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19. November 2019 - von Claudia Posca

Quo vadis, Homo sapiens?

Essen

Haben Sie das auf dem Schirm? Bald ist Nikolaus. Und der rote Strumpf ist bekanntlich nur solange leer bis etwas Schönes ihn füllt. Meine Empfehlung: Eine Eintrittskarte für die hitverdächtige Schau „Der montierte Mensch“ im Folkwang Museum Essen. Packenderes, noch dazu von ausgesuchter Qualität, kann nicht in den Stiefel kommen. Versprochen: Es lohnt sich wirklich sowas von.

„Weil? Los, jetzt will ich wissen, was ich wissen sollte, so wie Du einem die Schau ans Herz legst.“

Weil, - ganz klar -, es mit über 200 Werken von rund 100 Künstlern*innen medienübergreifend um die sensible Thematik des Mensch-Maschine-Verhältnisses im Spiegel der Kunst aus rund 120 Jahren geht. ´Siri und Alexa – verstehen wir uns` ist eine schöne Metapher dafür, was mit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Sparte Robotik begann, von der Kybernetik der 1950er Jahre mit ihrer Analyse verschiedenster Systeme hinsichtlich selbsttätiger Regelungsmechanismen fortgesetzt wurde und laut Wikipedia mit „Kunst des Steuerns“ übersetzt wird, bis es schließlich in der Künstlichen Intelligenz (KI) des Informationszeitalters mündet, - siehe Gegenwart. Wie die Bildende Kunst das sah und sieht, wie dabei der männliche, wie der weibliche Blick seziert, ist ein Bilder-Krimi sondergleichen. Höchst skurrile Exponate sind inklusive. Die estnische Installationskünstlerin Katja Novitskova etwa hat aus Babywaagen interaktive Alien-Babies namens „Mamaroo“ konstruiert. Schön spooky ist das. Aber herrlich witzig? Ein kritisches Sediment steckt drin. Anderes im Essener Parcours spannt den Homo sapiens ins spacige High-Tech-Labor ein („Syntelmann, Kleinwächter, Lörrach“ (1974) von Timm Rautert) oder lässt verselbstständigte Bohrmaschinen als kriegerisches Heer aufmarschieren („Der Krieg“ (1965) von Konrad Klapheck). Apokalyptisch, realistisch, vorausschauend, beklemmend ist das. Aber ob es gut für den Menschen, nur gut fürs Silicon Valley ist? 

Museumschef Peter Gorschlüter sieht die menschliche Hybris, das ´Lost-in-Paradise` so: „Viele Menschen versuchen mithilfe von Technik und Maschinen eine Form von Perfektion zu erreichen. Und die Kunst spiegelt dieses Verlangen und diese Sehnsucht der Menschen seit Generationen wider - mal affirmativ, aber häufig in seiner ganzen Abgründigkeit. Will man der Kunst glauben, endet das Streben nach „Perfektion“ meist im genauen Gegenteil.“ 

 

Dazu wurde das Terrain von Kuratorin Anna Fricke in Zusammenarbeit mit Nadine Engel klug absteckt, in chronologisch lockeren 18 Kapiteln aufgeblättert: „Krieg und Beschleunigung“, „Industrielle Arbeitswelten“, „Mechaniker und Maschinenmenschen“, „Der Staat als Megamaschine: Faschismus/Nationalsozialismus/Kommunismus“, „Frau-Maschine“, „Einsen und Nullen“, um nur einige Schnittstellen zu nennen.

„Boah, was für ein Spektrum. Da fühlen sich Kunsthistoriker ganz sicher gerockt, Philosophen beflügelt. Und mich hast Du auch schon im Sack.“

So schnell? Aber vermutlich geht das aufs Konto der existentiellen Dimensionen der Maschinen-Automaten-Mensch-Wesen-Erzählungen, die jede und jeden betreffen, weil Roboter, Androide & Co ein zwiespältiges Narrativ auf der Steilkurve einer zunehmend beschleunigenden Smart-Home-Zukunft sind. Nicht alle finden das sexy, viele haben ein ungutes Gefühl bei der Vorstellung einst mit Sozialpartner R2D2 zu kommunizieren. Cyber-Anthropologie ist speziell, selbst wenn Saug- und Mähroboter, Sexpuppe und humanoide Pflege-Automaten auch so ihre sympathischen Seiten von der Arbeitserleichterung bis zur Freizeitgarantie haben. Quo vadis, Homo sapiens?

„Klingt mächtig philosophisch.“

Ist es auch. Soziale Maschinen bauen, hat unweigerlich eine existentielle Dimension. Die wichtige Ausstellung im Folkwang Museum Essen argumentiert am Puls der Zeit. In den Blickpunkt gerückt, siehst Du die Figur des montierten Menschen auf immer wieder andere Weise verbildlicht. Zum Auftakt beginnt das eindrücklich mit dem wohl berühmtesten Homo mechanicus der Kunstgeschichte: Als „Forme uniche della continuità nello spazio“ (ital., einzigartige Formen der Kontinuität im Raum) zeigt Umberto Boccionis 1913 entstandene Ikone futuristischer Kunst eine kühne Kreuzung von Mensch, Dynamik, Vorwärtsdrang und maschineller Ästhetik in der menschgroßen Bronze eines Schreitenden. Der Mann ohne Herz, - transformergleich, nicht Fisch nicht Fleisch -, fräst sich als historisch-ästhetischer Impuls einer zwiespältigen Wirkungsgeschichte des Maschinen-Menschen ein. 1914 hatte der Futurismus-prägende Filippo Tommaso Marinetti Zeilen geschrieben, die wie ein Konstruktionsplan zu Humanoiden erscheinen: „Mit Hilfe der Intuition werden wir die scheinbar unbeugsame Feindschaft besiegen, die unser menschliches Fleisch vom Metall der Motoren trennt. Nach dem Reich der Maschinen …bereiten wir die Schöpfung des mechanischen Menschen mit Ersatzteilen vor.“ Grusel, Horror, Hybris, Chance?

Folkwang montierter mensch

 

„Ja, was denn nun? Gibt`s vielleicht mal `ne Antwort?“

Tja, wenn das so einfach wäre. Die Dinge liegen kompliziert. Keiner weiß genau, wohin die Reise mit welcher Konsequenz, mit welcher Komplikation geht. Und genau diesen Spagat adaptiert die Kunst. Weshalb sich in den Bildern vom montierten Menschen Faszination und Angst mischen. Die Schau stellt Fragen, ruft Filme wie „Odyssee im Weltraum“ (1968), „Blade Runner“ (1982), „Matrix“ (1999) oder „Ex Machina“ (2015) auf den Plan. Oder natürlich auch E.T.A. Hoffmanns „Olimpia“ aus dem Roman „Der Sandmann“ (1816), Fritz Langs Maschinen-Maria aus dem Jahrhundertfilm Metropolis (1927). Im bilderprallen Gepäck des Topos vom Mensch-Automaten, vom Automatenmenschen steckt eine gewaltige Achterbahnfahrt zwischen Fortschrittsglauben und Kontrollverlust. Utopie? Dystopie? Ich kann Dir sagen: Die Ambivalenz geht unter die Haut. 

Verantwortlich dafür zeichnen große Künstler*innen: u.a. Bettina von Arnim, Willi Baumeister, Helen Chadwick, Marcel Duchamp, Max Ernst, Lynn Hershman Leeson, Rebecca Horn, Wassily Kandinsky, Maria Lassnig, René Magritte und Nam June Paik bis hin zu jüngeren Positionen wie Goshka Macuga (in Zusammenarbeit mit Patrick Tresset), Tony Oursler, Trevor Paglen, Timm Rautert oder Anna Uddenberg. Dabei ist nichts einfach. Im Rück- und Ausblick sieht man das vertrackte Verhältnis von Mensch und Maschine in Bildern inkarniert, die besorgen, die noch zu Hause fürs mulmige Gefühl sorgen. Eine Illustration aus dem 1926 erschienenen Buch „Das Leben des Menschen“ aus der Feder des von den Nationalsozialisten verfemten Arztes Fritz Kahn - ein Meilenstein der Informationsgestaltung - zeigt den Erdbewohner „als Industriepalast“, den Menschen als „komplizierteste Maschine.“

„Ja, davon bin ich überzeugt. Schön, dass das die Kunst nicht anders sieht.“

Bleibt nur mehr zu fragen: Träumen Androide von elektrischen Schafen? Was schon den US-amerikanischen Schriftsteller Philip K. Dick 1968 in seinem gleichnamigen Roman umtrieb. Und ob die Cyber-Anthropologie „better than us“ ist, wie es eine Netflix-Serie von Anfang 2019 behauptet. 

Quo vadis, Homo sapiens? Hauptsache St. Claus bleibt, wer oder was er ist.

Folkwang montierter mensch

 

Quo vadis, Homo sapiens?