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1. Dezember 2016 - von Claudia Posca

Seid unartig!

Ruhrgebiet

Artige Kunst, unartige Wahrnehmung. Das Thema ist ernst. Es geht um verlogene Kunst. Es geht um genehme Kunst. Es geht um artige Kunst. Und damit um die Frage: Nazi-Kunst ins Museum?

Wie ich drauf komme? Kurz vor Weihnachten? Gerade jetzt? Wo man doch lieber mit Kerze, Plätzchenduft und Idyll liebäugelt? Statt analytisch zu denken. Eben. Auch das kann Verdrängung sein. Wer aber will schon verdrängen?

Dass ich gerade jetzt willfährige Bilder aufs Tableaux hebe, hat mit einer extrem wichtigen Ausstellung in der Bochumer Situation Kunst (für Max Imdahl) zu tun. Die Schau, die sich was traut, guckt scharf unartig: auf ein uns alle betreffendes Thema in prekären Zeiten wie diesen, wo rechtspopulistische Tendenzen und eine verbrämt-gefällige Ästhetik erstarken.

„Artige Kunst - Kunst und Politik im Nationalsozialismus“ heißt die 3-Stationen-Schau. Nächstes Jahr wird sie in Rostock und Regensburg gezeigt, aktuell ist sie im Bochumer Museum unter Tage (MuT) zu sehen. Sie stellt Fragen, wie die von Karen van den Berg in ihrem Katalogbeitrag „NS-Kunst und das politisch Unbewusste“ formulierte: „Gibt es Bilder, die für liberale Demokratien womöglich eine ernsthafte Gefahr darstellen?“

Die in der Revier-Museumslandschaft weit und breit singuläre Ausstellung haut mächtig ins weihnachtliche Stimmungskontor: „Ach, geh` mir weg mit dem Thema!“ Ich bin mir sicher, das haben Sie und ich nicht nur einmal gehört.

Gerade deshalb setzt der Parcours auf eine Schärfung von Auge und Verstand. Denn wie versteckt „Pose und Indoktrination“, die „ Abrichtung der Volksseele“, die „Historienbilder der eigenen Gegenwart“, die „Entindividualisierung“ und „auratische Überhöhung“ in übel schlecht gemalten, oftmals nostalgisch im Stil des 19. Jahrhunderts daherkommenden, harmlos wirkenden Bildern funktionieren, ist nämlich entgegen landläufiger Meinung nicht immer ohne weiteres auf den ersten Blick zu entschlüsseln. Besonders da, wo es im Bild herzig, familiär oder ländlich zugeht ist Obacht geboten, hat sich doch Arbeit, Scholle und Familie nicht nur gut vermarkten, sondern auch bestens vor den Karren des terroristischen Nazi-Greul-Regimes spannen lassen.

Klar, dass das keine Soft-Kost ist. Statt Kling-Glöckchen, Hummel-Figürchen und Paradiesapfel warten  harte Fakten aus der Historie. Sie zu kennen, ist immens akut in Zeiten erstarkenden Rechtspopulismus.

Ich jedenfalls möchte nicht artig auf artige Kunst reagieren.

Wer die Ausstellung gesehen hat, weiß, warum. Den U-Boot-Seestücken, den nackten Jagdgöttinnen, den Landserbildern und den gestählten Ruderern - allesamt Sparte ´artige Kunst` - sind erschütternde Fotografien von Leichenbergen aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen an die Seite gestellt. Aufklärungsarbeit,  die nicht allein historische Museen zu leisten haben, sondern auch die Kunst- und Kulturwissenschaft.

Die Präsentation nimmt einen in die Verantwortung, macht bewusst, dass die neben offensichtlicher Nazi-Propaganda-Kunst eher betulich erscheinende Landschafts-, Genre- und Idyll-Szenen-Bilder ein durchaus ideologisches Potential haben, tauglich dazu, es politisch funktionalisieren zu können: Artige Kunst = bös-artige Kunst.

Dazu zeigt die verstörende  Ausstellung  das heimtückisch Wohlgefällige in Gegenüberstellung zur verfemten Kunst der Moderne. Um Denkmuster zu durchdringen, um aufzuklären, um Verständnisinstrumentarien durch das vergleichende Sehen zu schärfen. Ein längst überfälliger Vorstoß ist das, dass unliebsame Erbe in der verlogenen Perfidität seiner Bildsprachlichkeit zu entlarven.

Bedeutet: Augen sollen geschult, kluge Augen für Alltag und Leben aktiviert werden. Die Botschaft hat eine humanistische Seele. Ihr Ideal ist die Aufklärung.

Warum aber gerade jetzt?

Oft und immer wieder ist es zu hören: „Das ist doch längst vergangen, diese Zeit! Irgendwann muss doch mal damit Schluss sein.“ „Und überhaupt: Das ist doch gar keine Kunst. Das ist doch nur kitschig, plakativ, hohl, propagandistisch, mit einem Wort: „Unkunst“. „Ja, und dann könnte das Ganze auch nach hinten losgehen. Wenn nämlich die Falschen gucken kommen, wie es einst Nazi-Kunst machte, um für rassistische Gesinnung zu werben. Wozu das auch noch in einer musealen Ausstellung auf den Sockel heben?

Die vielen Fragen spalten, mir liegen sie am Herzen. Viele Museen fassen die Thematik noch immer mit nur spitzen Fingern an.

Weshalb der Bochumer Kunst-Mäzen, Gründer der Situation Kunst und Mit-Initiator der Ausstellung, Alexander von Berswordt-Wallrabe, 1943 in Berlin geboren, Handlungsbedarf sieht. Seine klare Antwort, warum das MuT eine so explizit gesellschaftspolitisch ambitionierte Ausstellung in den Parcours schickt? „Weil sie gemacht werden muss.“

Denn andere machen es nicht. Im ausgesprochen lesenswerten Katalog schreibt Alexander von Berswordt-Wallrabe: „Die Werke der dem damaligen Regime genehmen KünstlerInnen werden bisher häufig totgeschwiegen, jedenfalls überwiegend in Depots regelrecht versteckt gehalten, statt sich kritisch damit zu beschäftigen, obwohl viele deutsche Museen derartige Werke in ihren Beständen haben. Eine Vorgehensweise, welche mehr als sieben Jahrzehnte nach Ende dieser Schreckenszeit wenig sinnvoll erscheint.“

Tatsächlich habe ich noch nie Namen wie Elk Eber oder Herman Otto Hoyer gehört, geschweige denn ihre Ölgemälde „Die letzte Handgranate“ (1937), das „Bauernmahl“ (1935) gesehen. Ehrlich gesagt, habe ich auch angenommen, dass diese Bilder so plakativ, dümmlich, flach, hohl-dreist und deprimierend eindeutig sind, dass sie nichts im Museum verloren haben.

Allerdings: Wenn artige Kunst ins Arsenal gesperrt, versteckt und unsichtbar ist, was dann? Wie soll da kritische Auseinandersetzung stattfinden? Wie kann etwas vermeintlich Artiges als unterschwellig Bös-artiges entlarvt werden, wenn es vor aller Öffentlichkeit versteckt in Depots gesteckt wird? Wo es möglicherweise als tickende Zeitbombe lauert?

Genau darum geht es: Verdrängen, ausblenden, wegsehen, artig gucken? Da kann es nur eins geben: hingehen, hingucken, genau gucken, unartig gucken.

Wie`s geht, zeigt das MuT: Nazi-Kunst raus aus den Giftschränken, rein in die wissenschaftlich-analytisch-öffentliche Debatte auf der Bühne von Kunst-Museen und anderen Bilder-Ausstellungsinstitutionen.

Selbst Klaus Staeck, - er verfasste 1986 die Publikation „Keine Nazi-Kunst in unsere Museen“, sagte auf der Podiumsdiskussion am 6. November überzeugt: „Ja, so, - so kann man Nazi-Kunst im Museum zeigen.“ Und meinte damit die vergleichend-konfrontative  Struktur der Bochumer Ausstellung, die Augen öffnet, ist doch die verfolgte, verfemte Kunst von Felix Nussbaum, Otto Freundlich, Max Beckmann, Karl Schwesig, Willi Baumeister u.v.a. so unvergleichlich wahrhaftiger als die Nazi-protegierte Brav-Kunst. Wenn man denn überhaupt diesen Zusammenhang herstellen kann. Zu ungeheuerlich ist Nazi-Kunst.

Mein Fazit: Aus der Geschichte unartiges Wahrnehmen zu lernen, wenn Artigkeit zum Politikum wird, ist eine drängende Verantwortlichkeit.

Seid unartig!