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9. März 2017 - von Claudia Posca

Revier-Krimi „junger westen“

Ruhrgebiet

Wow, 2017 hat es in sich. Schlag auf Schlag gibt`s Kunst vom Feinsten: „Biennale Venedig“, „documenta 14“ in Kassel, „SkulpturProjekte“ in Münster und Marl. Und als wär`s des Guten nicht genug, startet im Revier der Marathon-Guck auf eigne Kunstgeschichten.

Eine psychologische Neukartierung der Nachkriegsmoderne?

Sieben RuhrKunstMuseen arbeiten dran, jedes Haus mit eigener Schau. Ein historisches Gründungs-Date ist der Grund.  

Die Wirkungsgeschichte? Sieht mancher bis heute wachsen. Ich bin gespannt, worin die Aktualität wurzelt.

„Wer, wo, was, wie, bitte? Kannste mal genauer werden?

Klar doch: Die historische Künstlergruppe „junger westen“ steht im Rampenlicht. 2008 hat es dazu schon einmal eine Parallel-Ausstellung im Kunstbunker Recklinghausen und im Dortmunder RWE Tower gegeben: „Im Zeichen der Abstraktion“ hieß die Marschrichtung. Die „wichtige Stellung des „jungen westen“ in der deutschen Kunst nach 1945“ sollte dokumentiert werden. Übrigens: Nicht nur die Künstlergruppe heißt so, sondern auch der bis heute verliehene Kunstpreis, der älteste, den das Ruhrgebiet zu bieten hat. Historisch verortet, schreibt man die Jahre 1947/48, spricht von Trümmer-Deutschland. Es ist Nachkriegszeit, die Währungsreform steht in den Startlöchern, der Demokratie-Aufbau auch. Fünf Maler, ein Bildhauer versammeln sich zur Interessengemeinschaft. Später kommen viele Kunstschaffende mehr dazu. Gerungen wurde um künstlerische Authentizität, Abstraktion und/oder Kontinuität. Das Ganze fand statt mitten im Pott, mitten in Recklinghausen, wo das Theaterfestival der „Ruhrfestspiele“ 1947 auf dem Fundament von „Kunst gegen Kohle“ startete. Alles klar?

„Ja, gibt`s denn die Künstlergruppe immer noch? Kann doch kaum sein. Es sei denn, alle tun es dem großen Informellen Karl Otto Götz nach, der in diesem Jahr 103 Jahr alt geworden ist. Oder hat sich der „junge westen“ permanent durch den Eintritt jüngerer Künstlerkollegen junggeneriert?“

Neeee, den „jungen westen“ gibt`s nicht mehr. 1962 hat er sich aufgelöst. Ich les` mal aus einem Interview mit dem „junge westen“-Künstler und -Mitgründer Thomas Grochowiak vor.  Auch der lebt nicht mehr, er starb 2012: „Wir waren der Meinung, dass es kein nachhaltiges Gruppengefühl mehr gab, stattdessen aufkommende Konkurrenz und auch Neid. Inzwischen waren wir alle wohl etabliert, hatten jeder mehr oder weniger einen großen Kreis von Verehrern, von Sammlern, Museumsleuten und Galeristen mit Einzelausstellungen.“

Punkt, Ende, aus, das war`s, mit der Künstlergruppe „junger westen“. Der Name aber lebt mit dem Kunstpreis weiter, erinnert an Aufbruch, an legendäre Kunstzeiten im Revier. Alle zwei Jahre dürfen bis 35-jährige Kunstschaffende auf 10.000 Euro Preisgeld und Renommee hoffen.

„Aha, das ist ja toll, so ein Talentschmiede-Preis. Aber wieso denn überhaupt jetzt nochmals die Feier des „jungen westen“, wenn`s doch vor zehn Jahren schon mal eine umfangreiche Würdigung samt und sonders dazugehörigem Katalog  gab?“

Tja, gute Frage. Aber Kunstgeschichte muss für junge Generationen immer wieder ´reloaded`  werden.  Und natürlich bieten sich Jubiläen dafür prima an.

Das „junge westen“-Jubiläum allerdings ist etwas kurios. Offiziell wurde die Künstlergruppe am 22. Juli 1948 ins Vereinsregister eingetragen. Aber nostalgischer Gründe wegen, wurde ein bisschen an der Geschichte geschnitzt.

„Waaaas???“

Ja. Die Gründung des „jungen westen“ datierte Franz Große-Perdekamp (1890-1952), der damalige Leiter des Vestischen Museums Recklinghausen seit 1939, auf den 5. September 1947 zurück. Was allerdings kein echter Fake ist. Denn exakt an diesem Date hatte es in Recklinghausen eine Aufsehenerregende Ausstellung zur „Jungen Kunst zwischen Rhein und Weser“ gegeben, - grundlegend für die Gründung der Künstlergruppe „junger westen“. Und rat` mal, wo die Schau stattfand?

„Sag schon. Wo? In der Kunsthalle Recklinghausen wohl kaum. Die gab es doch noch gar nicht.“

Eben. Also hat besagter Große-Perdekamp kurzerhand die mangels Angebots leer stehende Lebensmitteletage des Kaufhauses Althoff in Recklinghausen umfunktioniert, zu den „bisher vielleicht schönsten Ausstellungsräumen in ganz Westdeutschland“, wie er meinte.

„Irre Story, reif für`n Roman…“

Tja, und der Grund, warum schon in diesem Jahr und nicht erst 2018 das 70jährige Gründungsjubiläum des „jungen westen“ gefeiert wird. Übrigens: Die damals Paten standen, neben Thomas Grochowiak, hießen Gustav Deppe, Ernst Hermanns, Emil Schumacher, Heinrich Siepmann und Hans Werdehausen, alle sind inzwischen tot. Soweit die Geschichte.

Beim aktuellen „junger westen“-Hype aber glaube ich: Es geht um noch anderes. (Kunst-)historische Aufarbeitung? Klar. Erinnerung? Auch klar. Ausgrabung von wenig bis gar noch nie gezeigter Fundus-Schätze aus den musealen Depots? Super klar.

Darüber hinaus aber, und enorm wichtig für uns Ruhris: Der „junge westen“-Ausstellungsmarathon 2017 verdichtet: Es gab etwas, tief im Westen, was Identitätsstiftung heute via Bildender Kunst, via Vision, Authentizität und Individualität bedeutet. Etwas, was das Ruhrgebiet auszeichnet, was unbedingt zu seiner Geschichte und seinem kulturellen Werdegang dazu gehört. 

„Schon wieder ein Leuchtturmprojekt?“

Du kannst ganz schön zickig sein. Immerhin geht es um Deine und meine Geschichte. Und für die haben sich sieben Institutionen mächtig ins Zeug gelegt. Was sich im O-Ton des Märkischen Museum Witten, Presse-Info, so anhört: Es geht um die „konsequente künstlerische Leistung einer der wichtigsten, stilprägenden Künstlergruppen Westdeutschlands“, feiert man den Auftakt zu einem übers ganze Jahr verteilten, bis Mai 2018 reichenden Ausstellungs-Reigen. Beteiligt sind das Kunstmuseum Bochum, die Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum, das Duisburger DKM, das Kunstmuseum Gelsenkirchen, das Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr.

Ganz schön viel Spannendes aus Ruhrland also. Tenor: Das Revier kann stolz sein. Zum Rückblende-Puzzle wird es am 23. Juni ein öffentliches Symposion geben: „junger westen“ - revisited“, ab 14 Uhr in den Kunstsammlungen der Ruhr-Uni.

Jetzt aber steh` ich im Märkischen Museum Witten, gucken, was die Gründungskünstler Bahnbrechendes zauberten. Auffällig in der Auftakt-Schau: Jeder Jeck ist anders. Der Parcours funkelt facettenreich, argumentiert divers: Industrielandschaften, lyrische Abstraktion, Informel. Ich sehe mich umgeben von grandiosen Einzelkämpfern unterwegs vom Gegenständlichen zur Abstraktion.

Ein einheitlicher Stil? Fehlanzeige. Weil jeder junge Westler eigensinnig eigenwillige Antworten ins Bild und in den Raum setzte, sich je anders fragte, wie denn Ästhetisches nach Diktatur und Krieg zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft taugen könnte.

Mir schwant: Auch Stilgeschichte ist eine Konstruktion. Und nehme mit: Das Wichtige am „jungen westen“ ist sein unverbogenes Rückgrat.

Revier-Krimi „junger westen“