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27. Juni 2018 - von Claudia Posca

SchichtWechsel

Dortmund

Schürfen, finde ich, ist ein schönes Wort. Das, wenn man es lang zieht, - schüüüürfen -, genau so klingt, wie die Tätigkeit, für die es steht: raspelndes Ernten. Am Ende hat man viel gewonnen. Außerdem ist Schürfen ein aus der Mode gekommener Begriff. Außer für die, die Bitcoin-Mining betreiben, Kryptowährungen schürfen.

Museales Mining aber geht anders, baut Vorurteile ab, hebt Schätze. Das kann man guten Gewissens „SchichtWechsel“ nennen. Philosophisch steht er für Horizonterweiterung, Neujustierung, klassisch für Dienstwechsel jeglichen Couleurs - unter Tage, über Tage. In diesem Fall steht der „SchichtWechsel“ für eine Kunstgeschichte „von der bergmännischen Laienkunst zur Gegenwartskunst“.

„Och nee, biste schon wieder beim Thema: „Kunst & Kohle“?“

Ja, warum auch nicht? Nur Wiederholungstäter tun das Immergleiche. „Kunst & Kohle“ aber schürft anders. Die  17 Ausstellungen in 13 Städten funkeln facettenreich. Keine Schau gleicht der anderen. Schon mal was von „Steckenpferdturnieren“ gehört, oder Fotos vom Freilichtmaler-Bergmann geguckt? Eben. Also: nicht stänkern. Studieren.

Und so bin ich, eben deswegen, für ein besonderes Kapitel Kunstgeschichte ins Dortmunder „U“ gefahren. Schon jetzt sei vorweg gesagt: Die haben da mit Lust an Nischen was ausgegraben, davon wissen Wenige nur wenig. Sondercharme hat`s. Weil Laienkunst was drauf hat, mit dem Herzen malt. Und in den 1950er/60er Jahren dafür geackert hat, Freizeit sinnvoll zu nutzen, auch, um den vielen Nationalitäten der Bergleute ein ´Wir` zu geben. Eine aktuelle Kiste, wenn man mal an Zuwanderung und Migration denkt, oder?

Es ist 18.30 Uhr, gleich beginnt die Führung. Wir stehen mit Regina Selter, stellvertretende Direktorin des Dortmunder „U2“, und Karoline Sieg, wissenschaftliche Mitarbeiterin, beim Zechen-Mapping. Das Dortmund der 1950er/60er Jahre zählte 15 Bergwerke allein in Dortmunds City und Umgebung. Auf einer Landkarte sieht man die Pütts groß gezoomt, durch historische Fotos dokumentiert: Zeche Zollern, Minister Stein, Gneisenau. Was die wohl mit Kunst zu tun hatten?

„Zig Gespräche mit Bergbaukundigen, Recherche in Lagern und Archiven, Lektüre von Zeitungen, wie „Werk und Wir“ (Hoesch Werke AG Dortmund), „Werks-Nachrichten“ der GBAG/Gruppe Dortmund oder der Zeitschrift „Der Anschnitt. Zeitschrift für Kunst und Kultur im Bergbau“ neben dem Durcharbeiten von Pressespiegeln, das ganze Programm halt, haben wir betrieben, um in vier Kabinetten einen Bogen von der Historie bis in die Gegenwart zu spannen, wo Kohle, Strukturwandel und die Transformation der Region bis heute andauernd viele Künstler und Künstlerinnen von Mikhail Karikis & Uriel Orlow über Mohau Modisakeng bis hin zu Eva Gronbach inspirieren.“

Museum Ostwall in Dortmund Krass viel Schürfarbeit für krass wenig Bekanntes ist das. Staunenswert. Welche Kunstgeschichte schrieb je über Hobby-Kunst auf Zeche? Oder stellte mit Séraphine Louis eine gefeierte Malerin naiver Kunst ins Bergbaumilieu? Spannendes gilt es aufzuarbeiten. Material dazu hat das Museum Ostwall im „U“ genug. Eine einzigartige Kollektion bergmännischer Laienkunst beherbergt das Haus, figürlich Geprägtes, teils idealisiert, teils Not und Angst unter Tage schildernd.

„1200 Meter tief war die Grubenfahrt auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop. Das hat uns geholfen, eine Vorstellung von der Arbeit unter Tage zu entwickeln. Eigentlich fängt das Forschungsprojekt mit der Ausstellung „SchichtWechsel“ gerade erst an“, erzählt Regina Selter. Bei mir wirkt das Programm aber schon jetzt eindrücklich: wissenschaftliches Schürfen für eine Forschungsarbeit, in der sich Leben verfangen hat. Die Lust,  in die Winkel und Nischen des Reviers zu gucken macht neugierig auf mehr.

„Sollen wir los?“ Hinter uns lächelt von einer großen Fotowand die Gründungsdirektorin des Dortmunder Ostwall-Museums, Leonie Reygers (1905 -1985), in den Publikumsraum. So sympathisch, dass man sich ernsthaft fragt, ob nicht vielleicht sie dem Picasso-Krug rechts unten im Bild das Lachen auf den Bauch gezaubert hat? 

„Ja, Leonie Reygers war besonders. Eine starke Frau. Sie hat das Thema Laienkunst salonfähig gemacht. Als sie ab 1947 aus den Trümmern des Museums für Kunst und Kulturgeschichte das neue Ostwall Museum für moderne Kunst hochgezogen hat, war ihr klar: ein Museum für alle muss her. Mit einem Ausstellungsprogramm, das Plastik, Malerei, Grafik und die so genannte entartete Kunst zeigt und weder das Kunsthandwerk noch industrielle Formgebung vergießt. Sie hatte ein immenses Interesse für Volks- und Laienkunst, arbeitete mit dem Kunsthändler und -sammler Wilhelm Uhde (1974-1947) zusammen. In Ehrung ihrer museumspädagogischen Arbeit mit Kindern hat Leonie Reygers das Bundesverdienstkreuz erhalten. Toll, dass wir mit Blick auf die von ihr geschätzte Laienkunst auch unsere eigene Museumsgeschichte reflektieren können“ erhalte ich mächtig viel Info-Input.

Museum Ostwall Aber ich hab`s ja versprochen: Schürfen ist eine kompakte Angelegenheit. Von wegen lokaler Selbstbespiegelung! Im Dortmunder „U“ ist spannende Historie in Werken mit Lokalkolorit zu sehen. Bilder etwa von Max Valerius, der wegen seines pastosen Farbauftrags ein „Expressionist im Rohzustand“ genannt wurde, erzählen von gestalterischer Energie, während die „Schwäne und Enten vor der Zeche Zollern II/IV“ von Franz Brandes, der eigentlich Hauer war, 1953 begann in Ölfarbe zu malen und sich mit seiner Verrentung 1967 schließlich ganz der Malerei verschrieb, Sehnsuchtsorte zwischen Idyll und Paradies imaginieren. Nicht zu vergessen die Figuren-Skulpturen des Bergmannes Erich Bödeker, die dieses gewisse Augenzwinkern haben. Was zusammengenommen eine Menge lehrt übers Revier, seine Kultur und Menschen. 

Und die haben, eigen und speziell, die bergmännische Laienkunst in den 1950er Jahren zur Blüte gebracht. Auch, weil Gewerkschaften und Montanindustrie das kreative Schaffen der Bergleute mithalfen zu fördern. Mit einer erstaunlichen Philosophie dahinter, vielleicht sogar nah dran an Schillers „ästhetischer Erziehung des Menschen“. Unter dem Stichwort Identitätsbildung sollte Kunst, auch die Naive mit Ente und Biene drauf, „Gastarbeiter im Sinne einer Gemeinschaftsbildung mit einbeziehen“. Auf „Steckenpferdturnieren“ konnte sich die „Naiven“ vergleichen: „Papas Bild hängt im Ostwall-Museum.“ Als Jurorin trat Leonie Reygers 1962 und 1965 an.

Museum Ostwal Dortmund 2 Ob die taffe Museumsfrau so etwas wie eine Nachfahrin in den Fußstapfen des großen Hagener Museumsmannes Karl Ernst Osthaus (1874-1921) ist, den man getrost einen Pionier vernetzter Kulturen über kulturelle Grenzen hinweg nennen kann? Und der 1901 die Folkwang-Malschule in Hagen, die Sammlungen für Kunst in Handel und Gewerbe aufbaute.

„Da ist viel Wahres dran. Auch Leonie Reygers hat ähnlich wie Karl Ernst Osthaus ein Gesamtkonzept mit dem Leitgedanken der Förderung von Kreativität und Bildung für Jeden gehabt. 1961 war sie es, die die erste Kindermalstube in einem deutschen Museum einrichtete. Da haben die Kids mit Flüssigfarben vor den Original-Expressionisten gemalt. Heute unvorstellbar, damals für Leonie Reygers absolut notwendig, um ein Gespür für Originalität, für Qualität zu befördern. Und genauso ernsthaft ging sie auch mit Laien-Kunst, mit naiver Kunst um, machte sich stark für „Maler des einfältigen Herzens“ (1952), für „Sonntagsmaler aus Jugoslawien“ (1962/63), für „Amerikanische Primitive“ (1954/55), für Kunst aus dem Kohlenpott.

Na, zu viel versprochen? Das ist doch mal wirklich ein SchichtWechsel im Kunstgeschichtsbetrieb. Augenöffnend. Gar nicht naiv. Noch bis zum 12. August zu sehen.

SchichtWechsel