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16. Juni 2016 - von Claudia Posca

Richtig richtig groß

Ruhrgebiet

So, das Kunstereignis 2016 ist eröffnet, die „emscher kunst" ist am 4. Juni gestartet. Stadt, Land, Fluss und große Dimensionen stehen auf dem Programm: Einundfünfzig Kilometer Kunst open air und gratis im östlichen Ruhrgebiet. Wenn das nicht Besucherrekordverdächtig ist.

Ganz sicher aber bringt es Ranking und Profilierung ins Spiel. Sie wissen schon - höher, hübscher, größer, weiter, bedeutender: die attraktivste Stadt, das ruhigste Dorf, die intakteste Autobahn, der fortgeschrittendste Strukturwandel, die pulsierendste Urbanität.

Als ich aber in den höchsten Tönen von der größten Kunst-Meile mindestens Deutschland-, wenn nicht gar Europaweit schwärmte, war heftiges Staunen angesagt. „Is nicht wahr. Sowas bei uns im Pott?“ Was mir mal wieder klar machte, dass Kunst nicht grundsätzlich für jeden lebensnotwendig ist. „Erzähl doch mal.“  

Also beschrieb ich in Hattingens schöner Altstadt im Biergarten sitzend die Emscher-Region als Riesen-Galerie unter freiem Himmel für zeitgenössische Kunst. Und berichtete über die ehemalige Kloake des Reviers, und wie sie sich als Aufhänger und roter Faden fürs Emscherkunst-Projekt einen Namen machte. Denn längst in weiten Teilen zum renaturierten Frischwasserfluss mutiert, zieht eben genau diese erstaunliche Metamorphose Publikum an: Vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan hat märchenhafte Dimensionen.

Ganz zu schweigen vom Schnitzeljagdfeeling beim Drahteselritt im Emscher-Kunstparcours. Orientieren, suchen, finden: Kunst umsonst und draußen beschert Glückshormone bei der Jagd auf Unvordenkliches.

Nach 2010 und 2013 ist „emscher kunst“, die Dritte erneut ein höchst sportives 100-Tage-Dauer-Laufangebot. Turnschuhe oder Bike braucht`s dafür eher denn Vernissage-Outfit. Meine Empfehlung: Zwei Tage einplanen, um fünfzehn brandaktuelle sowie neun reaktualisierte Kunstprojekte zu erkunden. Hilft auch bei Baumaßnahmen am eigenen Leib. Fit, fitter, am fittesten durch Kunst.

Wie gesagt: groß, größer, am größten, die „emscher kunst 2016“ ist die derzeit grenzenloseste Ausstellung im Revier. Im wörtlich und im übertragenen Sinne. Versprochen!

Oder wären Sie nicht gnadenlos irritiert, wenn plötzlich ein Schiff beladen kommt mit Labor und Atelier, um als trockengefallenes Expeditionsboot durchs Land zu cruisen? Oder wenn Sie in einem unfertigen Ladenlokal, Nähe Dortmunder Phoenix-See, einen herrlich schrägen Künstlerfilm über künstlerischen Wahr- und Wahnsinn entdecken. Oder wenn Ihnen ein echter Kiosk mit italienischem Charme echt-falsche Souvenirs zu offerieren sucht, Sie und ihre Family Zeuge einer futuristischen Mutation werden beim Blick in eine Space-Station, die aus Abluft Pflanzen zaubert? Oder wenn Sie in ein amorphes Vielleicht-Kohlenstück eintreten, um sich magischer Klang-Sphärik „zur kleinen Weile“ auszusetzen?

Klingt erstaunlich? Ist erstaunlichst. Der Superlativ reißt nicht ab, das Allermeiste der Emscherkunst 2016 hält, was es verspricht. Auch, dass es eine der luftigsten Ausstellungen im Pott ist, stimmt. Scheint die Sonne, ist die Identität stiftende Kunstparade eine sonnigste Galerie noch dazu. Bei Regen muss man ja nicht unbedingt Kunst-emschern gehen.

Von der Emscherquelle in Holzwickede über den Phoenix-See, die Kokerei Hansa, das Union-Viertel und das Hochwasserrückhaltebecken in Dortmund, über das Wasserkreuz in Castrop-Rauxel/Recklinghausen bis hin zum Stadthafen Recklinghausen/Herne verläuft der Kunstparcours - unlimited, ohne Mauern drum rum, aber mit Himmelszelt darüber, mal mehr, mal weniger dicht entlang der Emscher und einem Generationenprojekt, das seit den 1990er Jahren baut am Umbau der „schwatten Köttelbecke“ zu einer Natur-Oase - keine museale White Cube-Ausstellung, aber international ebenso hochkarätig bespielt. Auf dass sich im Spiegel der Kunst die enorme Transformation einer Landschaft ablesen lässt.

Es ist das Nonplusultra in diesem Kunstsommer. Hab` ich die Emscherkunst meinen Hattinger Zuhörern angepriesen: Kein Weg führt dran vorbei. Jedenfalls fast nicht. Zumal nach den zwei ersten Zielvorgaben, „Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel“ (2010) und „Ökologie und Klimawandel (2013) jetzt „Entdecke die Kunst - erlebe die Veränderung“ lockt. Was signalisiert: Die Emscher-Region hat was, hebe den Schatz!  

Tatsächlich ist die neue Emscher in weiten Arealen grünstes Naherholungsgebiet geworden. Bachforellen wurden schon gesichtet, Ufer-Farn sprießt, der einstige Beton-Fluss mäandert wieder frei und munter.

Dass das so wurde, haben Emscher-Künste und -Künstler fleißig mit dran gebaut. Faktisch durch bleibende Kunst vor Ort, und - viel wichtiger noch - mental, in den Köpfen der Menschen, durch künstlerische Stolpersteine, die nachdenken lassen über die Metropole Ruhr mit ihren rund 5,1 Millionen Bürgern, über Industrie- und Kohlekultur, über Infrastrukturprojekte, über Digitalisierung, über Tradition, Moderne und Zukunft.

Es ist ein großes Thema: Wir und das Revier, die Emscherkunst hat dazu eigene Visionen, setzt nach vorn gerichtete Zeichen. Möglich, dass man sie einst eine wichtige Zukunftsikone des Reviers nennt.

Meinem Hattinger Publikum lese ich dazu ein kurzes Statement aus dem Konzeptpapier vor: „Eine leitende Frage der Emscherkunst lautet: Wie wird sich das Verhältnis von Natur und Stadt in Zukunft gestalten? Die hochkarätige Kunst lädt Bewohner und Bevölkerung ein, sich intensiver mit sozialen und ökologischen Aspekten auseinanderzusetzen“ sagt Lukas Crepaz als Geschäftsführer der Kultur Ruhr GmbH. Was Katja Aßmann von den Urbanen Künsten Ruhr wiederum die „Fortschreibung unseres Anspruches“ nennt, „Werkstatt für eine Region im Wandel zu sein.“

Die beiden müssen es wissen, zusammen mit der Emschergenossenschaft und dem Regionalverband Ruhr in Kooperation mit den Kuratoren Florian Matzner und Simone Timmerhaus stellen sie das seit Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 bewährte Emscherkunst-Veranstaltungsteam.

Wobei Kontext- und performative Kunst ihnen ganz offensichtlich am Herzen liegt. Nur gucken? Reicht nicht. Viele der Emscherkunstwerke wollen Power, setzen auf Vernetzung, auf Diskussion, auf Denksport, Reise und Expedition unterwegs im urbanen Raum.

Also: Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, als Co-Architekten für eine glänzende Zukunft des Reviers? Bisweilen sogar tätig im Schlaf? Dann nämlich, wenn man zu den Glücklichen zählt, die eine Nacht auf der Brücken-Skulptur via Internet-Buchung ergattert haben? Was jetzt schon, nach nur knapp 2 Wochen „emscher kunst“-Laufzeit genüsslichst frequentiert wird? Noch nie jedenfalls hab` ich in Kunst gebettet geschlafen. Vielleicht aber jetzt? Rauf auf die Kunst-Pritsche: nachdenken, träumen und visionieren.

Die Emscherkunst als Manna fürs Revier aus dem Revier?

Ohne Sie, ohne uns, ohne Kunst wär das gar nicht zu machen. Was die Emscher-Region zwar längst noch nicht zum größten Kunstparkett auf diesem Planeten erhebt, aber doch zeigt: Die Kunst- und Kulturmetropole Ruhr ist eine der dichtesten, frischesten, experimentellsten! Wie gesagt: richtig richtig groß!

Richtig richtig groß