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19. Februar 2015 - von Claudia Posca

Quo vadis Musisches Zentrum? Ungewisse Zukunft für die Kunst-Oase an der Ruhr-Uni Bochum

Bochum

Ich bin zu früh, es ist kurz vor zehn, Treffpunkt ist das Musische Zentrum der Ruhr-Universität Bochum, kurz MZ genannt.

Verabredet bin ich mit Ortrud Kabus, der kommissarischen Leiterin des Fachbereichs Bildende Kunst, selbst Malerin, Bildhauerin. Ihr Motto: das MZ als „offener Ort für alle“, als „demokratischer Raum“. Riechen, Fühlen, Schmecken, Tasten, Ausprobieren als Ausgleich zum Studium, handwerklich und emotional: Träumen erwünscht! Auch um der Freiheit von Kunst auf die Schliche zu kommen. Die hier produzierten Werke sind „ Kunst zum Anfassen“: sinnlich, praktisch, gut, Nervennahrung für gestresste Seelen.

„Man braucht Orte, wo Menschen als Menschen angenommen werden.“ Ortrud Kabus ist mit Leib und Seele Künstlerin. Stress, Zeitmangel, Hektik sind ihr ein Graus. „Ja, ´Bologna` hat viel verändert. Die Verschulung, das Studien-Modulsystem. Der Druck ist enorm!“  In ´ihrem` Musischen Zentrum arbeitet sie gegen die Zeichen der Zeit, „ohne Noten, ohne Kontrolle, ohne Vorschriften. Das Hirn zu bewegen, ist wichtig!“ Am liebsten würde sie die Uhren anders ticken lassen.

Noch immer ist es früh. Ich nutze die Pause, schlendere durch eigene Erinnerungen, drehe an der Zeitschraube: WS1980/81, das Abi in der Tasche, die Einschreibung in Kunstgeschichte, Soziologie und Sozialpsychologie gelungen. Vom Musischen Zentrum hatte ich damals nur gehört, dass es so etwas auf dem Campus gibt. Später allerdings war Stöbern angesagt, im MZ, in den benachbarten Kunst-Sammlungen der Ruhr-Uni: Gucken, Sehen, Wahrnehmen. Nur wenige meiner Kommilitonen ´machten selbst`. Ich übrigens auch nicht. Aber das MZ war eine Oase, und es war gut zu wissen, dass sie da war. Ihren Druckerpressen trauten wir sogar zu, Flugblätter zu drucken. Für oder gegen was, wichtig war das Gefühl, Möglichkeiten zu haben: für Selbstbestimmung, für Protest, die Augen offen zu halten, in welche Richtung auch immer.

Ich gucke mich um: Zwei Ausstellungen gibt es derzeit im MZ-Foyer zu sehen: einmal Fotos, Thema ´Uni als Wohnzimmer`, einmal „Mensch und Natur“ in Radierung, Aquatinta, Collage, Bleistift, Buntstift, Acryl, Öl, Kohle und Tusche auf Bütten, Leinwand oder Papier gebannt. Die Autoren: Jura-, Medizin-, Romanistik-Studierende, die zeigen, was sie können, nachdem sie in Kursen, Seminaren, Workshops das Formen, Aktzeichnen, Ätzen, Radieren gelernt haben. Fast ein kleiner „Rundgang“. Toll! Kunst = Mensch = Kreativität = Freiheit, irgendwie hat sich Joseph-Beuys eingefräst.

Eine Staatliche Kunst-Hochschule aber ist das Musische Zentrum natürlich nicht. Und gerade deshalb ist es so besonders. Und eine Bewerbungsmappe für die Düsseldorfer Akademie im MZ der Ruhr-Uni erarbeitet zu haben, kann auch nicht schaden. Ausprobieren, Kennenlernen, Experimentieren - das gilt schließlich rundum und ist ein fast kostenlose Angebot (nur 35,- Euro Materialkosten!) für Laien aus den Reihen der Ruhri-Studenten, des gesamten Ruhr-Uni-Apparates.

Da sei es dem Musischen Zentrum verziehen, dass es architektonisch nicht gerade eine Schönheit ist, ein kantiges Gebäude zwischen Uni-Center und Audi-Max gelegen, Kind einer späten 1960er-Planung, aber erst 1984 an einem Mittwoch im Mai eröffnet und jetzt ganz grau geworden. Es aufzupolieren könnte doch im Jubiläumsjahr der Ruhr-Uni – sie wird 50 – ein schönes Zeichen setzen.

Warum nur wird dieses Juwel nicht gepflegt. Museumspädagogik endet doch nicht mit der Pubertät, ist sinnvoll investiert auch am Ort junger Erwachsener. Doch die Zukunft des MZ ist kippelig. Eine vergangene Ausstellung im Audi-Max mit Architektur-Modellen zur Entwicklung der Campus-Landschaft hatte das MZ gar nicht mehr auf dem Plan. Klugen Menschen aber fiel das auf und jetzt ist die skandalöse Vorstellung einer Ruhr-Uni ohne MZ hoffentlich (!) vom Tisch. Schließlich ist so ein Riesen-Atelier - 2000 Quadratmeter für Theater, Musik, Fotografie, Film, Malerei, Bildhauerei unter einem Dach, nah dran am Hochschulbetrieb, bespielt von fähigen Künstlern und Dozenten - ein deutschlandweit einzigartig repräsentatives Projekt. Auch das Musische Zentrum der Uni Ulm kommt da nicht mit, selbst wenn sie dort einen beachtlichen Kunstpfad unter freiem Himmel mit zig Positionen Kunst haben.

Eine Tür geht auf. Ortrud Kabus? „Ja, die bin ich“ sagt die Frau, mit der ich verabredet bin, eine Expertin für Druckgrafik, für traditionelle Mal-Techniken. Was Radierung, was Aquatinta, was Hautleim oder Hasenleim ist, weiß sie genau. Damals, vor gut einem Jahrzehnt, rackerte die inzwischen 60-Jährige zusammen mit ihrem damaligen ´Chef` und  Fachbereichsleiter Heinrich Koch, seines Zeichens Mönchengladbacher Bildhauer, für die Vermittlung der unterschiedlichsten Handwerkstechniken und Kunstsparten, vor allem aber für die Studierenden. Und für ältere Semester, die aus Spaß an der Freud` ´ihrem` Musischen Zentrum bis ins hohe Alter treu geblieben sind. „Anders sehen, anders denken, das war und ist mir wichtig.“ Werden Sie bleiben? Ein Plastikeimer mitten im großen Atelierraum fängt Regentropfen auf. Dem Anatomie-Skelett macht das nichts aus, Ortrud Kabus bekümmert es sehr. „Man weiß nicht, wie es weiter geht.“

Im dritten Jahr schon ist sie kommissarische Nachfolgerin von Heinrich Koch. Warum nur kommissarisch? Ich vermute das Übliche: Leere Kassen, Geldnot. Vielleicht wird man demnächst, um zu sparen, Fachbereiche des MZ zusammen legen, die nicht zusammen passen? Oder man stellt einen Manager fürs Geldeinwerben ein, mit dem Resultat, dass Kunstvermittlung zentral gesteuert und Kunst nicht mehr von Künstlern gelehrt und schon gar nicht mehr kontinuierlich aus einer Hand vermittelt werden. Düstere Aussichten!

Dabei ist das MZ beliebt. „Manchem Studierenden hat es in existentiell wackliger Lebensphase eine ´Höhle` bedeutet, wichtigen Halt gegeben.“ Besonders das Aktzeichnen kommt an. Rund 15 Tische im Rund um den Podest-Sockel, darauf das Modell posiert, sind besetzt. Es herrscht konzentrierte Stille. Inzwischen haben alle gelernt, dass man einem Aktmodell nichts weggucken kann. Befangenheit gibt`s nur am Anfang. „Learning-by-doing“ - das gilt auch fürs ´auf die Pelle gucken`. Warum gerade das Akt-Zeichnen gefällt? Ortrud Kabus hat ihre eigene Theorie: „Weil man sich da auf was Sichtbares konzentrieren kann. Für freies Arbeiten aus dem eigenen Inneren heraus, bleibt im Zeitalter von Bologna ja kaum Zeit. Selbst der Schluss des Semesters bedeutet heute: Arbeiten, Klausuren schreiben. Das merke ich hier sofort. Da ist dann wenig los.“

Bin ich froh, dass ich in den 1980er Jahren studiert habe. Zeit war zwar auch damals kostbar, aber Muße und Musen waren ein sinnliches Potential mitten im und fürs Studium, bescherten Lebensqualität. Ob die ehrwürdigen Druckerpressen in den Ateliers des Musischen Zentrums nicht doch Flugblätter drucken sollten - im eigenen Interesse, fürs MZ?

Quo vadis Musisches Zentrum? Ungewisse Zukunft für die Kunst-Oase an der Ruhr-Uni Bochum