: „Vier Künstlerinnen und Künstler aus Berlin und Herten leben und arbeiten im September gemeinsam in einer Wohngemeinschaft in Herten. Ihr Ziel: eine Stadtbesetzung durch Kunst.“ Eine echte Ansage.

 

Klara Adam, Per Olaf Schmidt, Katrin Wegemann (die einzige Revier-Stämmige unter den Vieren, aber auch in Berlin ansässig) und Markus Zimmermann werden sie umsetzen. Wie genau? Das hängt von der jeweiligen Situation vor Ort ab. Man will sich inspirieren lassen, offen reagieren. Fest steht, es gibt drei feststehende Aktionstage freitags auf dem Marktplatz und ein großes Finale am 29. und 30. September. Die Idee steckt drin, Kunstschaffende als Nicht-Ruhris einzuladen, ihren Blick von außen aufs Innere, auch aufs Innerliche der Stadt Herten zu richten.

 

Das Eisen ist heiß. Kunst-Camps auf der Einkaufsmeile? Für Kunst auf der Straße. Wem gehört die City? Mein Raum, dein Raum, unser Raum?

 

Das Thema treibt viele Städte um. Allerdings denken inzwischen selbst kunstaffine Kommunen eher über ein Entsammeln nach. Nicht, um Public Art, die schon da ist, abzubauen, sondern um zu fragen, wie das zukünftig mit der Kunst auf der Straße weitergehen soll. In Zeiten, wo die Ewigkeitsaufgabe ihrer Pflege und Wartung kaum noch aus dem städtischen Säckel zu stemmen ist.

 

Was also tun? Denn klar ist: Kunst hat Vision, gestaltet Alltag, ist Urbanität. Aus der einst belächelten ´bunten Spielwiese` ist längst ein Seismograph der Attraktivität einer Stadt geworden. Offenheit und Streitkultur? Sind magische Magneten. Sich in Träume verträumen ist ein hohes Gut, fördert Identität und Selbstverortung.

 

Davon wiederum ist der im Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 initiierte bürgerschaftliche Kunstkreis „Stadt.Kunst Herten“ sowieso und überhaupt schon immer überzeugt gewesen. Weshalb er für die künstlerische Stadtbesetzung trommelte. In der Überzeugung, „dass die Kunst im öffentlichen Raum in Herten als Stadt im intensiven Strukturwandel eine besondere Bedeutung hat, da sie einen Beitrag zu einer humaneren und ästhetischeren Lebenswelt leistet“, wie es auf der Internetseite der Initiative heißt.

 

Die bekannte Kunstachse „Burgenland“ zwischen dem Schloss Herten und dem Landschaftspark Hoheward geht übrigens auch auf das Konto der engagierten Bürgerschaft, die regelmäßig „Kunst.Gespräche“ veranstaltet, in diesem Jahr schon auf der documenta in Kassel war, die Skulptur Projekte in Münster besuchte.

 

Jetzt hat der Hertener Kunstkreis erneut Prächtiges gestemmt. Eine Bewerbung beim Kultursekretariat Gütersloh, einem seit 1980 bestehenden Zusammenschluss von zurzeit 71 Städten und Gemeinden Nordrhein-Westfalens, des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe sowie des Landesverbandes Lippe, ging voraus. Denn die hatten das Projekt „Stadtbesetzung“ konzipiert. Jetzt schon zum zweiten Mal.

 

Neben Herten machten in diesem Jahr 14 weitere Städte mit, jede entwickelte ein individuelles Programm. Das Motto für alle: „Das Publikum muss nicht immer zur Kunst kommen. Es geht auch andersherum.“

 

In Herten wird die „Stadtbesetzung II“ noch von ECCE, dem european centre for creative economy, unterstützt. Bedeutet fürs Hertener Budget: keine Kosten.

 

Weshalb man gerne den WG-Raum für die Gast-Künstlerschaft suchte, Organisatorisches hinter den Kulissen erledigte, eine Fahrradtour organisierte: „Erstaunlich, wie viele Gesichter das Ruhrgebiet hat.“ „Recklinghausen, Marl, Bochum, Gelsenkirchen - da ist manchmal nur ein Acker dazwischen“, so die Impressionen der Berliner im Revier.

 

Wird es von ihnen bildgewaltige Signale geben?

 

Wolfgang Seidel, Initiator und Sprecher der ehrenamtlichen „Stadt.Kunst“-Initiative, sieht es so: „Ehe man sich versieht, ist man mitten drin in der Kunst. Ganz anders, als wenn man zur Kunst hingeht.“

 

Heißt?

 

Es geht beim Hertener Stadtraumbesetzen um Momente des Begehrens, um aktive Veränderung, um leise Botschaften, ums „schnick, schnack, schnuck“ und ums „abrollen, hochfliegen, landen“. Die Quadriga der Stadtbesetzer sieht sich nicht in der Rolle des Regie-Zampanos. Diskret sezieren, ein offener Blick fürs Lokale – die Absicht ist: durch Kunst minimale Strukturen schaffen, in denen maximal viel passiert.

 

Also: adé Vernissage, tschüss Finissage, welcome: site-specificity.

 

Die Hertener Taktik im urbanen Raum sieht kurzfristige Interventionen vor. Das Publikum selbst ist Teil der sanften Subversion. Auf keinen Fall werde Stadtmöblierung betrieben.

 

Spannend daran: Gerade das Vorübergehend-Ephemere des Projektes treibt auf der Höhe der Zeit die aktuelle Neudefinition von Kunst im öffentlichen Raum voran: „auf eine spielerische Weise, auf eine überraschende Weise, partizipativ. Und dann ist die Kunst auch schon wieder weg, – bleibt aber in den Köpfen: September-Kunst.

September-Kunst