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16. Juli 2019 - von Claudia Posca

Rigoros engagiert

Essen

Arbeit, Auszeit, Ausstellungen. Das kommt bekannt rüber? Vertraute Smalltalk-Eckdaten? Willkommen im Club der Künstler, Kunsthistoriker, Kunst-Fans. Derzeit kursiert der Satz: „Biste schon im Folkwang gewesen?“

Nun wissen Sie und ich, dass da aktuell der Sammlungs-Relaunch vom neuen Direx Peter Gorschlüter , - ja auch der ist jetzt schon ein Jahr im Amt! -, lockt. Und natürlich geht man die neu arrangierte Essener Folkwang-Kollektion gucken. Aber darauf will ich nicht hinaus, - es tut mir leid. Nein, ich will Sie auf Nebenwege locken, - zur aktuellen Sonderschau, made by Kurator Tobias Burg. Der nämlich hat der hierzulande eher mäßig bekannten, obwohl zweimal auf der documenta vertretenen, US-amerikanischen Künstlerin Nancy Spero zehn Jahre nach ihrem Tod und parallel zu einer Schau im New Yorker MoMA einen Überblick, - den ersten umfassenden in Deutschland überhaupt -, gezaubert, von dem ich glaube, dass von ihm im Rückblick aufs Ausstellungsjahr 2019 noch die Rede sein wird.“

„Oh, seit wann verlegst Du dich aufs Orakeln? Und überhaupt: Warum sollte mir Nancy Spero eine Must-See-Ausstellung 2019 sein? Oder hab` ich Falsches zwischen den Zeilen gelesen?“

„Nee, nee. Goldrichtig verstanden.“

Und dann erzählte ich meiner Kollegin, was Sie folgend lesen: dass Nancy Spero eine bemerkenswerte Frau, eine großartige Künstlerin ist. Und dass ihre figurativ-skripturalen Bildfindungen, - oft orientiert an griechischen und etruskischen Bildvorlagen -, es meisterlich vermögen in dem sensiblen Format zwischen politischem Engagement und genuiner Bildfindung eindringliche Statements zu setzen, die dem selbst formulierten Postulat folgen: „Anarchisch zu sein – aus dem System herauszutreten – keine Autorität anzuerkennen, sich Hierarchien zu verweigern – männlichen Erwartungen zu entkommen – gegen männliche Autorität anzugehen. Neue Zeitrahmen zu setzen – uralte Konzepte männlicher Vorherrschaft abzulehnen. Die Anarchie sollte Künstlerinnen gerade recht sein, in der Ablehnung und in der Revolte – dem Umsturz des Patriarchats.“

„Sorry, geht`s auch weniger feministisch?“

„Sorry zurück: nein. Und das ist auch gut so. Denk` nur mal an Mülheim vor ein paar Tagen, wo die mutmaßlichen Täter, 12- und 14-jährige Jungen, einer jungen Frau gegenüber übergriffig geworden sind. Gemeinsam, noch Kinder. Unfassbar. Da stellen sich Fragen. Nach bestimmten Männer- und Frauenbildern, nach Vorbildern, nach der gesellschaftlichen Rollenverteilung, nach Machtstrukturen, nach Religion und der bis heute fehlenden Gleichstellung der Geschlechter. Nancy Spero hat zeitlebens genau bei solchen Themen angesetzt, Macht- und Gewaltstrukturen an den Pranger gestellt, sich gegen Chauvinismus und Herrschaft organisiert.“

1972 etwa gründete sie in New York die erste, bis heute bestehende Frauen-Produzenten-Galerie wider die Missachtung von Künstlerinnen: „Feminismus ist ein revolutionärer Bewusstseinszustand, der nichts als selbstverständlich hinnimmt. Alle Annahmen in Bezug auf Kunst, Geschichte, Anthropologie etc. sind für eine Neubewertung offen“ war sich die Ausnahme-Künstlerin sicher.

Hochaktuell ist ihre Kunst bis heute. Weil die Verhältnisse lange nicht sind, wie und was sie sein sollten. Dagegen steht Nancy Speros Kunst, protestiert mit zum Teil drastisch expressiven Motiven, klagt an: Unrecht und Ungerechtigkeit, Macht, Gewalt, Folter, Vergewaltigung, Krieg, Menschenrechtsverletzung. Rigoros. Humanistisch. Aus dem Blickwinkel der Frau. Eine ihrer zentral gestellten Fragen ist die, was es bedeutet ein Opfer zu sein. Mitte der 1970er Jahre unter dem Eindruck des Vietnam-Krieges entscheidet sich Nancy Spero dafür, den Mann als Motiv aus der Kunst zu werfen, nachdem sie zwischen 1966 und 1970 die in Essen gezeigte „War Series“-Serie als Protest gegen die Gräuel des Vietnam-Krieges gemalt hatte: „Male bombs“ als sexualisierte Kriegsmonster. „Die Bombe nimmt unterschiedliche Formen an. Aus dem Bombennebel lösen sich furchterregende Engel des Todes und der Zerstörung – sind es ihre Zungen oder ist es But, was aus ihren Mündern schießt? Dann wieder nimmt die Bombe die Form eines ägyptischen Kanopenkrugs an oder die eines Torsos, aus dem obszöne Engel hervorgehen“ schreibt sie 1966. Was selbstredend kein Coolness-Post ist. Nancy Spero Ballade von der Judenhure Marie Sanders, 1991

Oder, - wie es die mehr als eine Generation jüngere Künstlerin Kiki Smith, - 2003 stellte sie mit Nancy Spero zusammen in Gateshead, England aus -, im Gespräch mit Tobias Burg sagt: „Wenn man sich heute ansieht, was sich in den letzten fünf bis zehn Jahren in Bezug auf Frauen- und Menschenrechte auf der Welt abgespielt hat, ist es definitiv wichtig, Kunst zu zeigen, an der man sich orientieren kann.“

Umso mehr in Zeiten einer weltweit erstarkenden, nationalistischen Radikalisierung der Gesellschaft. Mit Nancy Spero stellt Kurator Tobias Burg eine extrem bildgewaltige, eine an der conditio humana interessierte Künstlerin vor, die, -  1926 in Cleveland, Ohio geboren, mit dem Maler Leon Golub (1922-2004) verheiratet, drei Kinder -,  in eindrucksvoll ureigene Bildsprache umsetzte, wofür sie zeitlebens einstand: für Frieden, Freiheit und Frauenrechte. Im Leben. In der Kunst. In der Vergangenheit. Für die Zukunft.

„Du findest den Parcours so richtig, wichtig, gut, stimmt`s?“ Nancy Spero Maypole: Take No Prisoners II, 2008

„Richtig. Auch weil das so gar nichts mit verflachter Polit-Kunst zu tun hat. Entsprechend geht das an. Kein leichter Parcours. In der Serie der „Torture of woman“ etwa finden sich Texte von Folteropfern collagiert.“

„Kann ich mir vorstellen, dass das aus der Spur wirft.“

In der Tat. Es ist ein eisiges „Theater der Grausamkeiten“ (Antonin Artaud, 1896-1948), das Nancy Spero auf der Bühne der Kunst uns zum Bilde in einer drastisch entlarvenden Ikonik vorstellt. Mir hängt der Satz nach: „Ich las Berichte von Amnesty International und konnte mir ausmalen, - und kann das nach wie vor -, wie schnell man in eine Lage kommen kann, die wie die Hölle auf Erden ist, selbst in unserem Land.“

 


Bildrechte:

Titelbild: Nancy Spero: Victim – B52 – Eagle, 1970. Gouache, Tusche und Collage auf Papier, 109,2 x 71,1 cm Courtesy Barbara Gross Galerie, München © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019.

Bild 1: Nancy Spero: Ballade von der Judenhure Marie Sanders, 1991 Lithographie auf Papier, 53,3 x 121,9 cm
Museum Folkwang, Essen © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019.

Bild 2: Nancy Spero: Maypole: Take No Prisoners II, 2008
Handdrucke auf Aluminium, Bänder, Stahlketten und Aluminiumstange mit Stahlsockel
Courtesy Galerie Lelong & Co © The Nancy Spero and Leon Golub Foundation for the Arts / VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Foto Courtesy Galerie Lelong & Co.

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