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14. April 2016 - von Claudia Posca

Revier und mehr

Essen

„Weisse Bescheid.“ Wusste ich aber gar nicht. Weshalb ich spinksen ging auf Zollverein. Um ins Bild zu kommen, was Revier-Geschichte mit taufrisch neu entdeckter Fotokunst der 1920er Jahre zu tun hat: Vom Dunkel ins Licht - dank Erich Grisar, dem Fotografen aus Dortmund. Eine echte Entdeckung.

Ruhr Museum? Kunst? In der Kohlenwäsche?

Bis dato hatte ich gespeichert: Die anlässlich von Kulturhauptstadtjahr 2010 eröffnete, nach Plänen des renommierten niederländisch Architekten Rem Koolhas umgebaute Kohlenwäsche auf dem Weltkulturerbe Zollverein notiert Sozialgeschichte. Insbesondere die der Industrialisierung an Rhein und Ruhr. Und gräbt dafür nach Mineralien-, Montan- und Bergbau-Geschichte. Um der gesamten Natur-und Kulturhistorie des Ruhrgebiets auf die Spur zu kommen. Da geht nix ohne tiefes Schürfen in Archiv und Annalen und vor Ort. Das erklärte Ziel: „Gedächtnis und Schaufenster des Reviers“ will man sein. Ausstellungen in Gestalt etwa von „200 Jahre Krupp. Ein Mythos wird besichtigt“ (2011/12), oder „Werdendes Ruhrgebiet. Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr“(2015) trugen das Ihre schon bei.

Ist mir da etwas durch die Lappen gegangen?

Die Fotos Chargesheimers (1924-1971) etwa? Zur „Entdeckung des Ruhrgebiets“, eine Ausstellung mit Lichtbildern des alten Reviers: qualmende Schlote, Straßenfußball in der Gosse, Kohle-Kumpel mit Grubenpferd und Frauen an der Werkbank. Der eigentlich Carl-Heinz Hargesheimer heißende Kölner war ein Schüler des legendären Folkwang-Fotolehrers Otto Steinert und ging zusammen mit seinem Freund Heinrich Böll auch da hin, „wo es wehtat, wo es stank - unter Tage nach Schweiß und Öl und Angst, über Tage nach Kokerei und Kappes“, wie WAZ-Redakteur Jens Dirksen damals über das Nah-Dran des Foto-Realisten schrieb.

Ich aber hatte das Ereignis verpasst. Und damit Milieu-Studien jenseits von schönschreibender Pott-Romantik. Denn bei aller Revier-Euphorie gewinnt man gelegentlich den Eindruck, dass die Vorstellung blitzblanker Grubenlampen kursiert, dass Kohle-Loren für Blumenzwiebeln wie geschaffen sind, dass wohlgenährte Rosse Koks-Karren durchs Nachkriegs-Deutschland zogen, dass das das Grau-in-Grau gar nicht so schäbig war und Kinder in den 1930er Jahren den ganzen Tag Murmeln spielten. Ruhrpottalgia wohin man blickt.

Das Revier vergangener Zeiten aber sah anders aus: „Eine Kohlenlunge haben schon die Kinder, die, kaum dass sie gehen können, fortgeschickt werden mit Karre und Schaufel, dass sie Pferdedung von der Straße kratzen, mit dem das kleine Gärtchen, dass längst nicht mehr in der Nähe der Häuser liegt, wo es einmal seinen Platz hatte, gedüngt wird. So helfen Vier- und Fünfjährige schon das Brot verdienen, das sie essen, und das der Vater trotz schwerster Arbeit im rationalisierten Betrieb nicht schaffen kann“ hat es der Revier-Literat Erich Grisar seziert. Bekannt sind vor allem seine Romane „Ruhrstadt“ (1931) und die „Kindheit im Kohlenpott“.

Dazu passt, was ich aus Familienerzählungen weiß: Oma Erna musste Gänse hüten am Kanal, die Bergmannskuh im Hinterhof muhte nicht, sondern meckerte, und der Steiger nahm einen Kanarienvogel mit untertage, damit dieser vor mattem Wetter = Sauerstoffarmer Luft warnte, was der Bergmann in dem Moment wusste, wenn der Piepmatz verstummte, gar tot von der Stange fiel. Und ja, das Himmelrot über Hattingens Henrichshütte beim Roheisen-Kochen und -Abstich, hab‘ ich mit eigenen Augen gesehen. Ab 1987 machte der älteste Hochofen im Revier mit zeitweise bis zu 10000 Arbeitern schrittweise dicht, der Strukturwandel hatte begonnen.

„Und ich sach noch, gehse Kunst kukken fürs Echte!“ Da aber war die Chargesheimer-Schau schon vorbei.

Neue Ausstellung, neue Chance: Erich Grisar drückt mir daseinswache Schwarz-Weiß-Fotos in die Seele. Der 1898 in Dortmund geborene, in Dortmund 1955 gestorbene Schriftsteller, Journalist und gelernte Kesselschmieden-Vorzeichner lieferte sie zwischen 1928 und ´33. Sein Nachlass insgesamt umfasst 4200 Negative und Glasplatten. Dabei war der Mann Autodidakt! Und dem Ruhrgebiet zugetan. Circa 1500 Fotos hat Erich Grisar im Revier geschossen: auf der Gasse, in den Gossen, beim

Brückenbau, beim Schleppen steinschwerer Rücken-Kiepen, aber auch bei Henkelmann und Pausenbrot. Mit Herz aus dem Herzen des Ruhrgebiets berichtet, zeigen seine Foto-Erzählungen, wie empfindsam der Fokus kalibriert war - DIE Chance ins Revier vor sieben, acht Jahrzehnten zu gucken, nah dran, empathisch, realistisch. Wie nur blieb die übers Kleidchen gezogene Weiß-Kittel-Schürze weiß? Wie nur bewahrten sich die vor Armut und Maloche ausgemergelten Gesichter ihren Stolz? Erich Grisar zeigt Menschen. Und ihre Würde. Den Proletariern, auch den tierischen, gelten seine Foto-Konzentrate. Die Fakten von damals kriechen in die Knochen.

Auf Zollverein im Ruhrmuseum sind die eigentlich im Dortmunder Stadtarchiv lagernden Dokumente noch bis Ende August zu sehen. „Ein Muss musse wissen, wennze mit dem Pott firm sein willz!“

90 Sekunden dauert die Fahrt auf der mit 68 Metern längsten freistehenden Rolltreppe Deutschlands hoch ins Ruhr Museum. Es lohnt sich, der Ausblick ist enorm.

Die 21m-Ebene gehört Erich Grisars Galerie der kleinen Leute des Reviers, er selbst kam aus ihrer Mitte. Als mehrfacher Vater lichtete er Kinder in löchrigen Bollerhosen ab, beobachtete ihr Spielen, notierte das verbotene Schlammkohle-Fischen im Zechen-Absetzbecken, sah Kriegsinvalide, Teppichhändler, Marktszenen scharf. Und ein Pferd, noch angeschirrt vor schwerem Karren zusammengebrochen mitten auf der Straße.

Buchstäblich kein Ponyhof, wohin der Mann fokussierte. Statt Feiner-Leute-Portraits schuf Erich Grisar harte Impressionen, schaute mit der Kamera in Gesichter und Seelen des Ruhrgebiets - eindringlich, ehrlich. Was auch ein bisschen nostalgisch macht, vor allem aber demütig.

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