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31. März 2016 - von Claudia Posca

Presse-Impressionen

Oberhausen

Darf man als Journalistin schwärmen? Und zwar weder von Kunst noch Künstler noch Ausstellungspräsentation? Sondern von einer Pressekonferenz, kurz PK, die mal so ganz anders war als üblich?

Das Date: 17. März, 11 Uhr. Urbane Künste Ruhr hatten eingeladen zur Jahresprogrammschau 2016 im Gartendom zu Oberhausen. Die Location ist kein Irgendwo, da hatte sich jemand was gedacht. Der Ort selbst geht als Bild für Strukturwandel durch.

Das ehemalige Kohlen-Mischgebäude kennen Sie nicht? Kannte ich auch nicht. Dabei liegt es nicht weit von Gasometer und Ludwiggalerie Schloss Oberhausen entfernt. Ganz nebenbei erwähnt - die Route ist einen Ausflug wert!

Gartendom? Im Ohr hatte ich die Rede vom Oberhausener Felsendom, Jahre ist‘s her. Dass der aber so gar nicht heilig ist, signalisierte das begleitende Augenzwinkern in damaliger Gesprächsrunde. Jetzt nutzt die Vergangenheit der Gegenwart. Klar ist: Urbane Künste Ruhr tagt - Dom hin oder her - nicht in profanisierter Kirche. Und da es noch Zeit war bis zur PK, ließ ich Gedanken schweifen.

Dass dem Dom der Garten vorangeht? Sympathisch! Ich stelle mir vor: kein multifunktionales Forum als nüchterne Presseinfo-Input-Börse. Und auf eine PK, die schon mit Auswahl der Örtlichkeit Metaphern-Würze streut, habe ich mich gefreut.

Die Recherche in Vorbereitung auf den 17. April ergibt: Der revierbekannte Architekt und Künstler Horst Relleke - sein Name steht für den Gläsernen Elefanten in Hamm - hatte 1998 in Oberhausen für Umbaupläne gesorgt: Aus der ehemaligen Kohlenmischanlage der Zeche Osterfeld, geschlossen wurde die 1988, sollte was Feines für die Landesgartenschau werden. Weitere Fakten: Das Industrierelikt ist Europas größte Stahl-/Holzkonstruktions-Architektur. Mit einem Durchmesser von 83 Meter und einer Höhe von 41 Meter. Seit 1998 ist sie denkmalgeschützt, heute parken Karnevalswagen drin.

So gebrieft, kam Tag X. Und ich stand vorm Gartendom, der eine markant achteckige Architektur ist. Von außen hübsch-hässlich, ein grauer Diamant mit rundumlaufenden Stahlpaneelen, wo einst mal Glasfronten waren. Doch nach der Landesgartenschau 1999 sowie zwischenzeitlicher Nutzung als Blumen-Center, auf das die „Körperwelten“ 2000/01 folgten, stand das Großgebäude leer, wurde vermüllt und demoliert. Weshalb die Stahlpaneele als Sicherungsmaßnahmen angebracht wurden, und drauf applizierte Großformat-Stadtteil-Fotografien der Aufhübschung des Außenraumes dienen.  

Und drinnen? Die Tristesse setzt sich fort, die seltsamschöne Raumdimension allerdings macht mächtig was her. Der große Truck unter der Glaskuppel ist ein Zwerg. Warum er dort parkt? Ist zu diesem Zeitpunkt noch Rätsel. Gewiss allerdings ist, dass Ort wie Van Teil der Inszenierung einer bildersatten PK sind. Schließlich blendet man auch als Faktenorientierter Medienmensch sinnlich Ansprechendes nicht aus. Die Ortssituation spricht Bände, die Schutthaufen, zwischen denen wir Pressevertreter sitzen, sind große Symbolik: Achtung Baustelle! Es gibt viel zu tun, packen wir‘s an, ihre Botschaft. Und weil es trotz einiger Heiz-Pilze und vieler Fleecedecken eisekalt im Dom ist, hätte man nichts dagegen, gleich loszulegen. Übliche Komfortzonen hat diese PK im besten Sinne verlassen.

„Wir bauen eine Stadt“ - das Urbane Künste Ruhr-Programm legt einmal mehr den Finger in die Wunde. Seit ihrer Gründung 2011 zur Etablierung von kultureller Nachhaltigkeit in Post-Kulturhauptstadtjahrzeiten lädt Urbane Künste Ruhr auch 2016 ein, sich unmittelbar am Wandel der Region zu beteiligen.

„Das Gestalten von Zukunft ist eine kollektive Unternehmung“ pointiert es die künstlerische Leiterin Katja Assmann. Und meint damit vor allem eine „gemeinsame Gestaltung mit den Mitteln der Kunst“, um „Orte der Begegnung verschiedener, teils konträrer Aktivitäten, Lebenswirklichkeiten und Perspektiven im urbanen Raum zu schaffen, an denen sich alternative soziale Prozesse, Kommunikations- und Bürgerbeteiligungsformen realisieren und ausprobieren lassen.“

Wie das en detail aussehen kann, durfte die Presse testen „Bitte einsteigen. Wir gehen auf „Truck Track“-Tour.“ Auf Atmosphärisch-Stimmiges folgt jetzt so etwas wie eine Außergewöhnlich-Mobilisierung.

Der Mini-Laster im Riesenraum-Dom, längsseitig verspiegelt, schaukelt sich in Bewegung. Wir sitzen im dunklen Laderaum auf gar nicht mal kleiner Zuschauertribüne. Schon das ist  nahezu surreal. Rund 50 Teilnehmer könnten mitfahren, der Sound aus den vielen Boxen ist eindringlich rhythmisch, auf Leinwänden flimmern Ruhrgebietsprojektionen vorbei. Ob die identisch mit der Umgebung sind, durch die der Truck aktuell fährt? „Nein, die Filme wurden zuvor produziert, mit Fokus auf entlegene, (un)typische, merkwürdige, vertraute, nahe und ferne Orte, in gewisser Weise wurden diese vertont.“

Fühlt sich merkwürdig an, diese Parallel-Welt zwischen hier drin und da draußen. Der LKW stoppt, die Projektionsflächen rollen sich auf, man guckt Ruhrgebiet live. Tatsächlich sind wir nicht mehr im Gartendom. Aus der Zuschauerbox heraus guckt man anders, die Passanten draußen können uns nur bedingt sehen. Wieder so eine Irritation. Herrlich anschaulich noch dazu. Was Lust macht auf das, was da in diesem Jahr nach den letztjährigen „Reisen im Kreis“ und „Urban Lights Ruhr“ noch so kommt. Und versprochen, das ist ein dicht gezurrt-knisterndes Paket, mit u.a. Emscherkunst drin.

Der Motor brummt, es geht weiter, die Leinwände fallen. 49 lokale und internationale KünstlerInnen haben das Road Movie nach einem Konzept des Theaterkollektivs „Rimini Protokoll“ komponiert. Ein Jahr lang wird  „Truck Track“ durchs Ruhrgebiet touren. Klasse! Mitfahren! Die ersten Impressionen sind feinstes Futter.

Das Urbane Künste Ruhr-Programm 2016 ist es auch. Teilprojekte heißen „Actopolis“, „Flickwerk“, „well.come“, „Union“, „Silent University Ruhr“, „Emscherkunst“, „pottfiction“, „Urban School Ruhr“. Darin werden in unterschiedlichster Weise Energien, Utopien, Menschen, Städte, Landschaften und Kunst gebündelt. Das Ziel: Ist eine weltoffene, internationale, bunte, blühende, lebenswerte Metropole Ruhr. Der Werkstoff dazu: sind wir und das Revier. Schön auch mal künstlerisch tätig zu sein.

Spätestens jetzt wird klar, warum und wieso diese Pressekonferenz an dieser Stätte einfach stattfinden musste. Historisch der Ort, mit Gegenwart als Zukunft gestaltbar: ein Bild uns zum Bilde - Strukturwandel, der auch morgen noch urbane Ideen und kulturelle Phantasien braucht. Bauen wir eine Stadt! Aus Steinen, Schutt und jeder Menge Visionen lässt sich Gescheites zaubern.

Presse-Impressionen