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8. Juni 2017 - von Claudia Posca

Premiere im Pott: Münsteraner Skulptur Projekte in Marl

Marl

So ist das mit lieb gewonnenen Traditionen. Irgendwann kommt irgendwer darauf, sie zu kippen. Gut so, wunderbar. Nur so wachsen Gedanken Flügel. Die Premiere im Pott? Das sind die Münsteraner Skulptur Projekte in Marl. Vergangenen Sonntag wurde eröffnet: „The Hot Wire“-Connection. Der heiße Draht glüht bereits mächtig.

Bedeutet?

Die Marler Skulptur Projekte sind keine Anhängsel-Kultur im Schlepptau eines international etablierten Promifaktor-Kunstevents. Stattdessen steckt würzig Eigenständiges drin. Sozusagen eine zivilgesellschaftliche Erfolgsgeschichte zwischen Kunst und Architektur. Das allerdings muss erst noch ins Bewusstsein wachsen.

Weshalb die alle zehn Jahre in Münster eröffnenden„Skulptur Projekte“, - heuer am kommenden Sonntag zum fünften Mal seit 1977 -, nun erstmals überhaupt in ihrer Geschichte einen Satelliten auf die Umlaufbahn schicken: Marl.

Die Spezialität ist Münster-auserkoren, ist delikat und hat das Zeug dazu Geschichte zu schreiben.

60 Kilometer entfernt von Münster, im nördlichen Ruhrgebiet an der Schwelle zum Münsterland, liegt die Partnerstadt. Rund 85.000 Einwohner hat Marl, ist zweitgrößte City des Kreises Recklinghausen, gehört zum Regierungsbezirk Münster, beherbergt den größten Chemiepark Deutschlands, ist im städtischen Kernbereich rund um eine einst hochmoderne Shoppingmall mit Freiluftkissendach aus den 1960er Jahren nicht wirklich schön, aber ein Juwel, was Skulpturen der Moderne sowie eine Architektur der so genannten Ruhrmoderne angeht.

Ich kann`s nicht lassen, die Stadt mit dem vom ehemaligen Museumschef Uwe Rüth aufgebauten, 1982 offiziell eröffneten Skulpturenmuseum Glaskasten und dem wachsenden Skulpturenpark auf dem ehemaligen Friedhof Brassert ist eine Reise wert: Marl für viele Male Skulptur. Jetzt noch mehr. Unbedingt. Der „heiße Draht“ glüht.

Wobei Marl schon immer ein Dorado für Skulpturenfans war und ist, einmalig im Ruhrgebiet. Und darüber hinaus. Mit einer der dichtesten und ältesten Open-Air-Galerien für Groß-Skulpturen. Darunter klingende Namen wie Hans Arp, Emil Cimiotti, Ian Hamilton Finlay, Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, Rückriem, Serra, Zadkine. Es ist ein famoser Parcours der Public Art des 20. und 21. Jahrhunderts zum Anfassen, zum Staunen. Das Ganze ist gratis erwanderbar, rund um einen künstlich angelegten See. Der benachbarte Skulpturenpark lockt mit bildnerischen Überraschungen mal beschaulicher, mal provokanter Art.

Komisch eigentlich, dass diese historisch allerersten Skulptur Projekte nicht schon längst im Rampenlicht standen.

Wie aber kommen Münsters inzwischen „umarmte“, einst umstrittene „Skulptur Projekte“ darauf einen „heißen Draht“ zum eher bodenständigen denn schicken Marl zu installieren?

Legende oder nicht, was Münsters Skulptur-Projekte-Star-Kurator Kasper König auf der Eröffnungsrede launig zum Besten gab, dass nämlich die Idee zum Skulpturentausch zwischen den Städten anlässlich einer TV-Serie namens „Frauentausch“ geboren wurde, ich glaub`s nicht wirklich.

Dass aber die Münster-Marl-Connection ganz handfeste Motive hat, steht schwarz auf weiß nachzulesen. Ein Krimi, der mit Kunst und Historie genauso wie mit Architektur und Urbanität zu tun und deshalb nachfolgend – sorry, ausführlich - zitiert zu werden verdient.

Also: Warum und wieso kam Münster auf den Marl-Deal?

„Anders als die kontinuierlich gewachsene Kaufmannsstadt Münster mit aktuell 300.000 Einwohnern, Tendenz steigend, entstand Marl durch den Zusammenschluss ehemaliger Dörfer mit Siedlungen von Bergarbeitern und Angestellten der Chemieindustrie. Von der Jahrhundertwende bis in die 1960er Jahre hinein vollzog sich dabei ein derartiger Bevölkerungszuwachs, dass man zwischenzeitlich davon ausging, Marl werde sich zur Großstadt entwickeln. Als Reaktion auf diese Prognosen und um das fehlende historische Zentrum zu kompensieren, errichtete die Stadt in den 1960 und 1970er Jahren ein modernes Rathaus auf der „grünen Wiese“, mit Wohnhochhäusern und dem Einkaufszentrum Marler Stern. Das von den holländischen Architekten Johannes Hendrik van den Broek und Jacob Berend Bakema 1957 entworfene und von 1960 bis 1967 errichtete Gebäudeensemble steht als innovatives Beispiel deutschere Nachkriegsmoderne heute unter Denkmalschutz und repräsentiert somit eine Epoche, die man in der nach historischem Vorbild wiederaufgebauten Stadt Münster nahezu vergeblich sucht. Kurz: Die nach dem zweiten Weltkrieg von beiden Städten gewählten Identitäten, Wiederaufbau und Kontinuität in Münster, radikaler Neubeginn in Marl, könnten unterschiedlicher nicht sein. Kunst im öffentlichen Raum spielt dabei aus unterschiedlichen Gründen in beiden Städten eine entscheidende Rolle. Grob vereinfacht lässt sich die Entwicklung in Marl als integraler Bestandteil zur Vermittlung eines humanistischen, modernen Weltbildes begreifen, während die ersten Skulptur Projekte in Münster erst eine Dekade später nach wie vor im Konflikt mit und in Opposition zu der konservativen Stadtgesellschaft entstanden.“

Boah, verneigt sich da tatsächlich das schnicke Münster vor dem gemeinhin als Aschenputtel geltenden Marl, das aktuell eine hohe Arbeitslosigkeit und Bewohnerschwund zu verzeichnen hat, in der Kunstszene aber seiner Kunstschätze wegen auf Weltklasse-Niveau spielt?

Ich bin vom„Hot Wire“ begeistert. Eine Riesen-Chance ist das für Marl. Oder auf Ruhri-Art gesagt: „Wenn wir dann Bundesliga werden, ja, dann kann die Kunst ruhig kommen.“

„The Hot Wire“ also in Botschafter-Funktion? Hilfe zur Selbsthilfe zur Schärfung städtischen Identitätsbewusstseins? Kunst als Initiator dafür, dass vermeintlich fest gezurrte (Regional-)Grenzen gewinnbringend für beide Seiten gesprengt werden können? Europäisches Denken als „pulse of art“?

Glaskasten-Museumschef Georg Elben jedenfalls ist davon überzeugt, dass Kunst das kann. Ja, und dass das mit der Baukunst ebenfalls funktioniert: „Was für Dessau das Bauhaus ist, könnte Marl für die Architektur der 1950er bis 1970er Jahre sein.“

Wie gesagt, inzwischen steht das imposant futuristisch anmutende Rathaus mit seinen beiden markanten Türmen unter Denkmalschutz, wird in Bälde geplante fünf Jahre lang restauriert. Ein „soziales Rathaus“ soll draus werden.

Weshalb es parallel dazu - heiß diskutiert, heftig umstritten - Pläne gibt, dass das unter dem Sitzungstrakt im Marler Rathaus beheimatete Skulpturenmuseum Glaskasten in die benachbarte, doppelt so große und natürlich dann museumsgerecht umzubauende Schule an der Kampstraße umziehen könnte. Schauen wir mal, -  im Juli wissen wir mehr, dann soll aus Vision Fakt werden. So oder so.

Jetzt kann die Öffentlichkeit erst einmal die schon länger leer stehende Schule als „Hot-Wire“-Ausstellungsforum kennen lernen. Zwölf Video-Klang-Kunst-Installationen sind zu bewundern, im Skulpturenmuseum Glaskasten finden sich fünfzig Modelle als historischer Einblick in die Projektplanung der „Skulptur-Projekte“ versammelt. Ja, und dann gibt es auch noch aus Münster ausgeliehene Großskulpturen zu bewundern, in Münster wiederum sind zwei Marler Werke zu Gast.

Die Idee des Skulpturentausches? Es geht darum „Werke an einem anderen Standort und unter komplett anderen sozialen und städtebaulichen Bedingungen neu zu befragen“.

Na, sind Sie jetzt heiß auf den „heißen Draht“ zwischen Münster und Marl?

Unter uns gesagt: Mächtig viel Publikum ist schon unterwegs. Noch nie bin ich so oft  gefragt worden: „Fährst Du nach Marl?“ Ganz so, als würd` es in diesem Mega-Sommer der Künste weder die zeitgleich stattfindende Biennale in Venedig noch die documenta 14 in Kassel geben.

Großartig jedenfalls war die „Skulptur Projekte-Hot-Wire“-Premiere-Eröffnung im Pott. Der große Sitzungssaal im Marler Rathaus platzte aus allen Nähten. Was Glaskasten-Museumschef Georg Elben sichtlich überwältigt in den einfachen Satz packte: „Aber es ist ja auch ein historischer Moment“. Wohl wahr.

Vor fünf Tagen ist „The Hot Wire“ an den Start gegangen, gewollt eine Woche vor den „großen“ Skulptur Projekten in Münster. Schon zur Pressekonferenz gab`s Ungewöhnliches zu sehen. Unter anderem eine Pferde-Performance nach Maßgabe Reiner Ruthenbecks (1937-2016), der das Begegnungsprojekt einst als Hommage an die grundlegende Polarität des Lebens rund um den Münsteraner Aasee mit einem schwarzen und einem weißen Ross für die dritte Ausgabe der Skulptur Projekte 1997 realisiert hatte. Wie sagte es eine Marlerin so schön? „Münster - Marl, ich hör´ Dir  trapsen.“ Jetzt ganz aktuell für drei Monate, jeden Sonntag.

Darüber hinaus hat der „heiße Draht“ Marl eine besondere Obst-Säule beschert, parallel als Zwilling zur berühmten Münsteraner Kirschen-Säule von Thomas Schütte, eigens von diesem für Marls Parkplatz hinter dem Skulpturenmuseum am Eingang zum Skulpturenpark konzipiert. Nur, dass es jetzt Melonen-Schnitze sind, die hoch über unseren Köpfen thronen, köstlich pikant schillernd zwischen Witz und Wirkungsgeschichte. Der Plot hat mehr als einen Twist.

„Wenn aber doch die Melonensäule so phantastisch-symbolisch den interregionalen „pulse of art“ zwischen Münsterland und Ruhrgebiet symbolisiert, wie Du sagst, warum bleibt sie dann nicht einfach in Marl?“

Gute Frage, gute Perspektive.

Premiere im Pott: Münsteraner Skulptur Projekte in Marl