gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

11. Oktober 2019 - von Claudia Posca

Posthumanismus oder was?

Duisburg

Sehen Sie, so ging es mir auch: Posthumanismus? Was soll das sein? Lindert das was, lässt es etwas, löst es was? „Lilalö“ - das diffuse Gefühl nach dem Besuch einer eindringlichen Ausstellung vor ein paar Tagen befördert Hirnturbulenzen. Richtig, wichtig, gut: „Skulptur in Zeiten des Posthumanismus“.

Und jetzt sagen Sie nicht, dass Sie nicht auch über den Titel stolpern. Mindestens aber über die Überlegung, ob ´post` gleichbedeutend mit ´anti` ist, was es natürlich nicht ist, aber im ersten Moment doch genau so verstanden wird. Um es deutlich zu sagen: Posthumanismus ist kein Anti-Humanismus. Keineswegs also bedeutet ein möglicher oder schon geschehener Eintritt ins Zeitalter posthumanistischen Denkens, die humane Vernunft außen vor zu lassen oder gar ins nichthumane Handeln/Leben einzusteigen. 

Wenn das aber so ist: Will uns dann diese Ausstellung darauf stoßen, dass wir längst schon in einer Schwellen-Ära leben, die den Übergang zu einem nach-menschlichen Leben markiert, also posthumanistisch ist? Wobei wir schlicht und ergreifend den Übergang verpennt haben? Ja, solche Fragerei spukte am Ende des Rundgangs umher, so, als wüssten die Fragen, dass die Zeit ihrer Antworten kommt, während ich, die Augen satt, Herz und Hirn voll, zunächst mal nur eins brauchte: Pause, Brainstorming, Zen. Was eigentlich packte mich da an? 

Gesehen hatte ich eindrucksvolle Film-Installationen der finnischen Medienkünstlerin Eija-Liisa Ahtila (*1959, lebt in Helsinki) im Lehmbruck Museum Duisburg. Was ein repräsentativer Überblick ist mit Werken der letzten 25 Jahre, darunter auch selten gezeigte Haus-Skulpturen aus dem Atelier einer der bedeutendsten Film- und Videokünstlerinnen des 20./21. Jahrhunderts. Spätestens seit ihrer umfassenden Einzelausstellung in der Londoner Tate Gallery 2002 und ihrer Teilnahme an der documenta 11 in Kassel (2002) zählen ihre, den Besucher oft durch panoramaartige Rundum-Projektionen mitten ins Geschehen katapultierenden, Arbeiten zur internationalen Top-Kunst.

Von wegen nutzgängige Kurz-, Werbe- oder Kinofilme. Der im Lehmbruck zu sehende Parcours hält bildmächtig dagegen: großformatig-raumverspannende, akribisch bis zur farbgestalteten Wand durchinszenierte Audio-Video-Choreografien weben beständig neue Bedeutungszusammenhänge, initiieren eine Verflüssigung von Bild- und Erzählgeschichte. Metaphorisch. Packend. So, dass der derzeit auf vielen Ebenen diskutierte Posthumanismus anschaulich rüber kommt. Und Fragen stellt. Unbequeme. Existenzielle. Etwa diese: Ob es bei all dem, was wir auf der Erde angestellt haben, nicht grundsätzlich und sofort ratsam ist, jeden Anthropozentrismus zu unterlassen?

Anders gesagt: Eija-Liisa Ahtila lichtleuchtet das Leben neu aus. Und zum Glück tut sie es, die ganz und gar nicht der Auffassung scheint, dass es zukünftig wohl Maschinen sind, wenn schon der Mensch so abgestumpft ist, die das Leben lebendig halten, was durchaus auch eine Interpretationsvariante des Posthumanismus ist. Eija-Liisa Ahtila aber treibt anderes um. Ihre Kunst sondiert ein Terrain zwischen tierethischer, biodiverser und biosozialer Haltung auf der Basis empathischer Achtsamkeit: „Seit Mitte der 2000er Jahre beschäftige ich mich mehr und mehr mit dem Konzept des Posthumanismus (…). Ich lote aus, wie die Sprache des Films benutzt werden könnte, um im Angesicht einer sich beschleunigenden globalen Erwärmung und des massenhaften Aussterbens nichtmenschlichen Lebens ein ausgewogeneres Bild unseres Planeten und unserer heutigen Realität zu schaffen. Mein Ziel bei der Produktion solcher gleichrangiger Bildwelten ist es, nichtmenschlichem Leben innerhalb aktueller Darstellungs- und Dokumentationsprozesse einen Status zu verleihen, der es sichtbar und gegenwärtig macht.“

Posthumanismus

Das packt an. Es geht um eine Verrückung der Perspektive von allein menschlicher Sicht. Pferde, Wölfe, Affen, atmosphärische Tag-Nacht-Wechsel, Naturgewalt und psychotische Bewusstseinszustände tauchen in ihren magisch-surreal-realistischen Film-Installationen und in den begleitenden nicht-linear erzählten Audio-Kommentaren auf. Gänsehautverdächtig. Suggestiv. Und als Plädoyer, dass Sie und Ich, dass wir uns anschlussfähig machen sollten: Wie fühlt sich das an, schlüpft der Mensch in die Haut einer Raupe, klebt wie sie schlafend hoch oben im Baum? Was eine filmische Sequenz der 4-Kanal-Projektion „Studies on the Ecology of Drama“ von 2014 ist. Oder wie ähnlich sind Affen- und Menschenhand? Auszuprobieren ist das an interaktiven Tischen mit Monitor („Research Tables“) durch den unmittelbaren Vergleich von Affenhand mit eigener Hand. Wobei diese Tisch-Stationen wiederum ein Teil der 3-teiligen Moving-Image-Skulptur „Potentiality for Love“ aus dem Jahr 2018 sind, die bildmächtig nachfragt, ob wir eine Art fundamental umfassende Liebe entwickeln können für alles das, was in irgendeiner Art und Weise lebt. Im Katalog notiert Eija-Liisa Ahtila dazu: „2017 stand ich vor der Frage, ‚was könnte unsere Wendung hin zu anderem Leben rechtfertigen?‘ In der Folge beschäftigte ich mich intensiver mit der Frage, wie relevant Liebe, Empathie und Respekt im Leben der Menschen sind und ob sich diese Gefühle über unsere eigene Art hinaus ausdehnen ließen. Dieser Kontext führte zu der Installation „Potentiality for Love“. 

Es ist die zentralste und jüngste Arbeit ihrer Duisburger Ausstellung. In ihr findet sich ein vertikal Großformat-projizierter Film eines auf einem Stuhl sitzenden Schimpansen. In räumlicher Nähe zu der im selben Raum stehenden Film-Skulptur-Wand enormen Ausmaßes, wo auf 22 DIP LED-Modulen eine im Fluidum schwimmende Frau (LOVE steht auf ihrem Shirt, an einen Embryo erinnert ihre Körperhaltung) förmlich auf uns zuschwebt. 

Ein Plot, der zum Komplott für eine symbiotische Form der Fürsorge und also für eine speziesübergreifende Sozialität, ja, möglicherweise sogar zu einer Art „Manifest für Gefährten“ (Donna Haraway) wird. Am Ende des Filmloops öffnet die Frau ihre Arme zu einer einladenden Geste, scheint uns umarmen zu wollen. Auf dass wir mitgehen, den Menschen als Krone der Schöpfung vom Sockel zu stürzen, wo nunmehr ein Mitgeschöpf sitzt. 

Jenseitsträume? Wohl nicht. Was Eija-Liisa Ahtila bewegt, ist drängend: Wer rettet den blauen Planeten? Vielleicht ist das Denken eines empathischen Posthumanismus da wirklich nicht das Schlechteste.

Fotos: © Claudia Posca

Posthumanismus oder was?