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4. Mai 2017 - von Claudia Posca

Punkt, Pünktchen, Fleck

Ruhrgebiet

Jaja, es stimmt. Die Zeit rennt. Was besonders Ausstellungen spüren lassen, die einem verstorbenen Künstler gewidmet sind. Gefühlt ist das traurige Ereignis nicht lang her. „Du meinst die Kuno Gonschior-Ausstellung in der Bochumer galerie m?“ Exakt. Was wie gerade erst passiert erscheint, ist schon sieben Jahre her. 2010 war der Meister farbanalytischer Wimmelbilder, ein Hundertprozent-Vorzeigekünstler des Reviers und der Neuen Konkreten Malerei, Liebhaber von Gelb, Verehrer vom Yves-Klein-Blau, überraschend im Alter von 74 Jahren gestorben.

Seither gab`s  farbanalytische Fleck- und Klecks-Bilder aus dem Studio Gonschior nur 2014 in der Essener Galerie Frank Schlag zu sehen. Mal abgesehen von der Gedächtnisausstellung im Kunstmuseum Bochum kurz nach Kuno Gonschiors Tod und natürlich den Arbeiten, die im musealen Besitz öffentlich zu sehen sind,

„Komplizierte Nachlassverhältnisse“ hört man sagen, seien der Grund für die Mangelware Marke Gonschior in den letzten Jahren.

Schön, dass es jetzt ein Bochumer Wiedersehen gibt: an dem Ort, wo Kuno Gonschior eine zwar nicht allererste, aber frühe Einzelausstellung 1971 hatte. Bis zum 13. Mai ist Malerei der Jahre zwischen 1966 und 2009 bei „m“ zu sehen, eine konzentrierte Hommage an einen Großen des Ruhrgebietes, der neben Rolf Glasmeier, Friedrich Gräsel, Adolf Luther und Ferdinand Spindel zum ´Urgestein` der Kunstgeschichte des Reviers zählt.

Wie kaum ein anderer Maler hat Kuno Gonschior das Motto vorangetrieben: Die Wand ist das Bild, die Farbe ein Chamäleon. 

Zusammen mit dem Wanne-Eickeler „Unser Fritz“-Künstlerzechen-Übervater Helmut Bettenhausen zählt Kuno Gonschior zu den Gründungsmitgliedern der im Jahre 1969 gegründeten legendären Künstlergruppe „B1“. Daran erinnerte man sich auch als 1980 Schallschutzwände an der A43 gestaltet werden sollten. Das Farbband zwischen dem Autobahnkreuz Bochum und dem Autobahnkreuz Herne  geht auf einen Entwurf von Kuno Gonschior zurück, ist aber leider kaum mehr unter dem Grünwuchs und den Graffities zu sehen. Es ist das einzige Gonschior-Werk im öffentlichen Raum.

„Nee, echt jetzt?“

Ja. Aber Innenräume, ganze Wände und Böden hat der von 1957 bis 1961 an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Karl Otto Götz ausgebildete Künstler seit den 1970er Jahren bis zuletzt gezaubert, war damit 1977 auf der documenta 6 vertreten und hat zwei Jahre später gar 600 Quadratmeter Bodenfläche im Berliner Haus am Lützowplatz gestaltet. Zur freundlichen Einladung an die Sinne, mit kolossal irritierender Wirkung.

Denn Punkt, Pünktchen, Fleck, oder wie der Farbhexer seine komplett in und aus Farbe bestehenden Bilder-Bausteine lieber nannte, „farbige Partikel“ oder „Teilchen“, sind, ob heftiger Komplementär-Kontrast-Attacken, eher Tüpfelhyänen vergleichbar denn harmlosen Dalmatinerflecken.

Heißt: Der Fleck im Gonschior-Bild hat Biss.

„Du meinst, wegen der bisweilen aggressiven Wirkmacht auf den Sehnerv? Dieses spürbare Sirren der hundertfachen kleinteiligen Farbsetzungen, die Malerei und Fläche zum Flirren bringen bei gleichzeitigem Eindruck, dass die Farbtupfen in nachbarschaftlicher Nähe zueinander beständig ihre Farbe wechseln, dazu noch vor und zurückzutreten scheinen, wodurch manchmal Wellen oder Wölbungen der Bildfläche suggeriert werden?“

Boah, super beschrieben. Ja, genau. Meine ´Fliegenpilze` der Kunstgeschichte sind das. Ich mag sie sehr. Besonders ihrer Ansage wegen: Adé Schmusekurs in Sachen Impressionismus-Flimmern à la Heuhaufen-Monet-Bild. Und her mit Reiz-Provokationen. Was Gonschior-like einem ganz schön die Augen aus dem Kopf und den Verstand an Grenzen treiben kann.

Ein Beispiel: Wie nur funktioniert die Sache mit dem Gelb tatsächlich? Wie nur kann das Übereinanderlegen eines grünen Punktfeldes und eines orangefarbenen Lochrasters die Farbe Gelb ergeben, wo es doch unmöglich ist, dass Gelb herauskäme, würde man die Farbpigmente real mischen?

„Seit Jahren beschäftige ich mich mit Phänomenen der Wahrnehmung im Bereich der Farbe und Farbtheorie. Im Gegensatz zum Wissenschaftler hantiere ich mit diesem Material, ich greife, begreife, fühle und rieche es. Ich experimentiere damit und stelle meine Mittel in Frage, ebenso überkommene Ansichten, Sehgewohnheiten und Anwendungsweisen… Das führt mich zu neuen Ergebnissen, die z.T. wissenschaftlich eigentlich nicht möglich sind“ hat Kuno Gonschior sein intensives Rendezvous mit dem Kolorit an und für sich, in Pünktchen-Reihen sortiert, zu Nebeln geballt oder im lockeren All-Over übers ganze Bild verteilt, beschrieben.

Das Faszinierende daran? Ist das Kuriose darin. Kuno Gonschior lässt Farben entstehen, die gar nicht gemalt wurden. Magisch. Optisch. Rein visuell.

So wundersame Malereien zwischen nüchterner Analyse und sinnlich-emotionalem Reiz hat der 1935 in Wanne-Eickel zur Welt gekommene Künstler mit Pünktchen & Fleck in die Museen des Reviers gezaubert, dass einem bis heute das Auge über- und das Herz aufgeht: Farb-Sensationen, von denen Goethe ahnte, dass sie ein Traum sind. In vielen Revier-Museen zählen Gonschior-Bilder zu den Sterne-Spezialitäten.

Wie der Mann dazu kam unser Sehen heiß laufen zu lassen, hat mit einer Amour fou zu tun. Kuno Gonschior und die Malerei, das war schon früh ein Dreamteam.

„Als Dreijähriger habe ich nicht wie andere gesagt, ich will Lokomotivführer werden, sondern ich will Maler werden. Mein Vater war Klempner, Installateur, meine Mutter hat ein bisschen Klavier gespielt. Einen Künstler gab es nicht in der Familie. Ich war ein Einzelkind und habe jeden Tag gemalt. Ich habe nicht wie ein Kind gemalt, sondern ich habe Postkarten abgemalt, noch in der Vorschulzeit“ erzählt Kuno Gonschior im Gespräch mit Walter Smerling anlässlich der fulminanten Gonschior-Schau 2008 in der Küppersmühle Duisburg. Dort hatte man in Erinnerung an die frühen Farbtropfräume der Jahre 1968 bis 1972 einen solchen Erlebnisraum mit Schwarzlicht-angestrahlten, von der Decke tropfenden Neonfarben inszeniert. 

Das Pingpong-Spiel der Farben allerdings hat sich der Bochumer Kolorismus-Experte, „Farbforscher“ nennen ihn kluge Köpfe, über Jahrzehnte passioniert erarbeitet: in Serien, oft parallel an mehreren Bildern gleichzeitig malend, mit Wachs und Gelbbeimischungen experimentierend, „wenigstens zwei bis drei Stunden täglich“, anfangs trotz Kunstunterricht im Bochumer Goethe-Gymnasium, wo er einst selbst die Schulbank drückte. So steht es überliefert.

Kein Wunder also, dass dieser Supernerd aller Farbanalysten in der Nachfolge von Michel Eugène Chevreul (1786-1898), Johannes Itten(1888-1967) und Josef Albers (1888-1976) schließlich Professor für freie Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin (bis 2000) wurde und uns so manchen Bild-Krimi beschert hat: oft dermaßen packend, dass man beim Lesen berechtigt durchdrehen kann, weil das zu Sehende so elend präzise wie erregend aufregend unter die Haut geht. Augen-Sex. Sag` nicht nur ich.

Passt aber zur Erinnerung. Tatort: Kunstmuseum Bochum, Gonschior-Schau 2002. Da kamen mir wahr und wahrhaftig im großen Oberlichtsaal von hinterster Schwarzwand Punkt und Fleck in Blau entgegen getaumelt. Sagenhaft. Unfassbar. Ein visueller Traum. Potenziert durch viele Bilder, darin Farben explosive Feuerwerke an Nachbildern und Warm-Kalt-Bäder im Chamäleon-Kolorit bescherten.

Seither frage ich mich, wo Op-Art und Trompe l`oeil anfangen, wo sie aufhören? Und ob Gonschior-Fliegenpilze etwas damit zu tun haben?

Punkt, Pünktchen, Fleck